Mercedes und die 35-Stunden-Woche: Droht das Ende?

Wer verstehen will, warum der Mercedes-Vorstand seinen Betriebsrat gerade so stark unter Druck setzt, sogar mit der Schließung eines deutschen Werks droht und die Wochenarbeitszeit von 35 auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich verlängern will, muss nach Peking und Zhengzhou in China, aber auch nach Ungarn und Spanien blicken.

In Chinas Hauptstadt hat der chinesische Automobilverband CPCA vor wenigen Tagen erklärt, dass chinesische Unternehmen den Autoexport bis zum Jahr 2030 von aktuell 8,3 auf bis zu 20 Millionen Fahrzeuge mehr als verdoppeln wollen. Und in Zhengzhou steht die größte Autofabrik der Welt.  In den Hallen von BYD, die siebenmal so groß sind wie das VW-Werk in Wolfsburg, stehen die Arbeiter für umgerechnet 500 bis 650 Euro im Monat 60 bis 80 Stunden in der Woche am Band und produzieren Autos.

Hinzu kommt, dass chinesische Hersteller mehr und mehr eigene Fabriken in Europa aufbauen. BYD hat ein Werk im ungarischen Szeged errichtet. In Barcelona produziert der chinesische Staatskonzern Chery Elektroautos der Marke Omoda. Auch Leapmotor und Saic planen Fabriken in Spanien.

Chinesen bauen Werke in Europa – aber nicht in Deutschland

In Deutschland haben sich die Wettbewerber von Mercedes, BMW und VW dagegen bislang noch nicht mit Produktionsstätten angesiedelt. Für die Verhandler an der Spitze von Mercedes ist das angesichts der Standortkosten nicht weiter verwunderlich. Denn auch das Unternehmen aus Baden-Württemberg produziert nicht nur in Deutschland, sondern auch im europäischen Ausland. Mercedes unterhält wie BYD ein großes Werk in Ungarn.

Dort liegen die Kosten für Löhne, Logistik, Infrastruktur und Energie um rund 70 Prozent unter denen in Deutschland. Im Werk Kecskemét hat das baden-württembergische Unternehmen gerade seine Kapazität von 200.000 auf 400.000 Fahrzeuge im Jahr erhöht. Das Kalkül: Mercedes bereitet sich auf die Millionen von Fahrzeugen vor, die China künftig nach Europa exportieren oder an im Vergleich zu Deutschland deutlich günstigeren Standorten in Europa produzieren wird.

Vor diesem Hintergrund ist die Forderung nach einer 40-Stunden-Woche der Versuch von Mercedes, die Kostenvorteile, mit denen neue Wettbewerber auf den europäischen Markt drängen, zumindest teilweise auszugleichen. Dass das Unternehmen, das noch immer 48,9 Prozent seiner Fahrzeuge in Deutschland produziert, obwohl dort nur 11,8 Prozent der Autos verkauft werden, nun versucht, die Kosten über die Arbeitszeit zu senken, liegt daran, dass ein Unternehmen auf andere Faktorkosten kaum Einfluss hat.

Vorstoß rührt an das Selbstverständnis der IG Metall

Für die IG Metall rührt der Vorstoß allerdings an den Grundfesten ihres Selbstverständnisses. Die 35-Stunden-Woche steht für die größte Einzelgewerkschaft der Welt für eine menschlichere Arbeitswelt. Das Symbol ist eine aufgehende Sonne auf rotem Grund mit der Zahl 35. Um die Einführung haben die Tarifpartner in den Achtzigerjahren lange gerungen. Erst nach einem wochenlangen Arbeitskampf einigten sich beide Seiten auf die schrittweise Einführung.

Die Gewerkschaft weist die Pläne von Mercedes zurück und verweist darauf, dass die deutschen Werke schon jetzt nicht ausgelastet seien und eine 40-Stunden-Woche die Probleme nur verschärfen würde. Dabei ist beiden Seiten klar, dass es bei der Forderung nicht um fünf Stunden Mehrarbeit geht, sondern darum, die Kosten je gearbeiteter Stunde zu drücken. Mercedes will so einen dreistelligen Millionenbetrag im Jahr einsparen.

Anstelle von Lohnkürzungen fordern die Arbeitnehmervertreter, die deutschen Werke durch Investitionen und Innovationen abzusichern. Das ist ein mehr als unrealistisches Szenario. Es stimmt zwar, dass sich die deutschen Hersteller mit den aktuellen Fahrzeuggenerationen in vielen Feldern wieder an die Spitze der technischen Entwicklung gesetzt haben. Doch die Autos werden im Vergleich zur chinesischen Konkurrenz nie mehr auf einem so viel höheren Standard sein, dass die auf den Produktionskosten beruhenden eklatanten Preisunterschiede aus Kundensicht gerechtfertigt sind.

Vorstand und Arbeitnehmervertreter werden sich über kurz oder lang auf niedrigere Lohnkosten einigen müssen. Und die Einigung bei Mercedes wird sich auf weitere Hersteller, ihre Zulieferer und die gesamte Autoindustrie auswirken. Dabei bedeutet eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit nicht, dass es nicht auch zu einem weiteren Stellenabbau in deutschen Autofabriken kommt. Aber die 40-Stunden-Woche wird helfen, die verbleibenden Arbeitsplätze im internationalen Wettbewerb länger abzusichern.