Krisenstimmung nach Anschlägen auf Energieanlagen in Deutschland
Kritische Infrastruktur
Krisenstimmung nach Anschlägen auf Energieanlagen in Deutschland
Nach dem Vorfall von Brandenburg am Dienstag wurde am Mittwoch ein Anschlag auf ein Umspannwerk in Nordrhein-Westfalen gemeldet. Zu den Tätern gibt es viele Theorien, aber kaum Spuren
Gerald Schubert
Noch vor der Suche nach den Verantwortlichen stand die Suche nach den richtigen Worten: Was genau waren das für "Treibsätze", die da am Dienstag beim Umspannwerk Turnow-Preilack im ostdeutschen Bundesland Brandenburg gefunden wurden? Von welchen Sprengvorrichtungen war konkret die Rede? Und vor allem: Welche Art von Raketen war bei dem offensichtlichen Sabotageakt gegen die Energieversorgung in der Region tatsächlich im Spiel?
Wichtig waren all diese Fragen deshalb, weil die Antworten vielleicht nicht nur Rückschlüsse auf das Ausmaß der Gefährdung zulassen, sondern auch auf die mögliche Täterschaft. Die Vermutung: je aufwendiger und kostspieliger die verwendete Technik, umso professioneller die Akteure. Just an dem Tag, an dem die deutsche Bundesregierung explizit Russland für den Drohnenvorfall auf dem Flughafen Leipzig Anfang August verantwortlich machte, mehrten sich freilich auch hier die Spekulationen über einen "staatlichen Akteur".
Brandenburgs Innenminister Jan Redmann (CDU) versuchte am Dienstag eine Einordnung: "Das waren ganz sicher keine Silvesterraketen", erklärte er. Es sei aber auch kein Spezialistenwissen nötig gewesen. Die Raketen waren Redmann zufolge "irgendetwas dazwischen", der Vorfall sicher "kein Kinderstreich".
Inzwischen wurden Ermittlungen wegen Terrorverdachts eingeleitet. Der vorläufige Kenntnisstand: Die Täter hatten versucht, einen großflächigen Stromausfall auszulösen, indem sie mit selbstgebauten Raketen leitfähiges Material auf die Leitungen nahe dem Umspannwerk schossen. Auf dem angrenzenden Gelände wurden Geschosse oder Abschussvorrichtungen in zweistelliger Anzahl gefunden. In zwei Fällen lösten die Raketen Kurzschlüsse aus. Zu einem umfangreichen Blackout kam es nicht, ein Block im nahegelegenen Kraftwerk Jänschwalde schaltete sich jedoch vorübergehend ab.
Mehrere Verdächtige
Am Mittwochfrüh machte dann die nächste Meldung von einem mutmaßlichen Sabotageakt auf ein Umspannwerk die Runde. Diesmal war eine Anlage im Westen Deutschlands betroffen: Im nordrhein-westfälischen Bergheim-Rheidt sei es zu einem "Vorfall" gekommen, bei dem vermutlich ein Draht über eine Hochspannungsleitung geworfen worden sei. Mehrere Leitungen seien ausgefallen, zwei Kraftwerke vorübergehend lahmgelegt worden. Die Kölner Staatsanwaltschaft geht mittlerweile von einem Anschlag aus und prüft einen Zusammenhang mit dem Vorfall in Brandenburg.
Laut Herbert Reul (CDU), dem Innenminister von Nordrhein-Westfalen, könne es sich um "fremdstaatliche Sabotage" oder um das Werk von Linksextremisten handeln. Auch sein Amtskollege Jan Redmann in Brandenburg hatte zuvor beide Varianten ins Spiel gebracht. Gleichzeitig betonte Redmann aber, dass es vorerst für keine davon Belege gebe: Das Tatmuster sei anders als bei bisherigen Anschlägen auf die Stromversorgung, die linksextremen Tätern zugeordnet werden. Ebenso wenig gebe es bisher aber einen Hinweis darauf, "dass eine ausländische Macht dahintersteht", so Redmann.
Die Assoziation mit Linksextremisten geht wohl zu einem guten Teil auf die Erinnerungen an den flächendeckenden Stromausfall im Südwesten Berlins zurück. Tausende Haushalte und Betriebe waren Anfang Jänner tagelang ohne Strom. Ursache war ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke zu einem Heizkraftwerk in der Region. Im Internet wurde ein Bekennerschreiben im Namen der linksextremen "Vulkangruppe" veröffentlicht, wenige Tage später gab es von der Gruppe allerdings ein Dementi.
Vorwürfe gegen die AfD
Und wie reagiert Berlin auf diese Bedrohungen? Dirk Wiese, parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, verwies am Mittwoch im ZDF-Morgenmagazin auf ein Gesetz zum verstärkten Schutz der kritischen Infrastruktur (KRITIS-Dachgesetz), das erst im März dieses Jahres in Kraft getreten ist. Zudem sollen die Nachrichtendienste künftig mehr Befugnisse bekommen.
Wiese brachte aber auch die "Vielzahl von kleinen Anfragen" der Rechts-außen-Partei Alternative für Deutschland (AfD) im Bundestag ins Spiel. Diese versuche, "genau herauszufinden, wo bei uns im Land Punkte der kritischen Infrastruktur sind". Über die Partei, der auch immer wieder Nähe zu Russland vorgeworfen wird, sagt Wiese: "Wir wissen bis heute nicht, was die AfD mit diesen Informationen macht, hier habe ich bis heute keine Antwort der AfD bekommen."
Die angedeuteten Vorwürfe sind nicht neu. Im Oktober wurde ein ähnlicher Verdacht im Landtag des ostdeutschen Bundeslands Thüringen geäußert, wo die AfD die stärkste Fraktion stellt. Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) erklärte damals, die AfD würde mit "steigender Intensität und Detailtiefe" Anfragen zu Verkehrsinfrastruktur, Wasserversorgung, digitaler Infrastruktur und Energieversorgung stellen. Es dränge sich der Eindruck auf, "dass die AfD mit ihren Anfragen eine Auftragsliste des Kremls abarbeitet".
Bernd Baumann, parlamentarischer Geschäftsführer der AfD-Bundestagsfraktion, sprach im Handelsblatt von "irrwitzigen Verdächtigungen": Mit ihren Anfragen würde die AfD nur "Missstände im Interesse der Bürger aufdecken". (Gerald Schubert, 2.9.2026)
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