Hitzestress: Schweizer Berghütten unter Druck
Berghütten im Hitzestress Wenn eine neue Quelle zum «Lotto-Sechser» wird
Hohe Temperaturen und Trockenheit bringen alpine Herbergen an den Anschlag.
31.08.2026, 13:44
So wenig Schnee auf 3260 Metern hat Martin Lehner Ende Juni noch nie gesehen. Zu dieser Zeit müssen er und sein Team auf der Hörnlihütte oft noch meterweise Schnee von der Terrasse schaufeln. Jetzt ist die weisse Pracht aber weg.
Weil der Schnee als «Kitt» fehlt, liegt viel Gestein lose herum. Deswegen sind Touren noch riskanter als in «normalen» Sommern – vor allem, wenn Unerfahrene die Seile schleifen lassen.
Martin Lehner beobachtet den Gletscher beim Matterhorn besorgt. Stand Ende Juni habe der Gletscher schon abgebaut.
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«Wenn ihr am langen Seil geht, bewegt ihr zu viele Steine. Das ist gefährlich für jene, die unten stehen», warnt Lehner die Bergführer. Der Zermatter stand fast 120-mal mit Gästen auf dem «Hore» und kennt die Gefahren am berühmten Viertausender bestens.
Bergführer werden umdenken müssen
Lehner beobachtet drei Asiaten und ist erleichtert, als sie heil ankommen. «Sie hatten null Ahnung von Seilhandhabung. Wenn einer stürzt, sind alle drei weg.» Solch Wagemutigen rate er dringend von einer Besteigung ab. Mitte Juli sahen die Zermatter Guides von Touren aufs Matterhorn ab, weil zu wenig Schnee lag.
Liege die Nullgradgrenze eine Woche lang über 5000 Metern, gebe es mehr Steinschlag und so werde es am «Hore» prekär, sagt Lehner. «Dann muss ich als Bergführer auf andere Ziele ausweichen.»
Mitte Juli rieten Bergführer zeitweise von Touren aufs Matterhorn ab. Am 5. August kam es auf der italienischen Südseite zu einem Steinschlag.
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Künftig werden die Alpen noch stärker bröckeln, weil sich Gletscher zurückziehen und das Eis im Boden schmilzt, beobachtet Jan Beutel. Seit bald 20 Jahren erforscht er den Permafrost am Matterhorn. «Wir wissen aus der Statistik, dass die grossen Ereignisse mit einer Million Kubikmeter früher mehrere Dekaden Abstand hatten. Aktuell haben wir im ganzen Alpenraum mehr als einen pro Jahr.» Zum Vergleich: In Blatten ergossen sich 9 bis 10 Millionen Kubikmeter Geröll ins Tal.
In der Pfanne zählt jeder Tropfen
In den Alpen hat sich der Wassermangel zugespitzt. Schon Mitte Juni misst Evelyne Allenbach in der Lischanahütte das Wasser zum Kochen ab. Eine Dusche gibt es nur für sie und ihren Partner, Christian Wittwer. Mit ihm bewirtet sie die SAC-Hütte oberhalb von Scuol.
Zum Start der Saison plätschert der Brunnen noch munter. Nach wenigen Wochen wird ihn der Hüttenwart abstellen – um ein Zeichen zu setzen, auch wenn noch genügend Wasser fliesst.
Das Nass ist kostbar in dieser Karstlandschaft. Kalkböden speichern kaum Niederschläge. Im Juni ist der Schnee auf 2500 Metern verschwunden. Die bisher wichtigste Ressource für die Hütte neigt sich dem Ende zu: In wenigen Jahren wird sich der Lischana-Gletscher ganz zurückgezogen haben. Ein Versuch, unter einem Vlies Schnee zu speichern, ist gescheitert.
Wasser – SAC vor grossen Herausforderungen
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Jede fünfte Hütte des Schweizer Alpenclubs (SAC) leidet derzeit unter Wassermangel. Landesweit gibt es über 150 derartige Unterkünfte. Betroffen vom Problem sind vor allem Standorte, die nur Schmelzwasser zur Verfügung haben. Der SAC propagiert unter anderem, Plumps-Klos einzubauen und ruft zum Wassersparen auf.
Das Wassermanagement ist aufwendig. Christian Wittwer hat über einen Kilometer Leitungen oberirdisch verlegt, die er regelmässig kontrolliert. Nochmals so viel Schlauch ist unter dem Boden vergraben.
Eine kleine Sensation macht Mut
Aber es gibt Grund, optimistisch zu sein. Auf 2900 Metern über Meer hat er vor einigen Monaten eine Quelle entdeckt. «Es war ein wenig Zufall, dass ich sie gefunden habe. Algen und Moos zeigten mir an, dass es hier ständig feucht ist», erzählt der 62-jährige Forstwart, Jäger und Bergführer.
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Bild 1 von 3. Christian Wittwer hatte den richtigen Riecher und eine neue Quelle ausfindig gemacht.
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Bild 2 von 3. Auch dank Moos und Algen hat er die neue Trinkwasserquelle entdeckt.
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Bild 3 von 3. Um die Quelle zu nutzen, muss mindestens ein Liter pro Minute fliessen. Mit fünf Litern erweist sie sich als ergiebig.
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Ein Test beweist: Mit rund 5 Litern pro Minute ist es eine ergiebige Fassung, die erst noch Trinkwasserqualität liefert. «Wenn sie in 10 Jahren noch funktioniert, würde mich das mehr freuen, als im Lotto zu gewinnen.» Eine solche Quelle sei dann mehr wert als ein Lotto-Sechser.
Die ersten starken Gewitter hat sie überstanden. Dank ihr rechnet Wittwer damit, selbst bei voller Hüttenbelegung über die Runden zu kommen.
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