Kokskonsumentin: "Egal wie politisch korrekt wir sind, wir gehen irgendwann alle aufs Klo koksen"

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Kokskonsumentin: "Egal wie politisch korrekt wir sind, wir gehen irgendwann alle aufs Klo koksen"

Kokain gehört für viele junge Menschen im Nachtleben längst dazu. Der Konsum kann schnell außer Kontrolle geraten. Warum greifen immer mehr Menschen zu der illegalen Droge? Eine Konsumentin und ein Konsument erzählen

Leonie Razumovsky

Ein Häufchen weißen Pulvers (Kokain) liegt auf einer grünen Unterlage. Daneben ist teilweise ein Messer zu sehen.
Kokain ist in Österreich zurzeit so billig und so rein wie noch nie.

Wenn Melanie* ausgeht, bleibt es meist nicht beim Alkohol. "Hat jemand, mit dem ich unterwegs bin, mega Bock zu koksen, habe ich auch direkt Lust", erzählt sie. Melanie ist 28, lebt in Wien und konsumiert, seit sie Anfang 20 ist, Kokain. Bietet ihr jemand die Droge an, lehnt sie selten ab. "Dann fällt es mir schon sehr schwer, 'Nein' zu sagen", meint die Kunststudentin.

Meistens ist zusätzlich Alkohol im Spiel, durch ihn sinkt die Hemmschwelle: "Alkohol ist ein Klassiker, um etwas zu tun, was man sonst nicht macht", sagt Claudia Willinger, ärztliche Leitung der Individuellen Suchthilfe Nord vom Beratungs- und Betreuungsanbieter Dialog.

Was Melanie beschreibt, ist längst kein Einzelfall mehr. In den vergangenen zehn Jahren ist der Kokainkonsum in Österreich deutlich gestiegen. Gleichzeitig ist das Pulver so billig wie seit Jahren nicht mehr und wird auch immer reiner. "Es gibt mittlerweile relativ hochqualitatives Kokain zu einem günstigen Preis", erklärt Willinger. "Das macht die Erreichbarkeit und die Präsenz in jeder Szene einfach stärker."

Spuren im Abwasser

Auch Abwasseranalysen weisen darauf hin, dass der Kokainkonsum hierzulande zunimmt: Eine Analyse des Instituts für Gerichtliche Medizin der Medizinuni Innsbruck, die für den Drogenbericht der Europäischen Drogenagentur (EUDA) erstellt wurde, zeigte im Vergleich zum Vorjahr einen Anstieg um rund 20 Prozent. Beim Pro-Kopf-Konsum landete Kufstein an erster Stelle, gefolgt von Wien. In mehreren Regionen zeigten die Analysen zudem einen gestiegenen Konsum an Wochenenden. Ein Hinweis darauf, dass Kokain als "Partydroge" konsumiert wird.

Das sehr schnell süchtig machende und mit hohem Risiko verbundene Kokain passt nach Willingers Einschätzung in eine Gesellschaft, in der Leistungsfähigkeit und ständige Verfügbarkeit einen hohen Stellenwert einnehmen. Kokain wird inzwischen in verschiedenen sozialen Schichten, Alters- oder Berufsgruppen konsumiert. Für die Partyszene sei es eine extrem attraktive Droge, meint die Ärztin. "Man ist wach und fühlt sich stark."

Ausgeblendete Hintergründe

Besonders verbreitet ist Kokain bei jungen Erwachsenen. In Melanies Freundeskreis ist die Droge mittlerweile normalisiert, alle sprechen ganz offen darüber. Gleichzeitig hinterfragen viele ihrer Freunde ihren Konsum. "Aber irgendwie schaffen es trotzdem alle nicht so richtig, aufzuhören", erzählt sie.

Dabei erlebt sie einen Widerspruch in ihrem eigentlich politisch bewussten Umfeld: "Egal, wie politisch korrekt wir sind. Wir gehen irgendwann alle aufs Klo koksen und ignorieren, was für ein Rattenschwanz da dranhängt."

Eine rote Frachtcontainer-Ladung, gefüllt mit gestapelten schwarzen, in Plastik verpackten Paketen. Die Aufnahme stammt von der deutschen Zollverwaltung und zeigt die beschlagnahmte Fracht, die über acht Tonnen Kokain während eines Einsatzes in Wilhelmshaven, Deutschland, enthält.
Kriminelle Netzwerke sezten vielfältige Taktikten ein, um die Droge nach Europa zu bringen. Wie etwa den Schmuggel über Container in Seehäfen (Symbolbild).

Dieser "Rattenschwanz" beginnt in Südamerika. Dort hat die weltweite Kokainproduktion einen historischen Höchststand erreicht – und Europa ist einer der wichtigsten Absatzmärkte für die Droge. Um die steigende Nachfrage zu bedienen, setzen kriminelle Netzwerke auf Schmuggeltaktiken, etwa über Container in Seehäfen, wie aus dem Drogenbericht 2025 der EUDA hervorgeht. Was Konsumentinnen und Konsumenten oft ausblenden: Hinter der Lieferkette stehen Gewalt, Korruption, organisierte Kriminalität und Umweltzerstörung.

Soziale Funktion

Beim Kokain geht es für Melanie auch um das Gefühl, dazuzugehören: „Es verbindet einen mehr, gemeinsam am Klo eine Line Koks zu ziehen, als ein Bier zu trinken”, erzählt sie, "Auch, weil es illegal ist." Das mache es exklusiver, sagt Melanie.

Dass Kokain im Nachtleben vor allem eine soziale Funktion erfüllt, erklärt auch Willinger. Gleichzeitig lässt es die Interaktion in der Gruppe oft nur sehr oberflächlich zu. "Das kann aber auch als Schutz erlebt werden", sagt die Ärztin.

Auf Kokain zeigt Melanie mehr Interesse an ihren Mitmenschen. Vor allem gibt es ihr aber ein "krasses Selbstbewusstsein", wie sie sagt. Oft bringe es sie in Situationen, die sie sonst nicht erleben würde, mit Personen, die sie sonst nicht kennenlernen würde. "Es ist eine Art Icebreaker", sagt sie.

Wenn sich Melanie in der Arbeit unterfordert fühlt, greift sie öfter zum Kokain, „weil ich dem dann so entfliehen kann.” Hat sie hingegen viel gearbeitet und fühlt sich produktiv, empfindet sie den Konsum als Belohnung. "Man führt unbewusst Situationen herbei, die zu Konsum führen", erklärt Willinger.

Verlangen nach mehr

Kokain stimuliert das zentrale Nervensystem massiv. Das führt zu starken euphorischen Gefühlen, gesteigerter Wachheit und einem erhöhten Selbstbewusstsein sowie Redseligkeit. Zudem unterdrückt es das Hunger- und das Schlafbedürfnis. Die Wirkung ist stark, jedoch nur von kurzer Dauer.

Lassen die euphorischen Gefühle nach, verlangt der Körper schnell nach einer weiteren Dosis. Bei vielen Konsumentinnen und Konsumenten endet der Abend deswegen nicht nur mit einer Line. Auch Melanie erzählt von diesem Gefühl: "Ich kann dann nicht damit aufhören. Manchmal trägt einen einfach nur die Substanz weiter."

Bildbeschreibung: Vier Linien eines weißen Pulvers, das wie Kokain aussieht, liegen auf einer Spiegeloberfläche. Daneben befindet sich eine zusammengerollte Banknote.
An einem Abend bleibt es für viele Konsumentinnen und Konsumenten meist nicht bei nur einer Line Koks.

Noch extremer erlebte es der in Wien lebende Brite Mike*, der mittlerweile mit dem Kokain aufgehört hat. "In meinen schlimmsten Zeiten war nicht die Häufigkeit das Problem. Sondern wie heftig ich es getrieben habe, wenn ich einmal begonnen habe." Laut Willinger kann das schon ein Zeichen für ein Abhängigkeitsverhältnis sein. "Die User haben nicht mehr unter Kontrolle, wie sie die Substanz nutzen", erklärt sie.

"Jeder hält sich für unbesiegbar"

Mike spürte schon lange, dass er etwas an seinem Konsum ändern muss. Trotzdem fiel er immer wieder zurück, seine Wochenenden endeten in Eskapaden. "Ich habe einfach so lange weitergemacht, bis ich es wirklich nicht mehr ausgehalten habe", erzählt der Musiker. "Das Nachtleben ist heute anders. Alle sind nur noch auf Kokain." Über die körperlichen und psychischen Folgen würden nur wenige nachdenken. "Jeder hält sich für unbesiegbar", meint der 30-jährige Mike.

"Die meisten glauben, dass sie keine Abhängigkeiten entwickeln. Für einen Teil der Konsumentinnen ist das aber einfach nicht realistisch", sagt Willinger. Denn Kokain macht rasch psychisch abhängig, die Folgen zeigen sich oft erst nach dem Rausch.

Kokain als Selbstmedikation

Auch Melanie kennt die Folgen des Konsums: "Wenn man so einen Kokainexzess am Wochenende hat, dann ist man halt die ganze Woche einfach nicht so gut drauf." Zusätzlich verspüre sie oft starke Schamgefühle.

Gerade Menschen, die bereits unter einer depressiven Grundhaltung, einer Sozialphobie oder einem geringen Selbstwertgefühl leiden, würden schnell den Eindruck gewinnen, dass Kokain ihnen hilft, sagt Willinger. Besonders gefährlich werde es für Personen, die ohnehin nur wenige Ressourcen haben, um Krisen zu bewältigen. Dann steige das Risiko für eine Abhängigkeit deutlich. "Kokain als Selbstmedikation zu verwenden, funktioniert auf Dauer aber nicht", betont sie.

Mike, der schon länger an Depressionen litt, musste das am eigenen Leib erfahren. Die Tage nach dem Konsum kam er kaum aus dem Bett, immer wieder hatte er Panikattacken.“Ich habe mich einfach selbst ruiniert. Mein Körper, mein Nervensystem – sie konnten das einfach nicht mehr verkraften”, erzählt er. "Ich wollte wieder glücklich sein und leben". Daraufhin beschloss er, mit dem Kokain aufzuhören.

"Ein paar Tage nicht zu konsumieren, ist relativ einfach. Schwierig ist immer das langfristige Durchhalten", erklärt Willinger. Wichtig in solchen Situationen sei vor allem Stabilität im Leben: stabile soziale Beziehungen, finanzielle Sicherheit oder eine gefestigte Wohnsituation. "Je stabiler die Grundfesten sind, umso leichter ist es auch, eine Suchterkrankung zu verlassen." Brechen solche Stützen weg, kann das Risiko eines Rückfalls zunehmen, auch Monate oder Jahre später. Es ergebe sehr viel Sinn, sich in solchen Situationen Hilfe zu holen, sagt die Ärztin.

Kein lebenslanges Urteil

Melanie denkt auch darüber nach, zukünftig weniger zu konsumieren. Momentan sieht sie sich noch in einer Lebensphase, in der sie sich den Konsum erlauben kann. Nächstes Jahr will sie ihr Studium abschließen, in ein paar Jahren eine Familie gründen. Sie ist davon überzeugt, dass der Konsum von selbst weniger wird, wenn sie weniger feiern geht. "Da hat das Kokain dann einfach nicht mehr so einen Platz."

Die Übergänge zwischen einem Substanzgebrauch, der immer problematischer wird, und schwerer Abhängigkeit seien fließend, sagt Willinger. Das Gehirn könne nach Ausreden suchen und den Konsum normalisieren.

"Substanzabhängigkeit ist kein lebenslanges Urteil", betont die Ärztin. Man könne alles in seinem Leben verändern. Doch je länger solche Konsummuster bestehen und je problematischer der Substanzgebrauch bereits sei, umso schwieriger werde es. (Leonie Razumovsky, 21.10.2026)

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