"Dass Kinder lernen müssen, wie man schwere Blutungen stoppt, finde ich einen Albtraum"

Interview Erste-Hilfe-Kurse für Kinder in der Ukraine

“Dass Kinder lernen müssen, wie man schwere Blutungen stoppt, finde ich einen Albtraum”

Kinder blicken im Mai 2023 auf stark beschädigte Gebäude, die bei einem russischen Luftangriff auf die ukrainische Hauptstadt beschädigt wurden. (Quelle: Picture Alliane/Danylo Antoniuk)
Kinder blicken im Mai 2023 auf stark beschädigte Gebäude, die bei einem russischen Luftangriff auf die ukrainische Hauptstadt beschädigt wurden. (Quelle: Picture Alliane/Danylo Antoniuk)

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Drohnenangriffe, Bombardierungen, Scharfschützen: Jeden Tag werden in der Ukraine Menschen getötet oder schwer verletzt. Dann muss es schnell gehen mit der Ersten Hilfe. Im Notfall müssen dann möglichst viele in der Lage sein, Erste Hilfe zu leisten – in Cherson wurden jetzt auch Kinder in Erster Hilfe geschult.

Andreas Tölke ist Mitbegründer des Berliner Vereins "Be an Angel". Er hat jetzt gemeinsam mit seinem ukrainischen Partner "Silni bo Vilni" ein Programm zur Unterstützung der Notfallversorgung entwickelt.

rbb: Andreas Tölke, es klingt für viele erst mal ungewöhnlich, Kinder und Jugendliche in erster Hilfe zu trainieren. Sollten bei Notfällen nicht vor allem Erwachsene helfen?

Andreas Tölke: Das kann man ja in einem Krieg gar nicht steuern. Wenn eine Wohnung, ein Haus getroffen wird und die eigene Mutter liegt blutend neben einem, dann ist es leider die Realität, dass Kinder in dieser Situation in der Lage sein müssen, Erste Hilfe zu leisten.

Andreas Tölke spricht während der Verleihung des Niedersächsischen Staatspreises im Juni 2026 in Hannover. (Quelle: Imago Images/Bernhard Herrmann)

Andreas Tölke ist Mitbegründer und Vorstandsmitglied bei "Be an Angel". Der Berliner Verein wurde 2015 gegründet und engagiert sich in verschiedenen Krisengebieten, auch in der Ukraine. Er hat jetzt gemeinsam mit seinem ukrainischen Partner "Silni bo Vilni" ein Programm zur Unterstützung der Notfallversorgung entwickelt. In diesem Rahmen steht auch der Erste-Hilfe-Kurs für Kinder, der in Cherson vom medizinischem Fachpersonal von Ambulance for Kids durchgeführt wurde.

rbb: Sie sind viel in der Ukraine unterwegs. Was für Situationen sind das, wo Kinder und Jugendliche konfrontiert sind, Erste Hilfe anwenden zu müssen?

Tölke: Ich fahre seit drei Jahren regelmäßig nach Cherson. Ich habe mitbekommen, wie die Russen den Damm zerstört haben. Es gab eine Flutkatastrophe, dann war das Wasser wieder so ein bisschen weg. Dann waren auf der anderen Flussseite die Sniper, man konnte am Fluss nicht langgehen, weil man sofort abgeschossen worden wäre.

Und dann hat der Krieg sich ja in den letzten Jahren verändert. Die Front ist keine Nulllinie mehr, sondern geht bis 20, 30 Kilometer ins Land rein, in die freie ukrainische Region. Die ganzen Drohnen, die dort unterwegs sind, werden von der anderen Flussseite gesteuert. Die Handys von den Menschen werden geortet und besondere Ziele sind - ganz schlimm - zivile Hilfsorganisationen wie zum Beispiel unsere Partner, Silni bo Vilni.

Aus dieser Gemengelage heraus versuchen wir, den Menschen wenigstens ein Minimum an Sicherheit zu geben. Dazu gehört halt auch leider dieser Kurs für Kinder und Jugendliche.

Dass Kinder und Jugendliche lernen müssen, wie man schwere Blutungen stoppt, finde ich persönlich einen Albtraum. Und als ich dabei war und es gesehen habe - ich bin da relativ zartbesaitet – ist mir wirklich schlecht geworden.

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Das Irre ist ja, dass es mittlerweile in der Ukraine Vierjährige gibt, die keinen Frieden erlebt haben.

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Andreas Tölke, Be an Angel

rbb: Wie haben Sie denn diese Kinder und Jugendlichen da erlebt?

Tölke: Das Irre ist ja, dass es mittlerweile in der Ukraine Vierjährige gibt, die keinen Frieden erlebt haben. Und auch bei Krieg stellt sich sowas ein wie eine Gewöhnung. Das heißt auch für die Kinder, die jetzt damit aufgewachsen sind, ist täglich Bombenalarm, gibt es täglich Angriffe, gerade an der Front, und täglich Unterbrechungen im Schulunterricht. Das ist Alltag, so hart sich das anhört.

Das heißt auch, die Kinder haben ihre Erfahrungen. Ich kenne niemanden in der Ukraine, wo nicht irgendjemand aus dem Bekanntenkreis, aus dem Freundeskreis, von den Verwandten gestorben ist, der nicht jemanden kennt, dessen Wohnung zerstört wurde. Das fällt natürlich auch auf die Kinder. Und die gehen komischerweise unglaublich souverän damit um. Ehrlich gesagt: souveräner als ich.

rbb: Haben Sie denn dieses Training auch für Erwachsene angeboten oder ist es wirklich explizit und gezielt für Kinder und Jugendliche?

Tölke: Wir haben das jetzt das erste Mal initiiert, ganz explizit für Kinder und Jugendliche, weil Silni bo Vilni, unsere Partner, uns darauf angesprochen haben, dass es zwingend notwendig ist. Aufgrund der Erfahrung wollen wir das ausbauen und auch in Odessa solche Kurse anbieten - auch für Ehrenamtliche und Freiwillige. Denn es gehört ein medizinisches Grundverständnis dazu, zum Beispiel eine Tamponade einzulegen, das muss man bei einer offenen Wunde machen, auch gegen den Willen des Betroffenen, denn das tut weh. Man muss Extremitäten abbinden können mit einem Tourniquet. Das sind so Grundvoraussetzungen.

rbb: Man würde denken, dass es solche Angebote und solche Trainings schon gibt. Ist das was Neues?

Tölke: Leider gibt es sehr wenige, und dann leider oftmals auch verbunden mit Kosten. Wir finanzieren uns rein über Spenden, Spenden gehen zurück, es ist dramatisch. Die Wahrnehmung in Deutschland ist: Der Ukraine-Krieg ist ein Hintergrundrauschen, damit kämpfen wir sehr. Aber hier sind die Angebote oftmals mit Kosten verbunden und die ökonomische Situation der einzelnen Menschen hier in der Ukraine kann man sich in Deutschland wahrscheinlich ungefähr vorstellen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Massimo Maio. Der Text ist eine redigierte und gekürzte Fassung des Gesprächs.

Sendung: radio3 vom rbb, 05.08.2026, 9:40 Uhr

Audio: radio3 vom rbb, 05.08.2026, Massimo Maio im Gespräch mit Andreas Tölke

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