Konstablerwache Frankfurt: Warum der Platz trotz Kunstwerk so öde bleibt

In Frankfurt hat es Tradition, über hässliche Plätze zu diskutieren – und am Ende nichts zu ändern, weil man sich nicht einigen kann. Und weil sich die Anforderungen und Wünsche im Laufe der Jahrzehnte verändert haben: Was früher als Parkplatz geschätzt war, wurde zum beliebten Marktplatz und soll heute möglichst eine grüne, Schatten spendende Oase sein. Ein Beispiel dafür ist die Konstablerwache, die wegen der schwebenden Skultpur „A Sky Full Of Hope“ wieder im Zentrum der Debatte steht. Das Kunstwerk, das schon seit einigen Tagen an eigens installierten Stahlträgern hängt, wird am Dienstag offiziell präsentiert.

In seiner heutigen Form gibt es den Platz an der Konstablerwache noch nicht lange. Ein Foto aus den frühen Fünfzigerjahren zeigt das Areal südlich der Zeil als große Schuttwüste. Viele im Krieg zerstörte Gebäude sind abgerissen, nur die Häuserzeile auf der Nordseite ist weitgehend erhalten. Noch erkennbar ist der frühere Verlauf der Allerheiligenstraße, die einst schräg über den heutigen Platz verlief. Die Kurt-Schumacher-Straße, heute Teil der wichtigsten Nord-Süd-Verbindung in der Innenstadt, gibt es noch nicht. Nur das Bekleidungshaus C&A wirkt vertraut. Es befindet sich bis heute an der gleichen Stelle.

Nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg hat sich das Bild der Frankfurter Innenstadt komplett gewandelt. Die Altstadt existierte größtenteils nicht mehr, der Wiederaufbau erfolgte auf der Basis eines neuen Stadtgrundrisses. So entstand der Platz, der bis heute als Konstablerwache bekannt ist. Ein Parkplatz sei dort geplant, berichtete die F.A.Z. im November 1952. Die Stadt reagierte auf die zunehmende Motorisierung. 1956 entstand unter dem Platz Frankfurts erster Fußgängertunnel.

Gezeichnet von Kriegsschäden: die Konstablerwache in den frühen Fünfzigerjahren
Gezeichnet von Kriegsschäden: die Konstablerwache in den frühen FünfzigerjahrenLutz Kleinhans

Der Name Konstablerwache hatte sich für den Platz durchgesetzt, obwohl das Wachgebäude an der Ecke zur Fahrgasse längst nicht mehr stand. Das einst von einem Geschützmeister, dem Konstabler, geleitete Militärgebäude wurde zuletzt als Polizeirevier genutzt und 1886 abgerissen. Heute befindet sich am Standort der Konstablerwache das 1954 fertiggestellte Bienenkorb-Hochhaus, das unter Denkmalschutz steht.

Über die ersten Gebäude des Wiederaufbaus rund um die Konstablerwache schrieb die F.A.Z.: Sie seien „modern gebaut, nüchtern und unbelastet von historischen Vorbildern“. Mehr als 50 Jahre später urteilte der Frankfurter Architekt Christoph Mäckler im Hessischen Rundfunk: „Dieser Platz ist sicher einer der ödesten, die wir in Hessen haben.“ Und bei anderer Gelegenheit stellte er fest: „Die Moderne hat keinen einzigen Platz hervorgebracht, der zum Beispiel so schön ist wie unser Römerberg.“ Den Grund dafür sieht er nicht nur im öffentlichen Raum, sondern auch in der Architektur der Häuser, die den Platz rahmen.

Nur an den Markttagen gut frequentiert

Öde geht es an der Konstablerwache nicht immer zu. Zumindest an zwei Tagen in der Woche zählt der Platz zu den am meisten belebten in Frankfurt. Der Erzeugermarkt ist samstags und donnerstags ein beliebter Treffpunkt. An allen anderen Tagen ist der Platz meist wenig frequentiert. Das liegt nach Einschätzung von Fachleuten auch dem ungewöhnlichen, 80 Zentimeter hohen Podest in der Mitte des Platzes.

Dieses wurde nach dem Bau der S- und U-Bahn-Station Anfang der Achtzigerjahre auf der Basis von Plänen des Darmstädter Architekten Udo Nieper angelegt, um insgesamt 91 Platanen in einem quadratischen Hain pflanzen zu können. Ohne die Erhöhung hätten sie nicht genügend Platz für ihre Wurzeln. Die Umgestaltung wurde damals mit einer Spendenaktion verbunden: Für 20 Mark konnte man seinen Namen in einen der 12.000 hellen Pflastersteine eingravieren lassen. Der Erlös kam einem gemeinnützigen Zweck zugute.

Verkehrsknoten: Bis 1978 fuhren Straßenbahnen über die Konstablerwache.
Verkehrsknoten: Bis 1978 fuhren Straßenbahnen über die Konstablerwache.Klaus Meier-Ude

Trotz dieser Beteiligungsaktion wurde Frankfurt mit der Konstablerwache nicht glücklich. Die vier Stufen werden als Barriere wahrgenommen, die Industrie- und Handelskammer rechnete einmal vor, dass durch das Podest zwei Drittel der Fußgängerströme gebremst würden. Doch mehrere Anläufe, die Barriere zu beseitigen, scheiterten am drohenden Verlust von zwei Dritteln der Bäume – und an den Kosten. Vor 20 Jahren waren für den Umbau 2,3 Millionen Euro veranschlagt, die bei einer Haushaltskrise ganz oben auf der Streichliste landeten. Auch die im Innenstadtkonzept von 2014 enthaltenen Pläne, dem Platz an der Ostseite mit einem niedrigen Gebäude in Leichtbauweise eine Fassung zu geben, wurden nie in die Tat umgesetzt.

Ein Totentanz mit einer Herde skelettierter Rinder

Nach den Anfang der Achtzigerjahre entwickelten Plänen sollte der Platz zwischen den Platanen nicht so leer sein, wie er sich heute präsentiert. Oberbürgermeister Walter Wallmann (CDU) wollte dort einen Brunnen haben, der Schweizer Künstler Jean Tinguely skizzierte für ein dreißig mal zwanzig Meter großes Becken eines seiner bewegten Wasserspiele. Eine Herde skelettierter Rinder sollte, angetrieben vom Brunnenwasser, einen „Totentanz“ aufführen. Es wurde bereits eine unterirdische Wasserkammer gebaut, doch sie ging nie in Betrieb. Tinguely hielt den Platz für so „grauslich“, dass er dort keines seiner Werke sehen wollte. Als Alternative war kurzzeitig ein theaterartiger Pavillon im Gespräch, den das Frankfurter Architekturbüro Berghof, Landes, Rang entworfen hatte. Aber letztlich fand man, dass sich die freie Fläche gut für Veranstaltungen nutzen ließ.

Mit der Leere in Zeiten ohne Veranstaltungen können die Frankfurter aber nur schlecht umgehen. Mitte der Neunzigerjahre wurde darüber diskutiert, die Kleinmarkthalle auf der Konstablerwache neu zu bauen – ganz in der Nähe des alten Standorts an der Reineckstraße, an dem sie in der unmittelbaren Nachkriegszeit noch stand. Wenig später war der Bau eines großen Premierenkinos im Gespräch. Daraus wurde ebenso wenig etwas wie aus dem Vorschlag, den Platz zu überdachen. Auch Angebote von Anliegern, sich finanziell an der Umgestaltung zu beteiligen, wurden nie konkret.

In jüngster Zeit ist es ruhig geworden um die Umbaupläne. Die Unzufriedenheit aber blieb. Das im Frühjahr geschmiedete Bündnis aus CDU, Grünen, SPD und Volt hat in ihrem Koalitionsvertrag ganz allgemein vereinbart, „ein Nutzungs- und Gestaltungskonzept für Hauptwache, Zeil und Konstablerwache“ aufzustellen. Vielleicht wird es ja Teil dieses Konzepts sein, auf Dauer Exponate über der Konstablerwache schweben zu lassen. Die Möglichkeit dazu bestünde. Denn die massiven Masten, die das bunte Kunstwerk tragen, sollen auch dann stehen bleiben, wenn die nur ausgeliehene Skulptur Frankfurt wieder verlässt. Dann hätte sich an der Konstablerwache immerhin etwas verändert – ganz unabhängig von den in eine vage Zukunft verschobenen Umbauplänen.