Kinopremiere bei der Art Week: Florentina Holzinger und ihre Crew fahren ans Ende der Welt
In Berlin sind viele gespannt auf die erste Aktion, die Florentina Holzinger in der Volksbühne anzetteln wird. Sie ist dort im beratenden Beirat der Intendanz, also so etwas wie die rechte Hand von Intendant Matthias Lilienthal. Von ihr soll auch der Impuls zum „Volksbad“ gekommen sein, an dem sich inzwischen ein Kulturkampf entzündet hat.
Bevor die Spielzeit der Volksbühne am 1. Oktober losgeht, steht zum Ende der Berlin Art Week an diesem Sonntag erst einmal eine andere Holzinger-Premiere an: der Spielfilm „Eternity“, in dem Florentina Holzinger, Mitglieder ihres Ensembles und die Sängerin Peaches mitspielen. Wobei „spielen“ nicht ganz stimmt. „Es ist eine filmische Adaption von Florentina Holzingers Performancekunst“, sagt Regisseurin Sue Meures im Gespräch mit dem Tagesspiegel.
Die Apokalypse naht
Eine Gruppe von Freundinnen flieht ans andere Ende der Welt. Im ewigen Eis, das jeden Tag mehr wegschmilzt, wollen sie noch ein paar Momente der Freiheit und des Hedonismus genießen, bevor die Apokalypse kommt. Dann aber tun sich Abgründe auf, mit denen sie nicht gerechnet haben.
Vorab war der Film nicht zu sehen. Ein Filmstill zeigt das – wie immer nackte – Holzinger-Ensemble in nebliger Bergkulisse, an getunte Sportwagen gelehnt. Gedreht wurde auf dem Rhône-Gletscher in der Schweiz, 14 Tage lang, bei unberechenbarem Wetter. „Das Szenenbild war jeden Tag anders“, sagt Meures. „Sonne, Wolken, Licht, Nebel, Temperatur, nichts ließ sich vorhersagen.“ Erschwerte Bedingungen für einen Filmdreh. Hinzu kam die Kälte. Wie lange kann man es aushalten, ohne Kleidung im Eis?
„Eternity“ ist ein Klima-Film – allerdings ohne klassisches Skript und Dialoge. „Ein feministisches, rebellisches und kompromisslos freigeistiges Werk des Kinos“, sagt Meures, die bisher Dokumentarfilme gedreht hat, etwa über zwei Techno-DJs aus dem Iran oder über den Alltag einer erfolgreichen 14-jährigen Influencerin, die ihre Eltern gleich mitfinanziert.
„Eternity“ ist Meures’ erster Spielfilm. Ein Besuch auf dem Rhône-Gletscher brachte sie auf die Idee, einen Film über den Klimawandel drehen zu wollen. Der mächtige Berg in den Alpen, der mit Decken vor dem Abschmelzen geschützt werden soll, sei das perfekte Symbol für die aus der Balance geratene Welt, so Meures.
Zwischen Autonomie und Ausbeutung
2022 sah die Regisseurin dann zum ersten Mal ein Stück von Florentina Holzinger an der Volksbühne und war fasziniert davon, wie die Performerinnen körperliche Grenzen überschreiten, ihre Körper malträtieren, eine Zurschaustellung von Autonomie und Kontrolle, schmerzhaft überdehnt, als Gegenpol zur patriarchalen Ausbeutung, die seit Jahrhunderten währt. Ein ähnliches Spannungsfeld wie in der Natur.
„So wie die Ressourcen der Erde abgebaut und ausgebeutet wurden, sind auch weibliche Körper historisch wie Territorien behandelt worden, die es zu kontrollieren und zur Ware zu machen galt. Diese Parallele wurde zu einer zentralen konzeptionellen Idee des Films“, sagt Meures. Mit Holzinger teilt sie das Interesse an Öko-Feminismus und den Blick auf die dystopische Realität, die große „Shitshow“, wie sie Holzinger bei der soeben zu Ende gegangenen Venedig Biennale inszeniert hat.
Die Künstlerin und ihre Truppe bespielten dort den österreichischen Pavillon. In zwei einsehbaren Klärtanks kämpften die Performerinnen mit Abwässern aus der Lagune und einem Dixi-Klo, in dem die Kunstbesucher sich erleichterten. In einem anderen erzeugte eine nackte Performerin Flutwellen, indem sie mit einem Jetski 20 Minuten lang im Kreis fuhr. Eine Frau lag mit Atemregler stundenlang in einem Wassertank.
Ein Sinnbild für das Überleben in einer abgewrackten Welt – Ähnliches soll jetzt in dem Film verhandelt werden. Am Sonntag wird man erstmals sehen, was die Holzinger-Truppe auf dem Gletscher vollführt. Im November kommt der Film dann ins Kino.