Konflikt um Stadttauben: Husch, husch, weg mit euch!

Das Taubenhaus am Berliner Bahnhof Südkreuz dämmt die Population von Städtvögeln ein. Jetzt will die Bahn es nicht mehr haben. Warum?

„Entschuldige“, sagt Hanieh Razawi zu der Taube, die sie gerade von ihrem Nest genommen hat und in der Hand hält. Das grau gefiederte Tier bleibt ruhig, wahrscheinlich weil Razawi den richtigen Griff beherrscht, vielleicht aber auch, weil der Vogel die Frau kennt, die sich zusammen mit einem Team von rund 20 Freiwilligen täglich um ihn und bis zu 400 seiner Artgenossen kümmert. Die sie füttert, tränkt, bei Verletzungen aufpäppelt und die kleinen, weißen Eier, die die Weibchen regelmäßig legen, gegen Attrappen aus Kunststoff austauscht.

Zumindest Letzteres ahnen die Tauben ganz offensichtlich nicht. Denn immer wieder sitzen sie im Taubenhaus am Berliner Südkreuz wochenlang auf den falschen Eiern, aus denen nie etwas schlüpft. Bis diese entfernt werden und sie irgendwann neue legen, die wiederum ausgetauscht werden. Razawi und die anderen HelferInnen tun das natürlich nicht, weil sie Tauben nicht leiden können, im Gegenteil. Sie wollen, dass es den Tieren so gut wie möglich geht. Das aber setzt voraus, dass sie sich nicht unkontrolliert vermehren.

Das Problem mit Stadttauben: Sie sind keine Wildtiere, sondern die Nachfahren entflogener Haus- oder verirrter Brieftauben – Straßenhunde der Lüfte, wenn man so will. Weil ihnen einst ein Brutzwang angezüchtet wurde, vermehren sich selbst dann noch stark, wenn sie unter schlechten Bedingungen leben und mangelernährt sind – in der Großstadt oft der Normalfall. Weil sie von den Felsentauben abstammen, die natürlicherweise an Klippen brüten, suchen sie im urbanen Raum Nistplätze mit ähnlichen Charakteristika: zum Beispiel Nischen und Spalten in Bahnhofsgebäuden.

Sogenannte Vergrämungsmethoden wie das Anbringen von Netzen und Spikes helfen dagegen nur leidlich. Die Tiere finden immer wieder Ausweichorte oder bauen ihre einfachen Nester einfach zwischen den Metallstacheln. Das Ergebnis: kranke und verletzte Vögel und kotübersäte Bahnsteige. Taubenhäuser wirken dem entgegen, indem sie sichere Orte schaffen, gleichzeitig aber die Fortpflanzung unterbinden. „Stadttaubenmanagement“ nennt man so etwas auch.

Bahn will nicht verantwortlich sein

Am Bahnhof Südkreuz hat die Deutsche Bahn vor rund zehn Jahren Hanieh Razawi ermöglicht, ein Taubenhaus neben dem Busparkplatz vor dem Haupteingang aufzustellen. Der Taubenschlag mit den Ausmaßen eines Bauwagens, aber futuristisch anmutender Form, der einmal für ein Hochhausdach am Potsdamer Platz konzipiert worden war, steht auf einem kleinen, eingezäunten Gelände. Drinnen gurrt und flattert es, drumherum wachsen Sonnenblumen und Tomaten, ein kleines Idyll. Alles gut also? Nein: Die Bahn will das Haus nicht mehr haben. Bis spätestens Februar 2028 soll es abgezogen werden.

Eine junge, flauschige Taube liegt in einer offenen Hand
Eine verwaiste Jungtaube wird im Taubenhaus von erfahrenen „Ammen“ versorgt

Foto: Claudius Prößer

Als die Grünen-Abgeordnete June Tomiak davon erfuhr, stellte sie eine parlamentarische Anfrage an die Senatsverwaltung für Justiz, die auch für Tierschutzfragen zuständig ist. Aus deren vor Kurzem veröffentlichten Antwort wird klar, dass weder das Land Berlin noch der Bezirk Tempelhof-Schöneberg den Abzug des Taubenhauses befürworten: „Bestehende positive Effekte auf die Tiergesundheit, den Tierschutz und eine Reduzierung der Taubenpräsenz in der Umgebung würden verloren gehen.“

Dagegen scheint die Bahn, die von der Verwaltung ebenfalls um eine Stellungnahme gebeten wurde, fest entschlossen zu sein. Begründung: Das Gelände sei in ihrem Besitz, aber die Verantwortung für Stadttauben liege bei der öffentlichen Hand. Zudem befinde sich das Taubenhaus „in einem maroden Zustand und müsste umfassend saniert oder ersetzt werden“. Da biete sich eine Umsiedlung geradezu an. Die „großzügige Übergangsfrist“ lasse zu, dass „eine alternative Lösung im Zuständigkeitsbereich der öffentlichen Hand entwickelt und realisiert werden kann“. Eine erste Abstimmung mit allen Beteiligten habe bereits stattgefunden.

Die Gründe bleiben unklar

Hanieh Razawi hat gerade nach einem der wenigen Taubenküken gesehen, die im Taubenhaus aufwachsen – es handelt sich meist um Jungvögel, die irgendwo aus einem Nest gefallen sind und beim Verein abgegeben werden. Erfahrene „Ammen“ unter den Tieren im Schlag dürfen sie aufziehen und tun das auch ganz selbstverständlich. Hat das Taubenhaus tatsächlich sein Verfallsdatum überschritten und muss deshalb abgebaut werden? „Völliger Quatsch“, sagt Razawi, „es ist kein bisschen marode.“ Es gebe einige Stellen, die abgedichtet werden müssten, aber das dürfte nur einen Bruchteil des Betrags kosten, für den das Haus ursprünglich einmal hergestellt wurde.

Tatsächlich sieht es so aus, dass die Metallkonstruktion noch stabil genug ist, auch wenn sie außen einmal eine Reinigung und einen neuen Anstrich gebrauchen könnte – Taubenkot ist eben Taubenkot. Ist das Objekt der Bahn aus ästhetischen Gründen ein Dorn im Auge, oder hat sie mit dem kleinen Teilgrundstück andere Pläne, mit denen sie Einnahmen generieren könnte? „Die Bahn hat uns nur gesagt, dass sie das Grundstück braucht“, sagt Razawi, „aber nicht, wofür.“

Bei den Gesprächen mit dem Unternehmen, die es bereits gegeben hat, sei dem Verein einmal eine Ersatzfläche an der Warschauer Brücke angeboten worden. Man könne Tauben, die an einen Standort gewöhnt seien, aber nicht einfach umsiedeln, erklärt Razawi – die Vögel würden sich dann eben wieder im Bahnhof und auf den umliegenden Flächen aufhalten.

Ein anderes Mal habe ein Bahnvertreter vorgeschlagen, das Taubenhaus in der bezirklichen Gartenarbeitsschule aufzubauen, ein paar Hundert Meter weiter auf der südlichen Seite der Stadtautobahn. „Er hatte das einfach gegoogelt und uns ausgedruckt.“ Abgesehen davon, dass es dort Konflikte mit den PächterInnen der angrenzenden Kleingärten geben könne, sei dieser Ort dunkel und abgelegen, so Razawi – keine Option für die Freiwilligen, die auch abends nach den Tauben sehen müssen. Am Südkreuz haben die MitarbeiterInnen manchmal Probleme mit den Obdachlosen, die sich dort aufhalten, aber die exponierte Lage des jetzigen Standorts und die Einzäunung geben ihnen ein ausreichendes Sicherheitsgefühl.

Es gibt noch ein weiteres Element in diesem Konflikt: ein Präparat mit dem Namen Ovistop. Es handelt sich um eine „Taubenpille“ – Maiskörner, die mit dem Wirkstoff Nicarbazin überzogen sind, den die Geflügelindustrie zur Behandlung von Darmparasiten anwendet, der aber bekanntermaßen auch die Legeraten von Vögeln deutlich senkt. Auf Betreiben der Bahn wird der präparierte Mais seit Mai 2025 am Taubenhaus verfüttert, wo ihn auch die Tiere des im Bahnhof lebenden Schwarms fressen sollen.

Einer Bahnsprecherin zufolge soll der Betrieb des Taubenhauses „nach vorliegenden Beobachtungen keine deutliche Verbesserung“ gegenüber der Ausgangssituation bewirkt haben. Dagegen könne seit dem Einsatz von Ovistop, der mit bezirklichen Veterinäramt abgestimmt sei, ein rückläufiger Trend der Bestände beobachtet werden.

Aufwändige Beobachtung

Hanieh Razawi versorgt eine verletzte Taube

Foto: Claudius Prößer

Das hält Hanieh Razawi für fraglich – schließlich könnten sich die im Schlag lebenden Vögel durch den Eiertausch nicht vermehren, und eine kontinuierliche Beobachtung der im Bahnhof lebenden Taubenkolonie sei extrem aufwändig. Die von der Bahn mit der Anwendung von Ovistop beauftragte Tierärztin sei viel zu selten in Berlin, um das zu gewährleisten. „Ich bin promovierte Biologin und arbeite im Pharmabereich, ich kenne mich mit klinischen Studien aus“, betont Razawi.

Anfrage bei Victoria Adam, auf Vögel spezialisierte Veterinärin in Düsseldorf und Geschäftsführerin der Plumaris GmbH, die laut ihrer Webpräsenz „nachhaltiges und tierschutzkonformes Stadttaubenmanagement“ im Auftrag von Städten, Gemeinden und Unternehmen anbietet – durch Fütterung von Ovistop. Adam bekräftigt gegenüber der taz, die Maßnahmen am Bahnhof Südkreuz würden „regelmäßig gemonitort und tierärztlich begleitet“. Die dortige Population sei seitdem schon um 30 Prozent zurückgegangen.

Der Tierärztin zufolge schließen sich die Gabe des Kontrazeptivums und der Betrieb des Taubenhauses nicht aus – das Medikament wirke ja auch bei den Tauben, die in schwer zugänglichen Bereichen des Bahnhofsgeländes brüteten und lediglich zum Fressen ans Taubenhaus kämen. Dass das Haus grundsätzlich zur Eindämmung der Taubenpopulation beiträgt, will Adam nicht bestätigen: Das sei „bis jetzt noch nicht wissenschaftlich bewiesen beziehungsweise untersucht“. Ihr zufolge sollen die Schwärme am Südkreuz in den anderthalb Jahren vor dem Einsatz von Ovistop sogar noch einmal „deutlich angewachsen“ sein.

Für Hanieh Razawi ergibt das keinen Sinn: „Wir tauschen im Jahr 1.400 Eier aus.“ Da Jungtauben schon im Alter von fünf Monaten fortpflanzungsfähig werden, mache das rund 3.000 weniger neue Tiere jährlich – „und 4,5 Tonnen weniger Kot, den die Bahn beseitigen muss“. Warum die Bahn auf diesen Service verzichten will, will ihr nicht einleuchten.

Sie hält das Taubenmanagement durch Taubenhäuser für ein Zukunftsmodell, auch wenn es in Berlin aktuell gerade mal eine Handvoll davon gibt – bei geschätzt mehreren Zehntausend Stadttauben. Das Büro des Berliner Tierschutzbeauftragten teilt auf Anfrage allerdings mit, man habe festgestellt, dass es „sehr schwierig und häufig auch nicht möglich ist, weitere geeignete Standorte für Taubenhäuser in Problembereichen zu finden“.

Die Tauben im Taubenhaus wissen von alledem natürlich nichts. Auch nicht „Wolfgang“ – einer der ältesten Vögel im Schlag und einer von wenigen, denen die HelferInnen einen Namen gegeben haben, denn mit seiner weißen Zeichnung hebt er sich von den meisten Artgenossen deutlich ab. Wenn das Taubenhaus keine Ersatzlösung in der direkten Umgebung findet, wird er wohl wieder im Bahnhof herumirren.

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