Tomaten ernten in düsteren Zeiten: Die Kolumne "Lost and found"

Es ist mir bewusst, dass es unangemessen ist, am Tag vor den Berliner Wahlen eine Kolumne über Tomaten zu veröffentlichen. Es ist keine versteckte Werbung für die Linke, auch keine Anspielung auf die autoritäre Macht von Signor Pomodoro aus dem revolutionären Märchen von Gianni Rodari. Man darf diesen Text als Eskapismus Richtung Gemüsebeet betrachten, denke ich, obwohl es eher umgekehrt ist. Es klärt sich hoffentlich später, lasst uns zusammen hoffen, ich hoffe es sehr, denn ich selbst weiß noch nicht, in welche Sackgassen des Denkens es mich führen soll und bestimmt wird!

Ich wollte etwas rumalbern, um das mulmige Gefühl, das die heutige Existenz begleitet, all die Vorahnungen und Befürchtungen, zu vertuschen – und habe dafür eine richtig schlechte Zeit gewählt, denn wenn die Zustände besser wären, wäre es nicht so albern. Selbst Pablo Neruda hat Tomaten als „Sterne der Erde“ bezeichnet, höchste Zeit, den Blick in eine andere Richtung zu wenden. Vielleicht stehen Tomaten in diesem Text nicht nur für sich, sondern auch für etwas anderes, sie sind vor allem unberechenbar, besonders ihre Zahl. So fängt meine Kolumne mit einer Rechtfertigung an, zeitgemäß, und auch mit einem Versprechen, als würde auch ich kandidieren.

Ein flamboyantes Plädoyer für Tomaten

Vor wenigen Tagen saßen wir auf dem Balkon bei einer Geburtstagsparty, da sprachen alle über Tomaten, und so etwas habe ich in Berlin wirklich nicht erwartet. Eine Frau erzählte ungezügelt, wie sie in ihrem Garten Tomaten erntet und wie sie sie davor pflanzt, pflegt, anbindet, Unkraut beseitigt, wartet, hegt und wieder wartet, und jetzt pflückt sie die Tomaten jeden Tag, verschiedene Sorten, dann nannte sie sogar die Namen, die ich nur aus dem Tomaten-Buch von Kat Menschik kenne, und zeigte, wie sie Tomaten berührt, streichelt und manchmal küsst, wie kleine Kätzchen, eine flammende und zarte Rede, die ich nicht nachahmen kann, denn sie war flamboyanter, als ich es je schreiben könnte. So eine Parteivorsitzende würde ich mir wünschen.

Alle haben angefangen, über ihre Tomatenerfahrung zu reden, als wäre mit Tomaten etwas zu retten, besonders in Brandenburg, und dann sagte eine junge Frau, dass es nach einer Liebesgeschichte klinge, dann sagte sie etwas über Erotik und fragte die Tomaten-Frau, ob sie allein im Garten wühlt oder ob sie Hilfe hat, und vermutete noch einiges, was ich hier nicht zu wiederholen wage – so frech bin ich nicht.

Die Tomaten-Begeisterte erwiderte, dass es im Gemüsebeet nicht um sexuellen Trieb gehe, denn überall herrschen Kriege, Drohnen fliegen über ihre Heimatstadt, die Häuser, Tankstellen, auch Züge werden angegriffen, schon direkt an der polnischen Grenze, und: Sachsen-Anhalt hat gewählt, und die Machthaber, die noch Macht haben, sind komplett gaga, Open AI verspricht, uns alle bald umzubringen, noch bevor unser Leben von selbst zu Ende geht. Das führt zu Ohnmacht, und Ohnmacht führt zur Ignoranz, sagte sie zum Schluss – und ich sitze hier und ernte Tomaten. Beim Ernten, sagte sie noch, tropfe die Trauer aus ihrem Körper, solange sie erntet.

Wir müssen unseren Garten bestellen

Dann fiel jemandem ein Gedicht von Czesław Miłosz ein, in dem es genau darum geht. Und wir lasen, wie am Tag des Weltendes die ganze Natur und die Welt genauso sind wie immer. Die Fische, die Bienen und die Delphine, und die Damen gehen mit Schirmen über das Feld, und ein Säufer schläft am Rasenrand, und das Boot segelt in der Ferne. Ich erlaube mir ein langes Zitat: „Und die auf Zeichen und Posaunen der Erzengel gewartet haben, / Begreifen nicht, dass es bereits geschieht. / Solange Sonne und Mond sich oben drehen, / Solange die Hummel die Rose befliegt, / Solange rosige Kinder geboren werden, / Glaubt niemand, dass es bereits geschieht. / Nur der grauhaarige Greis, der ein Prophet sein könnte, / Doch er hat anderes zu tun, / Sagt beim Anbinden der Tomaten: Es gibt kein anderes Ende, es gibt kein anderes Ende.“

Ich dachte an Voltaires Candide, der sagt: „Wir müssen unseren Garten bestellen“, was längst zu einer viel zu oft zitierten Floskel geworden ist und sich auch in diesem Gedicht in einer paradoxen Form widerspiegelt. Hoffentlich sind wir nicht an einem solchen Tag, und hoffentlich wird er auch nicht kommen. Die Frage ist nur – wo hört unser Garten heute auf?