Klimaneutrale Energiesysteme: Wer bekommt die Biomasse?
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Deutsches Biomasseforschungszentrum
Biomasse im Energiesystem der Zukunft: Wer bekommt den Rohstoff?
Stand: 12.09.2026 14:20 Uhr
Unter den großen, runden Kuppeln von Biogasanlagen gärt Biomasse. Aus Pflanzen, Gülle oder Reststoffen entsteht Biogas – eine erneuerbare Energiequelle, die im klimaneutralen Energiesystem der Zukunft sehr begehrt sein dürfte. Aber Biomasse ist begrenzt und sie kann mehr als nur Energie liefern. Welche Rolle soll sie also künftig spielen? Diese Frage stand bei der Jahrestagung des Deutschen Biomasseforschungszentrums in Leipzig auf der Agenda.
von Kristin Kielon
In den hellen, mit Holz verkleideten Räumen im Leipziger Osten wird rege diskutiert: Wie soll Biomasse künftig genutzt werden? In einer klimaneutralen Zukunft wird das Biogas systemrelevant sein. Der große Vorteil: Es lässt sich speichern. Das macht es interessant für die Energieversorgung: Denn in einem klimaneutralen Energiesystem braucht es Alternativen für die Zeiten, in denen die Sonne nicht scheint und der Wind kaum weht, erklärt Volker Lenz vom Deutschen Biomasseforschungszentrum (DBFZ).
"Zweifelsohne wird natürlich Wind und Solar den großen Beitrag für die erneuerbaren Energien liefern", sagt der Forscher. "Aber wir wissen auch, dass Wind und Solar sehr fluktuierend sind und wir selbst mit dem sehr starken Wachstum der Batteriespeicher in der Winterzeit, in der wir extrem hohe Bedarfe haben, eine Kompensation brauchen."
Nicht nur im Energiesektor gefragt
Biomasse kann also im Energiesystem dabei helfen, eine Versorgungslücke zu schließen. Doch es gibt noch mehr Akteure, die Interesse an dem Gas haben – zum Beispiel die chemische Industrie. Es gibt außerdem Anwendungen, die sich nur schwer oder gar nicht elektrifizieren lassen: Zum Beispiel bestimmte Hochtemperaturprozesse in der Industrie.
DBFZ-Forscher Volker Lenz im Gespräch mit Teilnehmern der Jahrestagung.
Oder aber auch im Verkehrssektor, sagt Lenz: "Bei der Biomasse wird es vor allem dann auch in den Kraftstoffanwendungen in Richtung Flugverkehr, landwirtschaftliche Maschinen, Baumaschinen und beim Schiffsverkehr mit Sicherheit in Zukunft Anwendung geben, die einfach ökonomisch vorteilhaft sind."
Das Problem: Biomasse ist natürlich nicht unbegrenzt verfügbar. Deshalb kann Biogas auch nicht im selben Umfang Öl, Gas und Kohle ersetzen. "Es funktioniert nicht, das Verhältnis eins zu eins hochzuskalieren", erläutert DBFZ-Forscher Lenz. "Wir können, wenn wir nicht einsparen, zehn Prozent und wenn wir tastächlich zu Effizienzsteigerungen kommen, dann vielleicht einen Anteil von 20 bis 25 Prozent mit Bioenergie abdecken." Der Rest müsse jedoch aus den anderen Erneuerbaren kommen.
Kaskaden-Nutzung für Negativemissionen
Und deshalb ist es wichtig, die knappe Ressource möglichst intelligent einzusetzen, so Lenz. Das gilt umso mehr, weil die Biomasse dabei hilft, der Atmosphäre CO₂ zu entziehen. Denn die Pflanzen haben beim Wachstum CO₂ aus der Atmosphäre aufgenommen, erklärt DBFZ-Forscher Stefan Majer: "Biomasse hat den Vorteil, dass wir über den Photosyntheseprozess CO₂ binden. Das liegt dann gebunden und konzentriert vor."
Die Biomasse könne man dann unterschiedlich nutzen, so Majer. "Wenn wir sie für Energie nutzen wollen, dann entsteht beim Prozess der Energiegewinnung auch wieder CO₂ und das kann man auffangen und draus wieder neue Produkte herstellen." Das heißt auch, es gibt hier eine Konkurrenz: Was als Bau- oder Chemierohstoff genutzt wird, kann nicht gleichzeitig verbrannt werden zur Energiegewinnung und andersherum.
Auf der DBFZ-Veranstaltung diskutierten Menschen aus Forschung, Wirtschaft und Politik miteinander.
Deshalb geht es in Zukunft um eine Art Nutzungskaskade, sagt Majer: "Wir wollen Biomasse erstmal stofflich nutzen und wir wollen sie da nutzen, wo wir die höchste Wertschöpfung haben." Das sei gleichzeitig ein Beitrag zum Klimaschutz, denn dann bindet die Biomasse das CO₂ aus der Atmosphäre langfristig in einem Produkt. Deshalb spricht man auch von Negativemissionen. "Und idealerweise behalten wir dieses Produkt so lange wie möglich im Kreislauf", erklärt der Forscher weiter. "Und am Ende von einer ganz langen Kaskade steht vielleicht irgendwann die Entscheidung, Energie oder Wärme zu erzeugen."
Die Rolle der Biomasse in einer klimaneutralen Zukunft wird also vielfältig sein. Umso mehr haben alle Interessengruppen noch miteinander auszuhandeln, an welcher Stelle und in welcher Form das rare Gut am sinnvollsten eingesetzt ist.
Mehr über die Jahrestagung des Deutschen Zentrums für Biomasseforschung erfahren Sie hier.