Kinderschänder und Mörder: Wie Behörden im Fall Dutroux versagten | Kleine Zeitung

Die grausamen Verbrechen von Marc Dutroux sind auch drei Jahrzehnte nach dessen Inhaftierung nicht in Vergessenheit geraten, führten sie doch zu umfangreichen Reformen im belgischen Justizsystem.

Marc Dutroux wurde 1996 festgenommen und sitzt seither in Haft

© APA / Didier Bauweraerts

Marc Dutroux wurde 1996 festgenommen und sitzt seither in Haft

Der Name Marc Dutroux hat sich über die Grenzen Belgiens hinaus ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Am 13. August 1996 wurde der von den Medien als „le monstre“ (dt.: das Monster) titulierte, pädophile Gewalt- und Sexualverbrecher gemeinsam mit seiner Frau Michelle Martin und Mittäter Michel Lelièvre verhaftet. Auf die Festnahme folgten zahlreiche Enthüllungsberichte, die das massive Versagen der zuständigen Behörden dokumentieren. Die öffentliche Empörung darüber stieß in weiterer Folge grundlegende Reformen im belgischen Polizeiwesen und Justizsystem an.

Hatte Dutroux im Rahmen erster Einvernahmen noch seine Unschuld beteuert und abgestritten, an der Entführung mehrerer Mädchen beteiligt gewesen zu sein, zeichneten belastende Aussagen seines Komplizen Lelièvre bald ein anderes Bild. In weiterer Folge führte Dutroux, der sich im Laufe der folgenden Jahre immer wieder in Widersprüche verwickelte, die Ermittler zu einem seiner Häuser in Marcinelle (Stadtbezirk der belgischen Stadt Charleroi), wo die damals 12-jährige Sabine Dardenne und die 14-jährige Laetitia Delhez gefunden wurden. Wie sich herausstellte, mussten die beiden Minderjährigen, um zu überleben, schweren sexuellen Missbrauch über sich ergehen lassen.

Zudem gestand Lelièvre, gemeinsam mit Dutroux zwei weitere Opfer, An Marchal (17) und Eefje Lambrecks (19), an der belgischen Küste entführt zu haben. Ehe Dutroux zugab, für die Entführung der achtjährigen Mädchen Julie Lejeune und Mélissa Russo in der Provinz Lüttich ein Jahr zuvor verantwortlich zu sein. Wenig später wurden Leichen der beiden Mädchen bei Dutroux‘ Haus im Ort Sars-la-Buissière entdeckt. Untersuchungen bestätigten den Verdacht, dass sie vor ihrem Tod mehrfach vergewaltigt wurden.

Auch wurde die Leiche des zum Zeitpunkt seines Todes 43-jährigen Bernard Weinstein im dortigen Garten gefunden. Diesen hatte Dutroux wohl betäubt und lebendig begraben, um einen Zeugen auszuschalten.

Schwere Versäumnisse bei Ermittlungen

Der darauffolgende öffentliche Aufschrei war nicht nur den grausamen Verbrechen geschuldet. So kam ans Licht, dass Dutroux bereits 1989 wegen Entführung und Vergewaltigung von fünf Mädchen zu einer Haftstrafe von 13,5 Jahren verurteilt worden war, doch bereits 1993 wieder freikam. Da in den Jahren danach zahlreichen Hinweisen aus der Bevölkerung nur unzureichend oder gar nicht nachgegangen wurde, sah sich die Polizei ebenso mit großer Kritik konfrontiert.

Für besonderes Unverständnis sorgte der Umstand, dass ein Kleinkrimineller ausgesagt hatte, Dutroux habe ihn für die Entführung von Mädchen anwerben wollen, die darauffolgende Razzia aber ergebnislos verlief. Dabei soll Dutroux bereits daran gearbeitet haben, geheime Kellerräume anzulegen, in denen er später seine Opfer gefangen hielt. Allerdings gab sich die Polizei mit der Erklärung, dass es sich lediglich um Sanierungsarbeiten handle, zufrieden.

Marc Dutroux nach seiner Festnahme 1996

© APA / Police Handout

Marc Dutroux nach seiner Festnahme 1996

Des Weiteren wurden im Haus sichergestellte Videokassetten mit entsprechenden Beweismitteln nicht gesichtet, da die Polizei vor Ort nicht über das entsprechende Gerät verfügte. Ebenso kam es aufgrund mangelhafter Kommunikation bei Untersuchungen zu Pannen, die darauf abzielten, Belege für einen weitverzweigten Kindermissbrauchsring zu finden.

Wie viele schwere Verbrechen Marc Dutroux tatsächlich verübt hat, konnte nie zweifelsfrei nachgewiesen werden. Bis heute vermuten Ermittler, dass er auch in anderen Ländern an deutlich mehr Fällen beteiligt gewesen sein könnte als an jenen, über die es traurige Gewissheit gibt. Noch 2024 wurden in der Zelle von Dutroux im Gefängnis von Nivelles hunderte Fotos von Kindesmissbrauchsszenen gefunden. Seit seiner Festnahme im August 1996 sitzt der heute 69-Jährige ununterbrochen in Haft, 2004 wurde er zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt.

Weitreichende Folgen des Skandals

Infolge des Skandals kam es gegen Ende der 90er-Jahre unter anderem zu einer weitreichenden Reform des Polizeiwesens in Belgien, wobei Stadtpolizei und Gendarmerie in ihrer damaligen Form abgeschafft und durch einen zweistufigen Apparat aus Bundespolizei und lokaler Polizei ersetzt wurden, um die bislang mangelhafte Kommunikation innerhalb der Exekutive zu verbessern.

Die Gerichtsverfahren sorgten für weltweites Medieninteresse

© APA / Michel Krakowski

Die Gerichtsverfahren sorgten für weltweites Medieninteresse

Neben der Schaffung eines Obersten Gerichtshofs mit weitreichender Kontrollfunktion kam es zur Gründung der Bundesstaatsanwaltschaft, die sich für die Koordination bei Ermittlungen zu schweren Straftaten verantwortlich zeichnet. Darüber hinaus wurden zusätzliche Mittel für den nationalen Kinderschutz bereitgestellt und die Ressourcen der staatlichen Vermisstenstelle deutlich aufgestockt, während Opferrechte gestärkt wurden.