Kinofilm „Adams Acht": Was er über Karl Adams Nazi-Zeit verschweigt

Stand: 24.09.2026, 13:14 Uhr

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Adams Achter im Kinofilm. Oliver Masucci (oben Mitte) spielt den Ratzeburger Trainer. © Majestic Filmverleih

Der neue Kinofilm feiert den Ruder-Achter, der 1960 Olympiagold holte. Karl Adams Zeit als Napola-Lehrer streift er dabei nur.

Im Herzogtum Lauenburg liegt, umgeben von drei Seen, auf einer Insel die Altstadt von Ratzeburg. Idyllischer lässt sich ein Ort kaum denken. Wälder und Felder umgeben die Landschaft, dazu viel Wasser mit Schilfufern. Fachwerkhäuser, Bootsstege, Strände, ein Dom und ein berühmter Ruderclub komplettieren oben in Schleswig-Holstein das malerische Ensemble.

Training des Kinofilm-Achters auf dem Küchensee.

Training des Kinofilm-Achters auf dem Küchensee. © Majestic Filmverleih

Das alles ist in hübschen Pastellfarben nun auch in dem Kinofilm „Adams Acht“ zu sehen, der vor einer Woche in den deutschen Kinos angelaufen ist. Er handelt vom Aufstieg des Ratzeburger Ruder-Achters, der es aus dem Nichts bis zum Olympiasieg 1960 in Rom schaffte. Angeleitet wurden die Sportler von dem Autodidakten Karl Adam, einem Lehrer für Mathematik, Physik und Sport. Adam gilt nicht zuletzt wegen seiner unverhofften Erfolge als eine der größten Trainerpersönlichkeiten des bundesdeutschen Sports.

Der Coach mit der Schiebermütze erhielt später den Ehrentitel „Ruderprofessor vom Küchensee“. Er galt als ein seine Schüler faszinierender Pädagoge und war die Leitfigur für eine ganze Generation von Ruderern. Adams Achter gewannen 1960 und 1968 olympisches Gold sowie 1964 Silber. Hinzu kamen zwei Weltmeister- und fünf Europameistertitel.

Vor allem der erste Olympiasieg mit zwei Längen Vorsprung auf der Regattastrecke des Albaner Sees im Süden von Rom war eine Sensation. Seit den Spielen von Antwerpen 1920 hieß der Sieger immer USA, in Rom jedoch waren die später zweitplatzierten Kanadier die großen Favoriten. Doch der Deutschland-Achter siegte, bestens vorbereitet von Karl Adam, mit zwei Längen Vorsprung. Dieser Erfolg gilt als einer der größten deutschen Sporthöhepunkte der Nachkriegszeit.

Adam gelang es, in sehr kurzer Zeit in einer für ihn als ehemaligem Boxer fremden Sportart mit vorher völlig unbekannten Ruderern die Weltspitze zu erobern. Die „Süddeutsche Zeitung“ jubelte nach der Goldfahrt auf dem Albaner See: „Adam hat einem neuen Ruder-Zeitalter die Tür aufgestoßen.“ Der australische Skuller Stewart McKenzie, Silbermedaillengewinner von 1956 im Einer, sagte zur deutschen Crew und ihrem Trainer im Gewimmel bei der Siegerehrung vor Bootshaus Nummer 9: „Von euch können wir alle lernen.“

Das Kinopublikum bekommt in der ersten Szene jedoch zunächst ein Verhör zu sehen. Es geht dabei um die problematischste Stelle in der Vita des 1912 geborenen Adam, der von Oliver Masucci gespielt wird. Aufgearbeitet werden soll die Rolle, die Adam während des Dritten Reichs innehatte. Zuvor hatte er mitgeteilt, dass er in den Schuldienst zurückkehren wolle.

Am 11. November 1947 wurde Adam deshalb nach Itzehoe bestellt, um vor dem dortigen Entnazifizierungsausschuss Stellung zu nehmen. Denn Adam war von 1933 bis 1934 Mitglied der SA. Er arbeitete zudem in Bensberg als Lehrer an einer der berüchtigten Nationalpolitischen Erziehungsanstalten, kurz Napola. Zudem hatte Adam am 10. November 1939 seine Mitgliedschaft in der NSDAP beantragt, in die er am 1. Januar 1940 aufgenommen wurde.

Deutschlandachter, Olympiasieger 1960 in Rom, v.li.: Manfred Rulffs, Walter Schröder, Frank Schepke, Kraft Schepke, Betreuer Karl Wiepcke, Trainer Karl Adam, Moritz von Groddeck, Karl Heinz Hopp, Klaus Bittner, Hans Lenk sitzend Steuermann Willi Padge - PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY

Adams Gold-Achter von 1960 mit (v.l.) Rulffs, Schröder, F. Schepke, K. Schepke, Betreuer Wiepcke, Adam, von Groddeck, Hopp, Bittner, Lenk und Steuermann Padge. © imago sportfotodienst via www.imago-images.de/IMAGO/UPI Photo

Wie es sich denn mit all dem verhalte, wird Adam im Film gefragt. Eine zufriedenstellende Antwort gibt er nicht. Nun gut, sagt der Ausschussvorsitzende daraufhin, Juristen und Lehrer würden gerade dringend benötigt. Und die Vergangenheit könne nun auch mal ruhen. Adam wird schließlich wie im richtigen Leben in die Kategorie V eingestuft – „entlastet“. Er durfte fortan als Lehrer arbeiten und erhielt eine Anstellung an der Lauenburgischen Gelehrtenschule in Ratzeburg.

Kontroverse um seine Aufnahme in die Hall of Fame

An ein paar Stellen wird Adam auch im Film mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Doch in keiner Szene erzählt er, was ihn in die Nazi-Eliteschule Napola trieb, deren Lehrer den NS-Nachwuchs mit nationalsozialistischer Ideologie und Propaganda vertraut machen sollten. Auch im realen Leben schwieg Adam über seine Aktivitäten in der NS-Zeit öffentlich. Letztlich war er Teil des Programms. Das kommt in dem auf das heroische Ende des römischen Olympiasiegs hinsteuernden Sportfilm viel zu kurz.

Sein Abitur machte Adam 1931 in Münster. Dort studierte er auch. Im November 1933 war Adam bei einem Aufmarsch von 2500 Studenten dabei, der auf dem Domplatz endete. In einem feierlichen Akt wurden die Hochschüler anschließend in die SA aufgenommen und vereidigt. 3300 von 3613 Studenten waren wie Adam auf diese Weise zu SA-Mitgliedern geworden. Ein Jahr später wechselte Adam in den Deutschen Luftsport-Verband, womit seine Zeit in der SA endete.

Adam wurde wie viele seiner Napola-Schüler an die Front geschickt. Er hatte dort den Rang eines Unteroffiziers und Geschützführers. 1944 wurde er in der Normandie schwer verwundet. Ein Granatsplitter durchschlug einige Knochen seines linken Unterarms und zerriss zudem an zwei Stellen Adams Dünndarm. Nach dem Krieg verschlug es ihn nach Wilster in Holstein. Dort arbeitete er als Torfstecher und Holzfäller, ehe er versuchte, wieder als Lehrer Fuß zu fassen.

Wegen seiner Erfolge wurde Adam als Coach posthum in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen. Im März 2024 entbrannte eine Debatte um einige Mitglieder dieser Ruhmeshalle. Zuvor hatte der Sporthistoriker Armin Jäger in der „Süddeutschen Zeitung“ darauf aufmerksam gemacht, dass nicht, wie bis dahin angenommen, nur fünf, sondern 15 in die Hall of Fame Berufene einen Parteiausweis der NSDAP besaßen. 15 von damals 131 – das ergab eine Quote von mehr als zehn Prozent.

Die drei Träger der Hall of Fame – die Stiftung Deutsche Sporthilfe, der Deutsche Olympische Sportbund und der Verband Deutscher Sportjournalisten – waren nach der Lektüre von Jägers Report aufgeschreckt. Sie beauftragten den Historiker Erik Eggers, bei den von Jäger identifizierten Personen NSDAP-Mitgliedsausweise oder Entnazifizierungsakten zu sichten.

Er hatte skurrile Ansichten, was Doping betrifft

In Bezug auf Adam kommt Eggers zu dem Schluss, dass allein dessen „SA-Mitgliedschaft 1933/1934 nicht aktiv geschehen“ sei. Seine Rolle als Lehrkraft der Napola lege gleichwohl nahe, „dass Adam zu diesem Zeitpunkt vom Nationalsozialismus überzeugt war“. Letztlich entschied sich eine fünfköpfige Expertenkommission, der auch Eggers angehörte, gegen den Ausschluss ehemaliger NSDAP-Mitglieder aus der Hall of Fame. Begründung: Der deutsche Sport solle sich unbedingt „seiner NS-Geschichte durch Offenlegung und Kommentierung vergegenwärtigen“. Vor allem Eggers erstellte komplett neue Artikel über die betreffenden Personen für die virtuelle Hall of Fame und beschreibt dabei offensiv ihre Komplizenschaft mit dem Dritten Reich.

Der deutsche Ruderverband ging in Bezug auf Adam im Übrigen einen anderen Weg. Im April 2025 gab er an, den Karl-Adam-Preis für den besten deutschen Achter nicht mehr zu vergeben.

In der Ratzeburger Gelehrtenschule wollte Adam eigentlich eine Boxerriege gründen. Der damalige Schuldirektor aber war dagegen. Er bat Adam stattdessen, sich um das Ruderteam der Schule zu kümmern. Adam war einverstanden. Und wunderte sich sehr über den Zustand der ihm zugeteilten Gruppe. Bis zu seiner Ankunft seien die Jungs nur „durch hohen Bierkonsum und nächtlichen Radau aufgefallen. Jedes Mal, wenn ich diese Episode erzählen muss, ist mir ein wenig unbehaglich zumute: So wahr sie ist, so lügenhaft klingt sie.“

Adam entwickelte als Rudertrainer vor allem unkonventionelle Methoden. Dabei half ihm sein Mathematik- und Physik-Studium. Er führte verstellbare Ausleger ein, optimierte das Boot und sein Gewicht, machte sich Gedanken um die richtige Technik und wie ein Ruder ins Wasser gleiten sollte, um besonders effektiv zu sein. Er modifizierte zudem die zuvor schlanken Ruderblätter und stellte eine kürzere, dafür aber breitere Variante vor. Außerdem führte Adam das Krafttraining mit Scheibenhanteln und das aus der Leichtathletik bekannte Intervalltraining ein, damit seine Athleten in der Lage sein konnten, auf der 2000 Meter langen Regattastrecke einen siegbringenden Zwischensprint einzulegen.

1953 gründete Adam den Ratzeburger Ruderclub, um mit seinen Schülern an Wettkämpfen teilnehmen zu können. Schon 1958 gewann der Ratzeburger Vierer ohne Steuermann sensationell den EM-Titel. Der nächste Höhepunkt war der Olympiasieg des Adam-Achters auf dem Albaner See nahe Rom. Die Fachwelt war verblüfft bis erstaunt und sprach vom „Ratzeburger Ruderwunder“.

Dass es dazu kommen konnte, lag laut Adam zunächst am „herausragenden“ Trainingsrevier auf den Seen von Ratzeburg. Außerdem besaß er die Möglichkeit, seinen Stützpunkt kontinuierlich auf- und auszubauen. In seinem Sinne. Mit seinen Methoden. Mit seinem Wissen. Mit seiner Trainingsphilosophie.

All das gab Adam nach seinen Erfolgen bereitwillig weiter, auch an andere Nationen. Er war der Überzeugung, dass jeder Athlet ein Recht auf das beste Training und das beste Material besitze. Der deutsche Ruderverband war über diese Offenheit wenig begeistert, denn sie ermöglichte es anderen Nationen, ihren Rückstand gegenüber dem Adams-Achter aufzuholen. 1972, bei den olympischen Heimspielen von München, schaffte es das deutsche Paradeboot zwar ins Finale, verpasste dort mit Platz fünf allerdings die Medaillen. Danach endete Adams Zeit als Trainer.

Gar nicht thematisiert wird in dem Kinofilm Adams Verhältnis zu leistungssteigernden Substanzen. Dazu schrieb er in seinem 1975 veröffentlichten Buch über Sinn und Unsinn des Leistungssports: „Als Trainer bin ich der Ansicht, dass die Entscheidung, ob ein Athlet seine physiologischen Leistungsvoraussetzungen etwa durch Anabolika verbessern will, nur er selbst treffen kann.“ Adams Tochter Gisela kommentierte diese Einstellung ihres Vaters einmal sehr drastisch: „Seine Haltung war: Soll doch jeder machen, was er will. Wenn er dann tot aus dem Ruderboot oder vom Rad fällt, dann ist es seine Entscheidung gewesen.“

Ab 1973 verschlechterte sich Adams Gesundheitszustand immer mehr. Am 18. Juni 1976, Adam war zu diesem Zeitpunkt 64 Jahre alt, befand er sich in einer Kur in Bad Salzuflen. Einer der dort ansässigen Ärzte verordnete ihm einen 4.000-Meter-Dauerlauf. Dabei erlitt Adam einen Herzinfarkt, an dessen Folgen er verstarb.

Adams auch im Film häufig zitiertes Mantra lautete: „Die Struktur der Leistung ist auf allen Gebieten gleich.“ Dieser Spruch ist auch auf einem Adam-Gedenkstein am Küchensee in Ratzeburg zu lesen.