100.000 verschollene Werke: Wie eine neue KI Nazi-Raubkunst jagt
Als der Wiener Varieté-Star Fritz Grünbaum 1938 ins Konzentrationslager Dachau verschleppt wurde, brachen Nazis in seine Wohnung ein und raubten seine Kunstsammlung. Drei Jahre später wurde Grünbaum ermordet. Nach dem Krieg handelte ein Schweizer weltweit mit Werken aus dessen Besitz. Erst Jahrzehnte später konnten einige davon an Nachfahren Grünbaums zurückgegeben werden, darunter elf Zeichnungen von Egon Schiele.
Das Verbrechen an dem seinerzeit berühmten Kabarettisten und Autor Grünbaum inspirierte den Wirtschaftswissenschaftler Michael Santoro nun zu einem Forschungsprojekt. Santoro, der mit einem Nachfahren Grünbaums befreundet ist, will gestohlene Kunstwerke aufspüren helfen. An der Santa Clara University entwickelt er gemeinsam mit Kollegen einen KI-Rechercheassistenten, der in aller Welt verstreute Provenienzdaten durchsuchbar machen soll.
Raubzug durch Europa
Zwischen 1933 und 1945 beschlagnahmte oder erpresste das NS-Regime Hunderttausende Kunstwerke, die Juden und anderen Verfolgten gehörten. Viele Menschen verkauften auch unter Druck und unter Wert, wenn sich Mitbürger ihre Lage zunutze machten. Bis zu 700.000 Kunstobjekte sollen unter dem Verfolgungsdruck den Besitzer gewechselt haben – zählt man religiöse Gegenstände oder Bücher dazu, geht die Schätzung in die Millionen. Behörden in Europa, den USA und anderen Ländern konnten in den vergangenen Jahrzehnten Hunderttausende Kunstwerke identifizieren und an die Opfer oder deren Nachfahren zurückgeben. Aber rund 100.000 Objekte gelten auch mehr als 80 Jahre nach Kriegsende als verschollen. Viele befinden sich in Museen und Privatsammlungen.
Dass die Rückgabe gestohlener Kunst kompliziert und langwierig ist, liegt nicht immer an fehlenden Informationen. Häufig gibt es zumindest bruchstückhafte Provenienzdaten, aber sie sind über Tausende Archive, Museumsdatenbanken oder Auktionskataloge verstreut. Jede Institution verwendet ihre eigene Datenbankstruktur. Oft werden Namen unterschiedlich geschrieben, Dokumente werden fehlerhaft oder gar nicht digitalisiert, so die Forscher aus Kalifornien auf ihrer Website.
Und während Strukturen wie das Art Loss Register oder Interpols Datenbank gestohlener Kunst isoliert funktionieren, soll der KI-Assistent Zusammenhänge erkennen. KI-Anwendungen zu gestohlener Kunst gibt es schon, sie konzentrieren sich aber nicht auf Nazi-Beute. In Deutschland gibt es mit „KIKU“ zum Beispiel eine App der Fraunhofer-Gesellschaft, die Polizeibehörden bei der Suche nach geraubten Werken unterstützen soll.

Ausgangspunkt für den KI-Assistenten aus Kalifornien ist die Datenbank des Pariser Musée Jeu de Paume. Das Museum wurde während der Besatzung zum Umschlagplatz für den deutschen Kunstraubzug in Europa. Zwischen 1940 und 1944 wurden dort Zehntausende gestohlene Gemälde und Skulpturen registriert und an deutsche Museen oder Personen aus der nationalsozialistischen Elite verteilt. Heute ist dieses Register öffentlich zugänglich. Santoro und seine Kollegen bereiteten die mehr als 30.000 Datensätze so auf, dass sie per KI abgefragt werden können.
Was kann die neue KI?
Der Assistent soll in der Lage sein, Fragen zu beantworten wie: „Wie viele Kunstwerke gingen an NS-Funktionäre?“ Laut der Website des Forschungsprojekts wurden demnach 208 Objekte aus dem Jeu de Paume an führende Nationalsozialisten geliefert, darunter 81 an Adolf Hitler. Zu ihnen zähle etwa Thomas Gainsboroughs „Portrait of Lady Hibbert“. Die quantitativen Angaben soll die KI aus vorhandenen Daten gesammelt haben, unabhängig überprüfen lassen sie sich noch nicht.
Vieles an dem „AI Provenance Assistant“ scheint auch noch nicht ausgereift zu sein. Das Magazin „ARTnews“ berichtete, dass Suchanfragen viele Fehlermeldungen oder unbrauchbare Tabellen ergaben. Bei einer Suche nach Werken aus der Sammlung David David-Weill seien neben falschen Namen auch unsinnige Einträge wie „Turkestan“ aufgetaucht.
Doch ähnlich wie bei der medizinischen Forschung soll die KI mit der Masse an Daten immer besser werden. In den kommenden Jahren wollen die Wissenschaftler weitere Datenbanken einbeziehen und die Suchalgorithmen gemeinsam mit Provenienzforschern verbessern. Langfristig planen sie eine Stiftung, die Historiker und Juristen beschäftigen soll und die das KI-Tool für Forschungseinrichtungen bereitstellt. Dann soll die Künstliche Intelligenz auch nach gestohlenen Werken aus Lateinamerika oder Afrika, etwa aus der Kolonialzeit, suchen können.