»Kohlenstoff«: Klagen und Visionen

Das ist ein seltsames Buch. Manches daran verwirrt selbst den geduldigen Leser, lässt ihn sogar ungläubig den Kopf schütteln. Dann wieder ist man fasziniert, ja geradezu überwältigt von der suggestiven Flut an Daten und Fakten, Anekdoten und leidenschaftlichen Appellen.

Der Autor Paul Hawken, Jahrgang 1946, ist schon lange im Geschäft. Als unermüdlicher Umweltaktivist hat er mehrere Bestseller veröffentlicht und Unternehmen für ökologische Produkte gegründet. Diese für die USA typische Mischung von Privatinitiative und gesellschaftlichem Engagement passt nicht in die hierzulande so beliebten Kategorien »Rechts« und »Links«. Einerseits geißelt Hawken mit scharfen Worten das gegenüber Umweltproblemen rücksichtslose Profitstreben von Pharmakonzernen und das Agrobusiness. Andererseits sehnt er, durchaus auf Marktmechanismen vertrauend, den wirtschaftlichen Erfolg von Firmen herbei, die beispielsweise mit Nanocellulose neuartige Werkstoffe entwickeln.

Zwischen Naturromantik und Technikoptimismus

Das ganze Buch trägt ein Janusgesicht: Es dominieren die detailreichen und zutiefst pessimistischen Klagen darüber, wie moderne Industriekonzerne die Natur zerstören – aber zugleich beharrt Hawken mit hartnäckigem Optimismus auf den Chancen eines anderen Wirtschaftens, das von Naturprozessen lernt und sie sich zunutze macht, ohne deren Grundlagen zu vernichten.

Bei aller Sympathie für den Optimismus: Hawken neigt zu einer geradezu romantischen Verklärung indigener Weisheiten. So sehr es sich lohnt, an die naturnäheren Weltbilder vorindustrieller Gemeinschaften zu erinnern, so wenig lassen sich daraus einfache Rezepte für modernes Verhalten gewinnen. Wenn der Autor eine lange Liste von Pflanzennamen herbetet, die für die Indigenen am Amazonas Nahrungsquellen bedeuten, folgt daraus nicht unbedingt, dass diese Menschen deswegen, wie er behauptet, auch gesünder sind als unsereins.

Bei der Frage, inwieweit man Pilzen, Pflanzen und Tieren so einfach Intelligenz, Sprache und Bewusstsein zuschreiben sollte, nimmt sich Hawken Freiheiten, die man nur als poetisch entschuldigen kann. Hingegen ist das Buch dort stark, wo es etwa das Ausmaß des Insektensterbens (wobei auch die ehrenamtlich erstellte Krefelder Studie von 2017 gewürdigt wird) und dessen unabsehbare Folgen umreißt – oder wenn es besonders desaströse Fehlentscheidungen referiert.

Zweifelhafte »Erfolge«

Beispielsweise wurden in China im Zug des »Großen Sprungs nach vorn« die Sperlinge ausgerottet, um die Ernten zu schützen. Dadurch nahmen aber die Heuschrecken, deren natürliche Beutetiere, so überhand, dass eine grässliche Hungersnot ausbrach. Zumindest gemischt ist laut Hawken die Bilanz der meisten ökotechnischen Eingriffe in die Natur – so auch der Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden im Rahmen der »Grünen Revolution« ab Mitte der 1960er-Jahre. Oft ließen sich diese Maßnahmen nur dann als erfolgreich bewerten, wenn man ihre langfristigen Umweltschäden nicht einrechne.