Wende wegen Hitze: Wie die Le-Pen-Partei plötzlich Umweltthemen aufgreift

Klimawandel? Mais bien sûr. Die Kehrtwende der Le-Pen-Partei nach den Waldbränden

Jahrzehntelang hatten Frankreichs Rechtsextreme den Klimawandel geleugnet. Seit enorme Feuer lodern, spricht das Rassemblement national auf einmal darüber – und empfiehlt noch mehr Atomkraft und Klimaanlagen.

Christine Longin, Paris02.08.2026, 05.30 Uhr

4 Leseminuten


Das Thema erkannt: Marine Le Pen, Präsidentschaftskandidatin des Rassemblement national, weiss, dass sich auch die Wähler ihrer Rechtsaussenpartei zunehmend um das extreme Wetter sorgen.

Das Thema erkannt: Marine Le Pen, Präsidentschaftskandidatin des Rassemblement national, weiss, dass sich auch die Wähler ihrer Rechtsaussenpartei zunehmend um das extreme Wetter sorgen.

Philippe Magoni / AP

Der 25. Juni war einer der heissesten Tage des Jahres in Paris. Bei um die 40 Grad zeichnete Jordan Bardella in seinem Büro ein Video auf, in dem er über die Hitzewelle redete. Während draussen der Asphalt flimmerte, sprach der Parteichef des rechtspopulistischen Rassemblement national (RN) ausführlich über die «klimatische Herausforderung». Quelle surprise.

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Denn bisher profilierte sich der 30-Jährige vor allem mit Wirtschaftsthemen. Zur Klimapolitik schwieg er weitgehend. Seit Hitzewellen und enorme Waldbrände über Frankreich hereinbrechen, ist das bei den Rechtspopulisten vorbei.

Jahrzehntelang hatte die Rechtsaussenpartei den Klimawandel geleugnet. Im Wahlkampf 2007 sagte der Parteigründer Jean-Marie Le Pen: «Keine Veränderung des Klimas, weder die positive noch die negative, ist menschengemacht.» In seinen Memoiren nannte er zwölf Jahre später den Klimawandel einen «riesigen Betrug», mit dem nur die «Diktatur» des Weltklimarats (IPCC) gerechtfertigt werden sollte.

Partout dans le monde, les pays confrontés à des chaleurs extrêmes se sont adaptés. En France, certains nous expliquent qu’il faudrait accepter de suffoquer. Un débat surréaliste !

Refusons l'écologie de la décroissance et de l’âge de pierre. Défendons une écologie du progrès,… pic.twitter.com/LERK79s5Db

— Jordan Bardella (@J_Bardella) June 25, 2026

Abkühlung mit Wasserschlauch

Als seine Tochter Marine Le Pen 2011 den Parteivorsitz übernahm, begann sie eine Strategie der «Entteufelung». Sie distanzierte sich von ihrem wegen Rassismus und Antisemitismus verurteilten Vater und vermied allzu polemische Äusserungen – auch zum Klimawandel. Doch das übernahmen andere für sie. Zum Beispiel Thomas Ménagé, heute Fraktionssprecher in der Nationalversammlung, der 2013 schrieb: «Wenn ich das Wetter heute sehe, frage ich mich, ob es wirklich einen Klimawandel gibt.»

Auch der RN-Abgeordnete Christophe Barthès stellte den menschengemachten Klimawandel offen infrage: «Es gibt Wissenschafter, die sagen, dass der Mensch nicht dafür verantwortlich ist, aber lässt man sie sprechen?» Im Juni, als das Thermometer im Süden über 40 Grad anzeigte, bespritzte Barthès demonstrierende Gewerkschafter vor dem Rathaus von Carcassonne mit einem Wasserschlauch. «Die Hitzewelle ist beendet», erklärte der 59-Jährige, seit März auch Bürgermeister der Stadt.

Aber nun brennen die Wälder im Süden und Südwesten, das Ausmass ist gigantisch, über 200 000 Personen mussten evakuiert werden. So viele wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Am Samstag gab Innenminister Laurent Nuñez zwar bekannt, dass die Brände bei Bordeaux unter Kontrolle seien – elf Tage nach dem Ausbruch. Dafür brach das Grossfeuer weit im Südosten, im Département Var, erneut aus.

Es ist die vierte Hitzewelle in diesem Jahr. Und das RN, im Gegensatz zu anderen europäischen rechtsnationalistischen Parteien wie der deutschen AfD, leugnet den menschengemachten Klimawandel nun nicht mehr. «Wir waren nie Klimaskeptiker. Null, keiner von uns», behauptete der Abgeordnete Jean-Philippe Tanguy im Fernsehen. Ménagé bezeichnete seine früheren Aussagen in einem Interview bagatellisierend als «Dummheiten».

Noch mehr Atomkraft

Der Befund ist nun also unstrittig, doch bei den Mitteln zur Bekämpfung des Klimawandels hält sich die Rechtsaussenpartei zurück. «Le nucléaire» lautet die Zauberformel, wenn vom CO2-Ausstoss die Rede ist. Denn die Atomkraft ist arm an Kohlendioxidemissionen, und Frankreich hat viel von dieser Energie. Im Fall ihrer Wahl zur Staatschefin nächstes Jahr hat Le Pen ihren Landsleuten zwanzig weitere Atomreaktoren versprochen, zehn davon ab 2031. Ausserdem will sie alle Windräder abbauen. Die verschandeln ihrer Ansicht nach die französische Landschaft. Auch der Ausbau von Solarparks soll erst einmal pausieren.

Für Le Pen endet der Schutz des Klimas da, wo der Schutz der Kaufkraft beginnt. Die Mehrwertsteuer auf Benzin, Diesel, Heizöl will sie deutlich reduzieren. Das soll ihrer Kernwählerschaft, den Geringverdienern, helfen. Fossile Energie sei eine «erste Notwendigkeit», sagte sie Ende Juni in einem Interview mit dem Radiosender France Culture. Deshalb müsse der Staat sich bemühen, sie nicht zu besteuern.

«Das RN zieht es wie immer vor, kurzfristige Lösungen vorzuschlagen, ohne die Dringlichkeit des Klimawandels zu berücksichtigen, damit seine Wählerschaft nicht ihren Lebensstil verändern muss», schreibt der Politikwissenschafter Stéphane François in der Zeitung «Le Monde».

Für die Umweltpolitik der Regierungen der vergangenen Jahre fanden die Rechtspopulisten den Begriff «bestrafende Ökologie». Ihr eigenes Motto lautete noch vor wenigen Jahren «Freiheit statt Ökologie». Sie waren im Frühjahr auch die treibende Kraft beim Versuch des Parlaments, die Umweltzonen in Frankreich abzuschaffen. Diese Zonen sollen alte, luftverschmutzende Autos aus den Innenstädten fernhalten. Das Verfassungsgericht stoppte im Mai das Gesetz zur Abschaffung der Umweltzonen.

Aber auch in der Wählerschaft des RN wächst die Angst vor dem Klimawandel: Schon bei einer Umfrage im Herbst vergangenen Jahres zeigten sich mehr als vier Fünftel besorgt über die Wetterextreme, die durch den Klimawandel verursacht werden. Mit dem ihr eigenen politischen Instinkt hat Le Pen erkannt, dass sie hier programmatisch nachlegen muss. Ende Juni liess sie ihren Getreuen Jean-Philippe Tanguy deshalb in der Nationalversammlung einen «plan clim» vorstellen. Gemeint ist die massenweise Installation von Klimaanlagen in Schulen, Spitälern und Altersheimen. Den Einwand, dass die Klimaanlagen heisse Luft nach draussen abgeben, wies Bardella als «absurd» zurück.

Doch die Finanzierung des 40 Milliarden Euro teuren Plans bleibt vage. Massnahmen zur Anpassung an den Klimawandel wie die Entsiegelung der Böden oder die Begrünung von Städten spielen darin keine Rolle. Auch eine Abkehr von der Intensivlandwirtschaft ist mit dem RN nicht zu machen. Sein Programm gegen den Klimawandel besteht aus Atomkraft und Klimaanlagen.

Die enormen Waldbrände in diesem Sommer dürften jedoch dafür sorgen, dass die Ökologie auch im nächsten Jahr im Präsidentschaftswahlkampf eine wichtige Rolle spielt. Schon jetzt hat das Thema deutlich an Bedeutung gewonnen. Laut einer Ipsos-Umfrage aus dem vergangenen Jahr erwarten rund zwei Drittel der Wählerinnen und Wähler des RN, dass ihre Partei sich stärker im Bereich Umweltschutz engagiert. Die Zeiten, in denen Jean-Marie Le Pen die Ökologie als Zeitvertreib für die «Bobos», die städtischen Eliten, bezeichnete, sind vorbei. Nun geht es darum, auch der eigenen Wählerschaft etwas abzuverlangen. Genau darin liegt das Dilemma der Rechten.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

1 Kommentar

Ester Mottini

vor 2 Stunden

Wie glaubwürdig ist eine Partei wie der RN, wenn sie ihr Programm innert kürzester Zeit um 180° ändert von 'es gibt keinen Klimawandel' hin zu einem 'RN und der Umweltschutz'? Einfach nur peinlich ist diese Partei mit ihrem Parteifinanzierungsskandal.

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