Kris ist behindert und muss „Krüppeltaxe“ zahlen. Ist dem Jobcenter das egal?

Kris V. ist Lehrerin, Extreme-Metal-Liebhaberin, Ehefrau, Fan davon, geduzt zu werden – und hat alle paar Minuten eine knallharte Gesellschaftskritik parat. Vielleicht liegt das daran, dass sie sehr genau weiß, was es heißt, von unterschiedlichen Seiten behindert zu werden.

Denn Kris V. wird regelmäßig vor neue Probleme gestellt: vom Wohnungsmarkt über Unistrukturen und deutsche Gesetze bis hin zur Bürokratie von Behörden.

Seit ihrer Geburt vor 44 Jahren lebt sie mit einer neuromuskulären Erkrankung. Sie verliert dadurch fortschreitend an Muskelkraft, ihr Pflegebedarf steigt – und seit Jahren bezieht sie Leistungen vom Jobcenter.

Es gibt keine Arbeitsplätze für Menschen wie mich

Da sie mindestens drei Stunden täglich arbeiten kann, erhielt sie bis zur Umbenennung zur Grundsicherung für Arbeitssuchende das klassische Bürgergeld. Jene, die das aufgrund einer Krankheit oder Behinderung nicht können, beziehen die Grundsicherung bei Erwerbsminderung.

Das waren Ende 2025 bundesweit rund 520.000 Personen. Kris findet die Arbeitssuche schwierig, wie sie sagt: „Es gibt quasi keine Arbeitsplätze für Menschen, die, wie ich, andere Lebensrealitäten erfahren“.

Deutsch als Fremdsprache

Kris’ Lebensrealität sieht folgendermaßen aus: Nachdem sie aufgestanden ist, bekommt sie Unterstützung bei ihrer Morgenroutine, das dauert etwa eineinhalb bis zwei Stunden. Erst dann sitzt sie „fertig gemacht für den Tag“ im Rollstuhl. Danach frühstückt sie, dreimal die Woche hat sie Physiotherapie, häufig Arzttermine. An vielen Tagen hat sie auch logistische Aufgaben für die Sicherstellung ihrer Pflege zu erledigen.

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Hat sie Unterstützung durch ihren Mann oder eine Assistenz, erledigt sie Einkäufe und Besorgungen. All das beeinflusst die Zeit, die sie zum Arbeiten zur Verfügung hat.

Aktuell unterrichtet sie von zu Hause aus einige Stunden die Woche Deutsch als Fremdsprache und gibt Nachhilfe in Deutsch, Mathematik und Englisch. Ihre Arbeit müsse anders strukturiert sein, aber das werde vom Behördensystem kaum ernst genommen, analysiert Kris. „Es wird nicht gefragt, welchen Bedarf ich in Bezug auf Arbeit oder Arbeitsplatz habe. An mich wird die Anforderung gestellt, etwas zu finden, was passt.“

Fehlende Barrierefreiheit – und Ignoranz vom Bafög

Erzählt sie von ihren ersten Erfahrungen mit dem Jobcenter, muss sie „lange zurückgehen“. Alles beginnt Anfang der 2000er, als sie vom Land nach Berlin zieht, um Erziehungswissenschaften, Soziologie und Medienwissenschaft zu studieren. Das Studium zieht sich bis 2018, mit mehreren gesundheitsbedingten Pausen. Und weil sie wegen der fehlenden Barrierefreiheit nicht an allen Lehrveranstaltungen teilnehmen kann. Ab Anfang 20 arbeitet sie nebenbei – behinderungsbedingte Mehrbedarfe berücksichtigte das Bafög damals nicht.

Nach einigen Jahren erhöht der Vermieter ihrer Einraumwohnung die Wohnkosten, barrierefreien Ersatz zu finden, ist schwierig. Sie tut sich mit einer Freundin zusammen und die beiden ziehen in eine Wohnung für 600 Euro warm. Als der Immobilienträger an die börsennotierte Deutsche Wohnen verkauft wird, steigt auch hier schlagartig die Miete. Kris wendet sich ans Jobcenter, um Unterstützung zu beantragen. Als Studierende erhält sie stattdessen ein Darlehen vom Wohnungsamt.

Stress mit dem Amt – draufzahlen bei Miete und Essen

Kurz vor ihrer Abschlussarbeit muss sie ihr Studium abbrechen, weil ihr Studiengang nicht mehr angeboten wird. Nun kann sie immerhin Leistungen vom Jobcenter beziehen, um ihre Mietschulden zu begleichen. Wegen ihrer Wohnung hat sie aber bis heute immer wieder Stress mit dem Amt. Deren Quadratmeterzahl liegt über dem bewilligten Mietspiegel. Dass Kris den Platz braucht, um sich darin mit ihrem Elektrorollstuhl bewegen zu können, fließt in die Berechnung nicht ein.

Kris sagt, sie bezahlt die sogenannte Criptax, auf Deutsch „Krüppeltaxe“. Der Begriff meint, dass Menschen mit Behinderungen auf unterschiedliche Weisen, beispielsweise durch Geld oder Zeit, für strukturelle Ungleichheit bezahlen. Kris kann sich beispielsweise weniger bewegen als andere. Deshalb muss sie noch mehr auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung und Kalorien achten. Jene Kosten sind in den Regelsätzen der Grundsicherung nicht enthalten. Zur Criptax gehören auch die Extra-Minuten oder Stunden, die sie in Anträge ans Amt stecken muss.

Der Aufwand wird höher

Der Aufwand für das Amt wird aktuell ohnehin höher, meint sie. Jedes halbe Jahr muss sie Angaben zur Überprüfung ihres Leistungsbezugs abgeben. Früher hatte sie dafür drei Monate Zeit. Inzwischen setzt das Jobcenter die Frist bei zwei Wochen. Landet die Aufforderung dann noch verzögert im Briefkasten, bleibt Kris weniger als eine Woche, um ihre Angaben zu machen.

Um kein Risiko einzugehen, gibt sie ihre Dokumente direkt beim Amt ab. „Trotz der Extrawege gibt es dann schon einen Drohbrief, dass die Mitwirkungspflicht zu erfüllen sei“. Kris hat der zuständigen Beamtin ihre Situation erklärt, wie sehr sie durch das Vorgehen unter Druck gesetzt ist. Es war ein nettes Telefonat. Ein paar Monate später ging das Prozedere von vorne los.

„Schon immer stigmatisierend“

„Der Leistungsbezug war in der Allgemeingesellschaft schon immer stigmatisierend, jetzt wird es schlimmer“, meint Kris. Woran das liegt? Vielleicht an der politischen Entwicklung, vielleicht an der Umbenennung vom Bürgergeld zur Grundsicherung für Arbeitssuchende, vielleicht am Personal und der Art, wie auf dieses mehr Druck ausgeübt wird.

Offenbar liege der Fokus inzwischen so stark darauf, Menschen aus dem Bezug zu holen, dass deren eigentliche Bedürfnisse aus dem Blick geraten könnten.

„Für mich ist nicht nachvollziehbar, dass durch den Apparat Jobcenter so eine Entfremdung vom eigenen Leben stattfindet.“ Für Kris ist das kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles Problem. Genau dieser Aspekt müsse stärker in die Debatten um die Grundsicherung einfließen, sagt sie.