Warum müssen Frauen für die Toilette zahlen und Männer nicht? Eine Frau verklagt Wien

Florian Bayer

Eine junge Frau will die Ungleichbehandlung in öffentlichen WCs nicht akzeptieren und verklagt die Stadt Wien. Wird sie Erfolg haben?

Wer muss zahlen für's stille Örtchen? Nicht nur in Wien müssen Frauen zahlen, auch in Hamburg.
Wer muss zahlen für's stille Örtchen? Am Bahnhof Altona müssen alle zahlen, in Wien bislang nur Frauen

Foto: Marcus Brandt/dpa

E r ging einfach durch, sie musste zahlen. Melanie Gradik und ihr Begleiter standen im Wiener Stadtpark vor derselben Toilette – und das stille Örtchen kam sie teurer zu stehen als ihn. 50 Cent kostet der Gang in die Kabine, während das Pinkeln am Pissoir, naturgemäß nur für Männer nutzbar, gratis ist. Gleichberechtigung endet anscheinend an der Klotür.

Während sich viele stumm ärgern, wollte es die 27-jährige Gradik nicht dabei belassen. Sie klagt nun gegen die Stadt Wien, und zwar nach deren eigenem Antidiskriminierungsgesetz. „Natürlich ist es eine Kleinigkeit, aber es ist ein Beispiel für die Ungleichbehandlung von Frauen im Alltag“, sagte die Wienerin gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.

168 öffentliche Toilettenanlagen gibt es in Wien, von denen 29 Standorte kostenpflichtig sind. Die Stadt begründet die Kosten mit dem anwesenden externen Personal, das die Toiletten laufend reinigt und wartet.

Illustration einer Ausgabe der wochentaz mit dem Titel „Egal war gestern“

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Neu ist das Problem auch für die Wiener Stadtpolitik nicht, wie das aktuelle Koalitionsabkommen von Sozialdemokraten und liberalen Neos von 2025 zeigt: „Wir prüfen, die Nutzung aller öffentlichen Toiletten für alle Menschen kostenlos zur Verfügung zu stellen, ohne Unterschiede zwischen Pissoir und Einzelkabinen“, heißt es darin. Geprüft wird seither eifrig, verändert hat sich aber nichts.

Salzburg macht's vor

Auf eine Anfrage der oppositionellen Grünen hin nannte der zuständige Umweltstadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ) drei Gründe für die Ungleichbehandlung: Zum einen sei die Reinigung von WC-Kabinen aufwendiger und teurer. Zweitens würden die Pissoirs, die „gleichermaßen von allen Bürgerinnen und Bürgern genutzt werden können“, den Nutzungsdruck auf Kabinen senken. Und drittens würden sie dazu beitragen, „Verunreinigungen durch Wildpinkeln“ zu vermeiden. Männer, so die stille Logik, müsse man eben belohnen, damit sie nicht überall hinpinkeln.

„Soll man jetzt Frauen raten, auch überall wild hinzupinkeln, damit sie kostenlose und vor allem mehr WC-Anlagen bekommen?“, fragte die grüne Gemeinderätin Julia Malle daraufhin entrüstet. Die Ungleichbehandlung gehöre beendet, „und zwar nicht, indem künftig alle zahlen, sondern indem niemand zahlt“. Zum Reinigungsaufwand merkte sie an, dass Männer auch nicht immer ins Schwarze treffen. Kritik kam auch von der Volksanwaltschaft. Die Regelung der Stadt sei „schlicht ungerecht“.

Die Einnahmen an der WC-Tür decken im Übrigen nicht annähernd die Kosten. Eingenommen werden nämlich rund 300.000 Euro pro Jahr, die Ausgaben für Reinigung und Wartung der 168 Toilettenanlagen betragen hingegen 5,3 Millionen Euro. Diese Zahlen nannte die Stadt Wien auf taz-Anfrage. Umso unverständlicher scheint es, an dieser Regelung festzuhalten.

Wie eine Lösung aussehen kann, zeigt indes Salzburg. Auch dort war die Nutzung der Pissoirs kostenlos, während für die Kabinen 50 Cent verlangt wurden. Künftig wird die Nutzung der WCs in der Innenstadt für beide Geschlechter einen Euro kosten, in den anderen Stadtteilen kostenlos sein. Grund für diese Unterscheidung ist, dass Touristinnen und Touristen auch ihren Beitrag leisten sollen, so Vizebürgermeister Kay-Michael Dankl gegenüber dem Onlinemedium „Salzburg24“. Immerhin gibt es eine geschlechtereinheitliche Lösung.

In Wien ist man noch nicht so weit. Die Stadt, die sich gern als so lebenswert und modern rühmt, prüft weiter, anstatt ihr eigenes Regierungsprogramm umzusetzen – weswegen Melanie Gradik nun vor Gericht zieht. Sie wünscht sich schlicht, „dass alle gerecht und gleichermaßen aufs Klo gehen können“. Ob das am Ende für alle etwas kostet oder für alle gratis ist, spielt für sie keine Rolle. Ihre Anwältin Petra Laback, die sie pro bono vertritt, schätzt die Erfolgsaussichten als „sehr hoch“ ein. Das Urteil werde sicherlich Präzedenzwirkung für ganz Österreich haben.

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