Julian Kaspar Genner über Prepper: Krisenvorsorge erobert die Mittelschicht

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) empfiehlt jedem Haushalt, Notvorräte für drei bis zehn Tage anzulegen, um im Fall einer Naturkatastrophe, eines Blackouts oder einer Pandemie erst mal versorgt zu sein. Souverän ist, wer im Ausnahmezustand über Regale voller Raviolidosen verfügt. Die Personen, mit denen sich der Schweizer Kulturwissenschaftler Julian Kaspar Genner für sein Buch „Im Prepperkeller“ über Jahre auseinandergesetzt hat, übertreffen in Sachen Krisenvorsorge die behördliche Empfehlung allerdings um ein Vielfaches. Drei Monate gelten bei Preppern als Richtwert. Für diesen Zeitraum sind viele der Vorratskammern oder der bisweilen zu regelrechten Bunkern ausgebauten Keller, die Genner besichtigt hat, gefüllt, keineswegs nur mit Lebensmittelkonserven, Wasserkanistern, Medikamenten, Bunsenbrennern und Kurbelradios, wie sie auch das BBK empfiehlt.

Julian Kaspar Genner: „Im Prepperkeller“
Julian Kaspar Genner: „Im Prepperkeller“Hamburger Edition

Genner stieß bei seiner Recherche im Prepper-Milieu auch auf jede Menge sorgsam gepackte Fluchtrucksäcke, inselfähige Solaranlagen, Schutzkleidung und Satellitentelefone. Einige Prepper horteten Schnapsflaschen und Zigarettenstangen, nicht etwa für den Eigenbedarf, sondern als Tauschware für Tag X nach dem großen Zusammenbruch. Manch einer präsentierte dem interessierten Feldforscher stolz eine Armbrust, eine Machete, eine Steinschleuder, eine Schrotflinte, einen Feuerstrahler oder gleich einen ganzen Waffenschrank.

Entscheidend ist für Genner jedoch die Erkenntnis, dass es sich bei Preppern keineswegs um paranoide Einzelgänger und verkrachte Existenzen handelt, sondern um Durchschnittsbürger, in der großen Mehrheit um Männer mit einer typischen Mittelschichtbiographie, mit Familie, Festanstellung, Haus und Hamster. Auf dieser Beobachtung gründet sich der Leitgedanke: Preppen ist ein genuines Phänomen der sogenannten Mitte der Gesellschaft. Genner zufolge werden im Prepperkeller nicht nur Nahrungsmittel und Spezialequipment gehortet, hier würden, so schreibt er, die klassisch bürgerlichen Wertvorstellungen wie Individualismus, Autonomie und Privateigentum verabsolutiert, und Status- und Abstiegsängste zeigten sich in Übergröße.

Popularität des Überlebenskampfes

Da versteht es sich fast von selbst, dass in Zeiten, in denen ein ökonomisches und politisches Krisenbewusstsein Konjunktur hat, auch Preppen immer größere Teile des Mainstreams erobert. Genner verweist auf einschlägige Onlineshops, die spätestens seit der Corona-Pandemie boomen, auf „Survival“-Bags im Discountersortiment und auf Reality-TV-Formate wie „7 vs. Wild“ oder „Alone“, die den Kampf ums Überleben unterhaltsam inszenieren. In der Popularität des Überlebenskampfmotivs sieht Genner ein Symptom der voranschreitenden gesellschaftlichen Tendenz zur Entsolidarisierung. Durch diesen Mangel an Solidarität unterscheidet sich für ihn auch das Preppertum vom staatlichen Katastrophenschutz: „Während den behördlichen Empfehlungen zur privaten Krisenvorsorge ein Solidaritätsprinzip zugrunde liegt – jede:r sorgt für sich vor, entlastet damit die Einsatzkräfte und steigert so die Resilienz der Gesamtgesellschaft –, folgt Preppen einer individualistischen Logik. Es ist die Gesellschaft, die bedrohlich ist und vor der sich der Einzelne schützen muss.“

Zur Untermauerung dieses Befunds führt Genner zahlreiche Beispiele an. Einer der interviewten Prepper nahm seinen Freunden sogar ausdrücklich das Versprechen ab, ihn im Krisenfall bloß nicht um Hilfe oder Lebensmittel zu bitten. Ausführlich lässt Genner auch jene zu Wort kommen, die Preppen als „kompensatorische Männlichkeitspraxis“ betreiben und einem regelrechten Kult der Härte, Stärke und des Patriarchiats anhängen. Zu den eindrücklichsten Passagen gehören jene, in denen Genner die preppertypische „Misstrauensspirale“ unter Rückgriff auf Kafkas „Der Bau“ veranschaulicht. In dieser Erzählung geht es um ein dachsähnliches Wesen, das sich aus Furcht vor einem imaginären Feind eine unterirdische Höhle gräbt und unendlichen Aufwand um seine Sicherheit betreibt. Doch jede neue Vorkehrung erzeugt nur weitere Sicherheitsbedürfnisse, bis sich das Dachswesen heillos in seinem Labyrinth aus Sorgen und Gedankenschleifen verrennt und schließlich den Endkampf mit dem Feind regelrecht herbeisehnt.

Fein säuberlich dem Weltuntergang entgegen: Utensilien und Lebensmittel, die in keiner „Survival“-Bag fehlen dürfen.
Fein säuberlich dem Weltuntergang entgegen: Utensilien und Lebensmittel, die in keiner „Survival“-Bag fehlen dürfen.Stefan Nieland

Aber setzt sich diese Spiralbewegung wirklich so zwangsläufig in Gang, wie hier suggeriert wird? Ist wirklich jeder, der Milchpulver hortet oder sich darin übt, ein Lagerfeuer ohne Feuerzeug zu entfachen, unsolidarisch, sexistisch, potentiell gewaltbereit oder politisch auf Abwegen? Nicht zuletzt liefert Genner selbst mehrfach Gegenbeispiele für seine reichlich pauschal daherkommende Diagnose. So sei er bei seinen Recherchen „auf Desinteressierte, Enttäuschte, Ahnungslose, Gelegenheitsinteressierte und hochgradig Politisierte“ getroffen, auf AfD-Sympathisanten und Reichsbürger ebenso wie auf Menschen, „welche die AfD explizit als Gefahr für die Demokratie betrachteten“. Auch reflektiert Genner ausdrücklich die Uneinheitlichkeit der Prepper-Szene als Herausforderung für seine Untersuchung, entscheidet sich dann aber doch dafür, der vielgestaltigen Empirie eine allzu simple Deutung aufzudrücken.

Verdrängungsmechanismen der Mitte

Entsprechend selektiv fällt auch der Abriss zur Genealogie der privaten Krisenvorsorge aus. Neben Kurt Saxon, der zeitweilig der American Nazi Party angehört haben soll und dem die Begriffsschöpfung „Survivalism“ zugeschrieben wird, werden von Genner christliche Fundamentalisten und Libertäre aus den USA der Siebzigerjahre zu den geistigen Ahnen der heutigen Prepper gezählt. Dabei könnte man diese Geschichte ganz anders und viel früher beginnen lassen, beispielsweise mit Henry David Thoreaus Einsiedler-Tagebuch „Walden“. Dieser 1854 erschiene Klassiker für alle Zivilisationsmüden und Alternativen wird von Genner ebenso übergangen wie die Tatsache, dass sich Survivalisten und Selbstversorger im 20. Jahrhundert zu einem nicht unerheblichen Teil auf dezidiert linke Konsum- und Kapitalismuskritik beriefen und eng mit der Friedens- und Umweltbewegung verbunden waren. Von einer Fußnote abgesehen, bleibt im Buch unerwähnt, dass es auch heute Preppergruppen gibt, die sich dem Gedanken der Solidarität und der ökologischen Nachhaltigkeit verschrieben haben.

Umso mehr Aufwand verwendet Genner darauf, die Verbindungen zwischen Rechtsextremismus und Preppertum nachzuzeichnen. Und die sind in der Tat schwer zu bestreiten. Nachdem 2017 mit „Hannibal“ und „Nordkreuz“ gleich zwei radikal gewaltbereite Gruppierungen in die Schlagzeilen geraten waren, wollte man von behördlicher Seite keine Pauschalverurteilung des Prepper-Milieus vornehmen. Ein BKA-Bericht unterschied damals ausdrücklich zwischen „Extremisten, die sich mit ‚preppen‘ befassen“, und „unpolitischen“ Preppern.

Für Genner ist diese Unterscheidung alles andere als plausibel. Ihm zufolge gehört allein schon der Versuch, zwischen einem Extremisten und einem „harmlosen“ Prepper zu unterscheiden, zu den typischen Verdrängungsmechanismen der gesellschaftlichen Mitte. Einer Mitte, die sich seiner Meinung nach weigert, „den Rechtsextremismus als das zu erkennen, was er in Wahrheit ist: ein normaler Auswuchs eben dieser Mitte“. Vom unauffälligen Durchschnittsbürger zum unsolidarischen Prepper zum Rechtsextremisten – für Genner offenbar eine ganz „normale“ Entwicklung. Seine Argumentation ist nicht sonderlich überzeugend, vor allem passt sie nicht zu der im Buch präsentierten Empirie. Dafür zeigt Genner, dass man sich nicht nur als Prepper, sondern auch als Prepperforscher in seinem eigenen Gedankenlabyrinth verlieren kann wie Kafkas Dachswesen.

Julian Kaspar Genner: „Im Prepperkeller“. Persönliche Krisenvorsorge in Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung. Hamburger Edition, Hamburg 2026. 304 S., geb., 35,– €.