Jürgen Klopp und sein „linker“ Nationalstolz sind ein Ding der Unmöglichkeit

„Als Linker muss man Jürgen Klopp einfach lieben. Schon immer.“ Das schrieb Pedram Shahyar im Freitag über seine nachvollziehbare Begeisterung für Nationaltrainer Jürgen Klopp. Seit dessen Zeit als Trainer von Mainz 05 verkörpert Klopp das Bild des linken Underdogs und lässt die Herzen antikapitalistischer Fußball-Fans höher schlagen.

Nun verkündete Jürgen Klopp in seiner Rolle als Bundestrainer den Kader der Nationalmannschaft mit einer schwarz-rot-goldenen Herzchenkappe auf dem Kopf und appellierte, den Nationalstolz nicht „den Falschen“ zu überlassen. Ein unausgesprochener Wink an die AfD. Kann man als Linker also irgendwas dagegen haben?

Tatsächlich ja.

Denn durch Shahyars Kommentar zieht sich die gefährliche Tendenz, den deutschen Nationalismus zu einem Vehikel von Diversität und Inklusion zu verklären.

Zwangsräumungen ermöglichten die WM 2014 in Brasilien

Gänzlich fehlt in seinen Ausführungen die sonst im Arbeiter:innensport verankerte Ablehnung großer kommerzieller Sportveranstaltungen. Die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien erklärt Schahyar schnell zum Sommermärchen der deutschen Integration. Für die Proteste von sozialen Bewegungen gegen die WM, die schon im Vorfeld mit Anti-Terror-Gesetzen verhindert werden sollten, mit Gewalt durchgesetzte Zwangsräumungen, die Besetzung von Favelas durch die Polizei und andere Menschenrechtsverletzungen, bleibt in dieser Erzählung jedoch kein Platz.

Gegen keine andere sportliche Großveranstaltung habe es so viel Kritik und Protest gegeben, schreibt der Soziologieprofessor Richard Giulianotti in der Einleitung zu einem Sammelband über die Fußballkultur Brasiliens, die zu einem bedeutenden Teil durch ihre proletarischen Wurzeln geprägt ist.

Rassismus während des „Sommermärchens“ 2006

Auch die Warnungen vor „No-Go Areas“ für People of Color, nicht nur im restlichen Ostdeutschland, sondern auch in Teilen Berlins bei der WM 2006, als die „Welt zu Gast bei Freunden“ war, findet bei Shahyar keine Erwähnung. Ebenso Studien über den Zusammenhang von Nationalspielen mit dem Anstieg häuslicher Gewalt und Berichte über rassistische Ausschreitungen im Rahmen der Weltmeisterschaften. Die rassistische Konjunktur zur Zeit der WM beschreibt Apsilon in seinem Song „Sommermärchen“ folgendermaßen: „Zwei Kugeln in den Kopf, der Tote hatte schwarze Haare/Noch ein Dönermord, die Kripo ist gerad’ am fahnden“.

Der nationale Blick versperrt die Sicht auf Unterdrückung, soziale Ungleichheit und internationale Machtgefälle. Ganz so, wie Kaiser Wilhelm einst sagte: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“ verschwindet die Klassenfrage hinter dem Spektakel des Kapitals, so als wären vor dem Bildschirm alle gleich.

Dabei ist es absolut nachvollziehbar, sich mehr Repräsentation zu wünschen. Auch in meinem Kinderzimmer hingen Poster von allen Schwarzen Spielern, die es Anfang der 2000er in der Bundesliga gab, und Fußball war neben Musik eine wichtige Projektionsfläche meiner eigenen Identität. Vergleichsweise mehr Möglichkeiten zur Teilnahme in Sport und Kultur sind jedoch nicht automatisch ein Beweis für Offenheit. Da, wo migrantische Arbeitskraft nicht vom Arbeitsrhythmus unsichtbar gemacht oder wenigstens aus dem Stadtbild verdrängt werden kann (Reinigung, Pflege, Fließband, Bau, Saisonarbeit), soll sie vor allem unterhalten.

Der Gedanke deutsch werden zu müssen

Migrantische Erfahrungen in Deutschland, so unterschiedlich sie auch sind, bewegen sich oft zwischen einer Sehnsucht nach der unmöglichen Rückkehr und einer Sehnsucht nach dem ebenso unmöglichen Ankommen. Die Anthropologie hat dafür den Begriff der Liminalität geprägt, ein Leben in Transit. Die Erzählungen von Koffern, die auch nach Jahren noch zur Abreise bereit stehen, illustrieren das Konzept.

Alltäglicher Rassismus, Schikane bei Behördengängen und Stigmatisierung durch Medien und Politik machen diesen Zustand unerträglich. Antirassistische Kämpfe sind Kämpfe gegen Diskriminierung und für gleiche Rechte. Die linke Position ist aber gerade, Rechte nicht von der Herkunft abhängig zu machen, sondern sie unabhängig davon allen gleichermaßen zuzugestehen. Wenn Menschen oft genug erleben müssen, dass nur Deutsche wie Menschen behandelt werden, liegt der Gedanke nah, deutsch werden zu müssen, um die eigene Existenz und das Bedürfnis nach Gleichberechtigung zu legitimieren.

Der antirassistische Diskurs in Deutschland brauchte einige Zeit, um eine inklusive Sprache zu entwickeln, in der Rassismus nicht aufgebracht mit „aber wir sind doch Deutsche“ gekontert wird. Integration erfolgt immer nur unter Vorbehalt, das beste Beispiel dafür ist der Profi-Sport selbst. Ein verschossenes Tor und ein Ballverlust reichen aus, um die halbe DFB-Elf emotional wieder auszubürgern. Sympathie bleibt an Leistung gekoppelt.

Dieses Prinzip bekommen Migrant:innen in vielen Lebensbereichen zu spüren, aber auch alle anderen werden davon nicht verschont. Es bricht einem das Herz, wenn Angehörige von Opfern rassistischer Morde betonen müssen, dass sie doch gearbeitet, Steuern gezahlt und einen Beitrag zur Gesellschaft geleistet haben, nur um vielleicht etwas Anteilnahme zu erfahren.

Arbeiter:innen haben kein Vaterland

Vor 28 Jahren stellte sich Kanak Attak mit ihrem Manifest sowohl gegen Fremdbestimmung als auch Identitätspolitik: „Wir wollen weder ihre Nischen noch akzeptieren wir ihre Anmaßung uns, also dich und mich, zu repräsentieren.“ Vor 14 Jahren brachten Geflüchtete mit der Besetzung des Oranienplatzes, nach ihrem Protestmarsch von Würzburg aus, den Kampf gegen das europäische Grenzregime, neokoloniale Ausbeutung und deutsche Komplizenschaft mit unterdrückerischen Regimes mitten in die Hauptstadt. Es wäre zynisch, trotz umfangreicher Quellen zu migrantischen Protestbewegungen und den Kämpfen migrantischer Arbeiter:innen zu behaupten, es wäre dabei vor allem darum gegangen, endlich deutsch zu sein.

Die Arbeiter:innenbewegung hat sich schon früh von den Nationalfarben getrennt. Nicht umsonst haben Marx und Engels mühsam gegen jede Illusion von Gemeinsamkeiten zwischen Arbeitenden und Besitzenden innerhalb nationaler Grenzen angeschrieben. Besonders das unerbittliche Eintreten gegen die Unterdrückung nationaler Minderheiten, ob in Deutschland oder England, war dabei von Bedeutung. 1848 versuchten die Anhänger von Michail Bakunin gegen Marx eindrückliche Warnung, die französische Revolution bewaffnet nach Deutschland zu bringen und adaptierten dabei die Farben der deutschen Nationalbewegung. Wie von Marx vorhergesehen, wurden sie kurz hinter der Grenze von der deutschen Armee aufgerieben.

Rote Bänder statt Schwarz-Rot-Gold

Die Kommunistische Liga, eine der Organisationen auf dem Weg zur Ersten Internationale, übernahm schließlich ein schlichtes rotes Band als Erkennungsmerkmal. Zeitlebens war und ist die kommunistische Bewegung von Exil und Migration geprägt. Marx und Engels selbst mussten durch die Repression von Land zu Land ziehen.

Als Marx und Engels also im Manifest schrieben „die Arbeiter haben kein Vaterland“, konnten sie sich dabei sowohl auf ihre Theorie, als auch auf die eigene Erfahrung stützen. Es wäre für alle selbsternannten Linken an der Zeit sich daran zu erinnern und sich der Verlockung des gemeinsamen nationalen „Wir“ zu widersetzen. Auch wenn die schwarz-rot-goldene Fahne in Form einer Herzchenkappe daherkommt.