Klopp und Kosicke: Aufladen unter Stress

Stand: 30.09.2026, 14:20 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Ein Blick auf die Arbeit von Jürgen Klopp und Berater Marc Kosicke, die nach viel Kritik im RB-Kosmos nun beim DFB-Team neue Dynamik entwickelt.

Federico Gambarini wusste erst gar nicht: Wer ist der mit der Glatze im schwarzen DFB-Outfit, der direkt hinter Jürgen Klopp den Pressesaal betritt und sich seitlich einen Stuhl sucht? Als DPA-Fotograf Gambarini sich mit seiner Kamera aus gebückter Haltung aufschwang, bekam er ein mitfühlendes Lächeln von dem Unbekannten. Bald darauf wusste Gambarini: Das war Marco Kosicke, jener Mann, der medial abwechselnd als „Klopps Schatten“ oder „Klopps mächtiger Berater“ avisiert wird.

Auf der DFB-Seite führt der Marketingfachmann die Rubrik „Unsere Expert:innen“ an: Dort wird Kosicke als „Berater Trainerteam“, wiewohl ohne Doktortitel, an eins vor Psychologe Dr. Philipp Laux, Teamorthopäde Dr. Jochen Hahne und der Allgemeinmedizinerin Dr. Silja Friedsam gelistet.

Jürgen Klopp will die deutsche Nationalmannschaft fit für die EM 2028 machen. Das Nations League-Spiel am Donnerstag (20.45 Uhr, ZDF) gegen Serbien ist auf diesem beschwerlichen Weg eine dieser Bergetappen, die die Truppe beim 0:1 gegen Griechenland weit in den anaeroben Bereich getrieben haben. Und jetzt geht’s, dazu noch ohne den kurzfristig verletzten Anschieber Nico Schlotterbeck, rauf über den alten Müllberg zur Münchner Arena. Dort, wo der FC Bayern residiert. Dessen Vorherrschaft über den Bundestrainer ist gebrochen: Den Ex-Bayerncoaches Flick und Nagelsmann folgt der Dortmunder Imperator Klopp. Bisher kamen dazu freilich aus München nur anspornende Flötentöne. Klopp war so klug, frühzeitig dort vorstellig zu werden.

Kosickes Job ist es außerdem, seinem langjährigen Freund Sicherheit in dessen öffentlichen Auftritten zu geben, ihn vor allem auch mal einzubremsen, und: Solch gelungene Aktionen wie das „Einer von 83 Millionen“-Käppi professionell und maximal öffentlichkeitswirksam voranzutreiben.

Kosicke und Klopp: Good Guy, bad Guy

In Hintergrundgesprächen mit Medien baut der 55-Jährige Kontakte auf. Mitunter spielen Klopp und Kosicke die „Good Guy, Bad Guy“-Nummer, ganz genauso, wie das mancherorts auch der Fall ist in der Berichterstattung über das eingespielte Duo. Klopp droht den Medien im Allgemeinen („Wenn ihr euch danebenbenehmt und meine Familie nicht in Ruhe lasst, bin ich weg“) und mosert im Besonderen („Ich finde es ein bisschen arm, seinen Lebensunterhalt damit zu verdienen, sowas früher rauszuhauen“) – Kosicke fängt manche harsche Aussage wieder ein. Mit der mächtigen Springerpresse unterhält der gebürtige Bremer einen guten Austausch.

Sogar mit dem während dessen Red-Bull-Engagement besonders Klopp-kritischen Magazin „11 Freunde“ hat Kosicke wieder einen Draht aufgebaut. Dort erklärte er etwa im Blick zurück auf die Entlassungen von Klopps einstigen Mainzer Weggefährten Marco Rose bei RB Leipzig und Sandro Schwarz bei den New York Red Bulls: „Sie denken vermutlich: Jürgen ist das große Arschloch, denn er hat uns abserviert. Dabei war er eigentlich der Trainerbeschützer und hat sie noch länger im Job gehalten. Das haben sie aber leider gar nicht so gesehen.“ Und das sieht der Leipziger Ex-Chefcoach Ole Werner ziemlich sicher auch nicht so, verzichtet aber, wie Rose und Schwarz, auf öffentliche Einlassungen dazu.

Tatsächlich fällt auf, dass Klopp als „strahlender Weltstar mit dem Brausemakel“ („Tagesspiegel“) sich auf dem Abweg ins RB-Imperium nicht nur Freunde gemacht hat. Weder bei Fans, von denen viele ihm den Job bis heute nicht verzeihen können, noch bisweilen in der Branche. Da will niemand öffentlich zitiert werden. Aber Klopps Trainerkillerimage hat sich dort verfestigt. Auf eine Frage der Frankfurter Rundschau, die auf den Aspekt, er habe bei RB Trainer sowohl beraten als auch rausgeworfen, entgegnete Klopp leicht genervt in Richtung des Reporters: „Trainer rausschmeißen, sehr nett. Das muss man erstmal bringen.“

Klopps Käppikiste war schnell leer

Nun gehört es nicht zum Jobprofil, nur genehme Fragen zu stellen oder eilfertig in Klopps Käppikiste rumzuwühlen, um dort ein Exemplar zu ergattern. Und tatsächlich verdient Klopp Verständnis dafür, dass er seine Bundestraineraufgabe mit Perspektive und entsprechend großen Kadern angegangen ist und nicht wie ein gut bezahlter Tagelöhner nur mit Blick auf Jubelberichte am Tag nach den Auftaktspielen. Jetzt darf er immerhin lesen, dass auch die beiden Weltmeistertrainer Sepp Herberger und Helmut Schön zum Auftakt zweimal ohne Sieg geblieben sind. Wären das nicht olle Kamellen, schön zu wissen, aber irrelevant für die Gegenwart – Klopp könnte glatt Hoffnung daraus schöpfen.

Mehr Hoffnung als die Statistik längst verstorbener Vorgänger macht die Betrachtung eines erfahrenen ZDF-Redakteurs, der Klopp seinerzeit als WM-Experten kennen- und schätzen gelernt hat. Klopp sei „unglaublich stark in der Analyse“, verfüge über „die besondere Fähigkeit, sich unter Stress aufzuladen“ und sei in der Lage, „eine Atmosphäre zu kreieren, in der Menschen Spaß haben – sogar daran, hart zu arbeiten.“ Mehr Lob geht kaum.

Die Schlagzeilen dieser Tage können aber auch die Kommunikationsexperten Klopp und Kosicke nicht mindern. Die „Neue Züricher Zeitung“ erkennt „hohe Erwartungen“ aber „wenig Potenzial“, der Newsletter „Fever Pitch“ sieht „für den Weg zurück in Richtung Weltspitze keine Abkürzung – nicht mal für Klopp“, der „Kicker“ konstatiert seit Sonntagabend trocken: „Mit Volldampf auf die Euphoriebremse.“ Zeit, Gas zu geben.

Hält Jürgen Klopp den Rücken frei: Marc Kosicke (dahinter).

Hält Jürgen Klopp den Rücken frei: Marc Kosicke (dahinter). © Federico Gambarini/dpa