Südfrankreich: Wie ein Gras verseuchte Böden sanieren soll
Kriegsspuren im Boden Südfrankreich: Wie ein Gras verseuchte Böden sanieren soll
In der Crau-Ebene testen Forschende eine ungewöhnliche Methode, um die durch Waffen kontaminierten Böden zu sanieren.
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12.09.2026, 22:06
Steine, trockenes Gras, viel Wind und Sonne: Die Steppe der Crau-Ebene bei Arles in der Provence wirkt fast wie eine Wüste. Doch bei genauerem Hinsehen sieht auch ein nicht geschultes Auge die Pflänzchen. Eine gelbe Blüte an einem stacheligen Stiel trotzt dem Mistral.
Die Vegetation sei einzigartig mit vielen seltenen Tierarten, sagt Thierry Dutoit, Forschungsdirektor am CNRS an der Universität Avignon und spezialisiert auf ökologische Renaturierung.
Spuren des Zweiten Weltkriegs
An bestimmten Stellen ist die Vegetation dagegen spärlich. Die Bereiche mit einem Durchmesser von rund 30 Metern sind eingezäunt.
Einer von insgesamt fünf «Brandflecken». Pflanzen und Lebewesen, zum Beispiel Insekten, gibt es an diesen Stellen fast keine. Wenn man nicht eingreift, könnte es «Hunderte oder Tausende von Jahren dauern» bis die Kontamination möglicherweise verschwunden ist, so Dutoit.
SRF / Zoe Geissler
Nach dem Zweiten Weltkrieg verbrannte die französische Armee alte Munition. Vor allem solche der deutschen Wehrmacht. Dutoit zeigt auf Geschossreste am Boden: «Sie sind die Ursache für die Bleiverschmutzung im Boden.»
Geschossreste am Boden der Crau-Ebene: Es sind Überbleibsel vom Ende des Zweiten Weltkriegs.
SRF / Zoe Geissler
Der Boden ist mit verschiedenen Schwermetallen kontaminiert. Besonders problematisch sei das Blei: Die Konzentration liegt bis zu sechstausendmal höher als in der gesunden Steppe ringsum.
Hier müssen wir die Umwelt schonen. Darum wollten wir mit der Natur die Natur wiederherstellen.
Den belasteten Boden einfach auszuheben, kommt kaum infrage. Es ist ein Naturschutzgebiet. «Hier ist alles streng geregelt», sagt Dutoit. «Deshalb müssen wir die Eingriffe auf ein Minimum beschränken.»
Emma Leone, Doktorandin in Ökotoxikologie ergänzt: «In einem Naturschutzgebiet geht man anders vor, als an einem gewöhnlichen verschmutzen Standort. Hier müssen wir die Umwelt schonen. Darum wollten wir mit der Natur selbst die Natur wiederherstellen.»
Die Forschenden setzen dabei auf ein krautiges Gras: Brachypodium retusum – die ästige Zwenke. Die heimische Pflanze ist typisch für die Crau-Ebene. Sie kommt mit dem trockenen und nährstoffarmen Boden gut zurecht.
Unscheinbares Gras mit Wirkung
Auf den kontaminierten Flächen haben die Forschenden beobachtet, dass das Gras teilweise von selbst wieder gewachsen ist. Sie hätten festgestellt, dass es eine phytostabilisierende Pflanze sei, so Leone. «Das heisst, dass sie Metalle im Boden binden kann. Sie reichert diese Metalle also nicht oder nur sehr wenig an.»
Thierry Dutoit und Emma Leone vor einer der Versuchsflächen. Normalerweise tragen sie Schutzkleidung, wenn sie die kontaminierten Flächen betreten.
SRF / Zoe Geissler
Die Pflanze soll also die Schwermetalle im Boden stabilisieren. Damit soll sie etwa verhindern, dass der Wind den giftigen Staub aufwirbelt. Auch könnten Tiere und Pflanzen die Schadstoffe dadurch weniger leicht aufnehmen, zum Beispiel die Schafe, die auf der Steppe weiden.
Die Methode habe auch andere Vorteile, erklärt Dutoit. «Nicht nur ist die Belastung für das Naturschutzgebiet weitaus geringer, als wenn man den Boden abträgt, es ist auch deutlich günstiger.»
Eine Methode im Versuchsstadium
Doch wer in der Natur arbeitet, braucht Geduld: Die Forschenden testen seit vergangenem November 900 dieser Gräser auf drei von fünf Brandstellen, die insgesamt zwei Hektar umfassen.
Eine Versuchsfläche, auf der das Brachypodium retusum gepflanzt wird. Einem Teil wurde Schafmist als Starthilfe in den Boden gemischt.
SRF / zoe geissler
Noch ist offen, ob das unscheinbare Gras die Wunden des Zweiten Weltkriegs im Boden der Crau tatsächlich heilen kann. Das Projekt ist noch im Versuchsstadium.
Im kommenden Frühling wollen die Forschenden bei einem Teil der Pflanzen messen, ob das Gras die Schwermetalle wie erhofft stabilisiert. Dafür müssen die Pflanzen zunächst noch den extrem trockenen Sommer überleben.
Lösung für andere Gebiete?
Die beiden Forschenden sind optimistisch, dass ihre Arbeit Früchte tragen wird. Dutoit hofft, dass sich der Ansatz auch anderswo einsetzen lässt: «Falls es funktioniert, dann können wir unsere Lösung in allen Gebieten mit dieser Art von Lebensraum anbieten.»