Antonelli gewinnt in Monza nach einer denkwürdigen Aufholjagd

Kimi Antonelli schafft in Monza, was sechzig Jahre keinem Italiener mehr gelungen ist – er gewinnt. Und das nach einer denkwürdigen Aufholjagd

Der Italiener triumphiert in seinem Mercedes beim Grossen Preis von Italien – und lässt die Tifosi das Debakel des Nationalrennstalls Ferrari vergessen.

Elmar Brümmer, Monza06.09.2026, 19.55 Uhr

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Kimi Antonelli sorgt in Monza für einen italienischen Sieg.

Kimi Antonelli sorgt in Monza für einen italienischen Sieg.

Anna Szilagyi / EPA

Jedes Mal, wenn er in die letzte Kurve im Autodromo Nazionale eingebogen sei, seien die Zuschauer auf der ehrwürdigen Tribüne aufgesprungen, erzählte der Sieger Kimi Antonelli nach dem Rennen. Das habe ihm ein kleines Extra an Leistung verliehen.

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Der Rennfahrer aus Bologna im Mercedes konnte die Szenerie nur aus den Augenwinkeln wahrgenommen haben, schliesslich war er in horrendem Tempo unterwegs. Und sonst hätte er erkannt, dass dort kaum jemand ein silbernes Mercedes-Fähnchen schwenkte und auch nur wenige eine blaue Antonelli-Kappe trugen. An einem Wochenende, an dem sich der italienische Motorsport in einem Ausnahmezustand befand, war Rot die alles dominierende Farbe, das Rot von Ferrari.

Der italienische Nationalrennstall, endlich wieder ernstzunehmender Titelkandidat in der Formel 1, war mit grossen Hoffnungen und viel Pathos in das Heimrennen gegangen. Die Tifosi mussten sich für eine Seite entscheiden. Sie konnten entweder traditionell und treu zu Ferrari stehen mit seinen Fahrern aus Grossbritannien und Monaco.

Antonelli erlöst Italien

Oder sie konnten sich hinter den Aufsteiger Kimi Antonelli stellen, den Italiener, der für Mercedes fährt. Das alles machte Italien zu einer gespaltenen Renn-Nation. Doch am Ende fand sie wieder zusammen, weil der Triumph des einen – Antonelli – die sportliche Tragödie der anderen – des Ferrari-Rennstalls – übertünchte. Und sicherstellte, dass am Ende doch Bengalos in den Farben der italienischen Trikolore gezündet werden konnten.

Ein 20-Jähriger verschaffte mit seinem Sieg einem ganzen Land die ersehnte Erlösung. Da die Formel 1 in weiten Teilen des Landes als Religion gilt, ist diese Feststellung nicht einmal blasphemisch. Kimi Antonelli ist der erste Italiener seit sechzig Jahren, der sein Heimrennen gewinnt. Der WM-Spitzenreiter schrieb Geschichte, und das aus der letzten Startreihe heraus – wegen der Strafe für einen Motorenwechsel musste er von Rang 19 ins Rennen starten. So etwas hat es zuvor in der Formel-1-Historie nur einmal gegeben. «Oh, mein Gott, das ist wie ein Traum», stammelte der Pilot über sein Helmmikrofon.

Über 400 000 Zuschauer drängten sich am 13. Rennwochenende der Saison in den Königlichen Park vor den Toren Mailands, das ist Rekord. Sie waren gekommen, um Grosses zu erleben. Auf der traditionsreichen Piste, die sich selbst den Beinamen «Tempel des Tempos» gegeben hat, erlebte Antonelli vor zwei Jahren seine erste Probefahrt in der Königsklasse. Sie endete nach wenigen Trainingsrunden in den Leitplanken.

Jetzt, zwei Jahre später, feiert er seinen siebenten Saisonsieg und ist damit bereits der zweiterfolgreichste Italiener. Vor ihm liegt nur noch Alberto Ascari. Was für ein Aufstieg von Antonelli, der Ascari, den zweifachen Weltmeister aus den 1950er Jahren, sein grosses Vorbild nennt.

Während der denkwürdigen Aufholjagd gelangen ihm zwei Aktionen, die neben dem Gewinn von zusätzlichen Punkten auch mentale Auswirkungen auf den Kampf um den WM-Titel haben dürften. Mit Leichtigkeit setzte er sich nach der Hälfte des Rennens gegen Lewis Hamilton im Ferrari durch. Danach jagte er seinen Teamkollegen George Russell. Der Brite brachte im Duell um die Spitze seinen internen Rivalen entgegen allen Anweisungen in brenzlige Situationen. Dann musste er ihn drei Runden vor Schluss ziehen lassen.

Die Ferrari-Piloten geraten erneut aneinander

Wer jetzt die Nummer eins im deutschen Werksrennstall ist, dürfte klar sein. Wohl um seinen Machtanspruch zu unterstreichen, zeigte Antonelli im letzten Umlauf noch die schnellste Rennrunde. «Wie ein Michael Schumacher», urteilt der Ex-Champion Nico Rosberg. Antonelli führt nun in der Gesamtwertung mit 66 Punkten Vorsprung vor Russell und gar 76 Punkten vor Hamilton.

Zehntausende Fans stürmten nach dem Sieg des Einheimischen die Piste in Monza. Hoch oben, vom Podest, blickte Antonelli auf ein rotes Meer aus Menschen und ein riesiges Ferrari-Herz. Die leidenschaftlichsten aller Formel-1-Anhänger trugen zwar Trauer, nachdem die Scuderia trotz einem erneuerten Motor ein Debakel erlebt hatte. Die enttäuschten Ferraristi wollten sich aber die Party nicht verderben lassen, sie adoptierten Antonelli, der einst als junges Kart-Talent den Spähern aus Maranello nicht gut genug erschienen war. Jetzt erfährt er die grösstmögliche Genugtuung. «Ich zittere immer noch», sagte er noch eine halbe Stunde nach seinem bisher vielleicht wichtigsten Triumph.

Die beiden Ferrari waren schon früh erneut aneinandergeraten. Hamilton fiel daraufhin zurück. Charles Leclerc krachte später in die Reifenstapel. Das Rennen musste eine halbe Stunde unterbrochen werden. Hamilton quälte sich mit Auto und Pneus ab, und taktisch war Ferrari einmal mehr auf dem Holzweg. Das Resultat war eine Demütigung: Rang sechs.

Das Drehbuch von Ferrari, das bereits am Mittwoch vor dem Rennen in Monza mit einer Balkonzeremonie vor dem Mailänder Dom begonnen hatte, konnte nach all den Misstönen auf der Strecke am Ende die grosse Party von Monza immerhin ein wenig retten. Denn das ganze Wochenende hatte im Zeichen von Michael Schumacher gestanden, der zur Jahrtausendwende das italienische Rennteam bereit für die Moderne gemacht hatte und seither wie kein anderer verehrt wird.

Vor dreissig Jahren fuhr er erstmals ein rotes Auto, gewann 1996 in Monza und verkündete zehn Jahre später an gleicher Stelle seinen Abschied, ebenfalls mit einem Sieg. Das hätte Lewis Hamilton und Charles Leclerc beflügeln sollen, aber in Monza passierte das Gegenteil, weil die beiden vorgeführt bekamen, wie weit sie von Schumachers einstigem Status entfernt sind. Die sieben Sterne des Deutschen, die sie als Reminiszenz auf ihren Autos und Rennanzügen trugen, waren nur geliehen.

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