Die dunkle Seite der Schweiz kann man sich nicht mehr schöntrinken

Kommentar

Diese unbequemen Wahrheiten konnte man sich am 1. August nicht mehr schöntrinken

Der Nationalfeiertag der Schweiz ist immer ein Anlass zur Selbstvergewisserung. Doch wo so viel Stolz herrscht, werden dunkle Flecken gerne verdrängt – dieses Jahr in der Neutralitäts- und Föderalismusdebatte.

02.08.2026, 05.30 Uhr

2 Leseminuten


Die Institution Feuerwerk ist vielerorts der Klimaerwärmung zum Opfer gefallen. Auf dem Bild: Zuschauer des 1. August-Feuerwerks in Lausanne im Jahr 2022.

Die Institution Feuerwerk ist vielerorts der Klimaerwärmung zum Opfer gefallen. Auf dem Bild: Zuschauer des 1. August-Feuerwerks in Lausanne im Jahr 2022.

Jean-Christophe Bott / Keystone

Wie haben Sie das erlebt? Lässt sich der Nachthimmel des Nationalfeiertags schöntrinken? Es war wohl alternativlos. Was sich die Fraktion der Spassbefreiten seit Jahren wünscht, macht die Waldbrandgefahr nun möglich. Die Institution Feuerwerk ist der Klimaerwärmung zum Opfer gefallen.

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Das Versiegen des Silberregens liefert nur ein weiteres Symptom für die Dauerdisruption. Gewissheiten brechen seit längerem weg, alles scheint ins Rutschen zu geraten, nicht nur in den Bergen oder am 1. August. Die Reaktion darauf bleibt nicht aus. Der beschleunigte Wandel beschleunigt den Widerstand dagegen. Kampfbegriffe wie Wachstumsbremse stehen für die von linken wie rechten Populisten erzeugte Fata Morgana eines schmerzfreien Zurück in ein weniger diverses, übersichtlicheres Dasein – was etwa den Erfolg der AfD bei den deutschen Nachbarn mit erklärt.

Wo alles fliesst, klammert sich der Mensch krampfhaft an die letzten Konstanten, wie ein Ertrinkender an jeden Ast, der vom Ufer in den reissenden Strom ragt. Solche Äste sind für die Schweizer etwa die Neutralitätspolitik oder der Föderalismus – ob sie halten, will nicht jeder hinterfragen.

Und so kämpft etwa der SVP-Übervater Christoph Blocher seine letzte Schlacht. Die Argumente für und gegen seine Neutralitätsinitiative sind ausgetauscht. Keine Partei will sich durch einen starren Neutralitätsbegriff in der Verfassung einengen lassen, keine will die Option Pragmatismus – oft als Synonym für Opportunismus verwendet – aufgeben. Zu oft rettete dieses Prinzip das Land.

Doch Blocher will genau das nicht mehr und argumentiert ausgerechnet mit dem Zweiten Weltkrieg. Ja, die Schweiz blieb verschont, aber nicht nur, weil Aktivdienstler tapfer und neutral auf Flugzeuge aller Kriegsparteien schossen. Nein, die wirtschaftliche Landesverteidigung lieferte den Deutschen neben Bührles Kanonenexporten oder den Goldtransaktionen der Nationalbank noch weitere existenzielle Dienste. An der Zürcher Börse beschaffte sich Hitlers Regime Unsummen mit dem Verkauf von Papieren, die es aus jüdischem Besitz geraubt hatte. Die hiesigen Banker verwischten die Spuren mit gefälschten Herkunftsnachweisen. Das alles generierte die freie Devise Schweizerfranken, mit der sich zum Beispiel der Rohstoff Wolfram für die Panzerproduktion beschaffen liess.

Während aber die Wunderwaffe Neutralität bereits des Öftern relativiert wurde, dämmert vielen erst jetzt, dass auch das Narrativ vom erfolgreichen Föderalismus Richtung Mythos abdriften könnte. Unbestritten sind die Verdienste um Bürgernähe und den schlanken Staat. Doch immer öfter missbrauchen die Polparteien auf kommunaler oder kantonaler Ebene das Initiativrecht, um Anliegen durchzubringen, mit denen sie auf nationaler Ebene gescheitert sind. Die SVP plant lokale Bevölkerungsdeckel, die Linken installieren Mindestlöhne oder regulieren den Wohnungsmarkt.

Was diese Revolution von unten für den Zusammenhalt der Willensnation und deren Erfolgsmodell bedeutet? Nichts Gutes. Das lässt sich leider nicht mehr schöntrinken.

Ich wünsche Ihnen weiterhin ein Wochenende in Feierlaune.

2 Kommentare

Dietrich Meier

vor 32 Minuten

Der Balzli kann wohl nicht anders, als am ersten August unser föderales Erfolgsmodell schlecht zu schreiben. Schade.

Rolf Jeker

vor 44 Minuten

Ausgezeichneter Kommentar, der aufzeigt, dass die Zukunft nicht im Rückspiegel stattfinden wird, und wir uns mit den neuen Realitäten realistisch und optimistisch befassen müssen und uns wieder daran erinnern, dass eine offene und solidarische Schweiz für unseren Wohlstand und Sicherheit immer das richtige Rezept war.

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