Kurioses aus der Natur: WM-Streit um die Falklandinseln – und ein Tier, das es dort eigentlich nicht geben dürfte

Kurioses aus der Natur WM-Streit um die Falklandinseln – und ein Tier, das es dort eigentlich nicht geben dürfte

Die Debatte um die Falklandinseln ist bei der WM ein Politikum. Aber die Inseln beherbergen außerdem eine Kuriosität der Naturgeschichte: Ein Tier, dessen bloße Existenz schon Rätsel aufgibt, die selbst Darwin nicht lösen konnte.

19.07.2026 , 18:03 Uhr

Fußball-Fans mit einer Flagge mit den Falklandinseln.

Fußball-Fans mit einer Flagge mit den Falklandinseln.

Foto: AP Photo/Gustavo Garello/Gustavo Garello

Es war ein Stück Stoff, das bei der WM die politische Debatte um die Falklandinseln anheizte: Nach dem Halbfinalsieg gegen England hielten zwei argentinische Nationalspieler ein weißes Banner in die Kameras: „Las Malvinas son argentinas“ – die Falklandinseln seien argentinisch.

Falklandinseln: Der WM-Slogan – und das Natur-Rätsel dahinter

Die FIFA ermittelt, die britische Regierung protestiert, Argentiniens Präsident Milei jubelt. Denn der Slogan ist ein politischer Anspruch in einem seit Jahrzehnten ungelösten Streit um die Souveränität über die Falklandinseln: Argentinien beansprucht sie, Großbritannien verwaltet sie. Zum WM-Finale gegen Spanien dürfte der Name der Inselgruppe erneut in vielen Debatten auftauchen.

Mitten in diesem WM-Lärm liegt ein Natur-Rätsel, das mit keiner Fahne und keinem Politikerstatement zu tun hat. Es hat vier Pfoten, ein rotbraunes Fell und eine Geschichte, die selbst Charles Darwin zur Verzweiflung trieb.

Falklandinseln überraschten mit skurriler Tierbegegnung

Als die ersten europäischen Seefahrer ab 1690 auf den Falklandinseln an Land gingen, erwartete sie ein Anblick, der sie sofort stutzig machte: Ein wolfähnliches, rotbraunes Tier schwamm den Schiffen entgegen. Nicht fliehend. Nicht knurrend. Neugierig. Zutraulich. Freudig.

Das Tier, später Falklandfuchs oder Falklandwolf genannt, auf Englisch auch Warrah, ließ sich mit Fleisch anlocken, fraß aus der Hand, folgte den Fremden ins Lager. Es hatte offenbar nie gelernt, Menschen zu fürchten. Kein Wunder: Es hatte noch nie welche gesehen.

Aber was dieses Tier so rätselhaft machte, war nicht nur sein Verhalten. Es war seine bloße Existenz: Auf den Falklandinseln gab es – neben diesem einen Tier – kein einziges weiteres Landsäugetier. Keine Mäuse, keine Kaninchen, keine Ratten, keine Hirsche. Nur der Falklandfuchs. Allein. Mitten im Meer.

Warum Darwin das Rätsel der Falklandinseln nicht lösen konnte

Als Charles Darwin 1833 mit der HMS Beagle auf den Falklandinseln ankam, war er fasziniert. Der Mann, der später mit der Evolutionstheorie die Naturwissenschaft revolutionieren sollte, stand vor einem Phänomen, das er sich schlicht nicht erklären konnte: Wie kam dieses Tier auf eine Insel, zu der es keine Brücke, keine Verbindung, keinen natürlichen Weg gab?

Darwin schrieb in sein Tagebuch, der Falklandfuchs sei „eines der merkwürdigsten Probleme, das die Naturgeschichte zu bieten hat.“ Er beobachtete, wie zahm die Tiere waren – so zahm, dass er einen mit seinem Messer berühren konnte, ohne dass es floh. Und er prophezeite, das Tier werde bald verschwinden. Damit sollte er recht behalten.

Eiszeit, DNA und die Theorie der „Eisbrücke“ zu den Falklandinseln

Jahrzehntelang rätselte die Wissenschaft. Hatten indigene Völker das Tier als Haustier mitgebracht? War es auf einer Eisscholle übers Meer getrieben? Oder hatte es doch irgendwann eine Landbrücke gegeben?

Die Antwort, die Forscher schließlich mithilfe von DNA-Analysen rekonstruierten – unter anderem anhand eines Museumsexemplars, das Darwin selbst gesammelt hatte –, ist nicht weniger verblüffend als das Rätsel selbst.

Vor etwa 16.000 Jahren, auf dem Höhepunkt der letzten Eiszeit, sah die Welt anders aus. Die Meere waren deutlich flacher. Der Meeresboden zwischen dem argentinischen Festland und den Falklandinseln fällt extrem sanft ab. Damals lagen dort riesige flache Unterwasserterrassen trocken. Die Falklandinseln waren viermal so groß wie heute. Und der Abstand zum Festland betrug nur noch 20 bis 30 Kilometer, das Wasser war teilweise zugefroren.

Der Vorfahre des Falklandfuchses, ein ausgestorbener Fuchs namens Dusicyon avus, ist wahrscheinlich über diese Eisbrücke gelaufen. Dann stieg der Meeresspiegel. Die Brücke verschwand. Das Tier blieb zurück, allein auf einer Inselgruppe mitten im Atlantik und entwickelte sich über Jahrtausende zur eigenen Art.

Waren Menschen vor den Europäern auf den Falklandinseln?

Eine Studie aus dem Jahr 2021 bringt noch eine andere Theorie ins Spiel: Archäologische Funde von Holzkohle, Knochen und Werkzeug auf den Inseln legen nahe, dass präkolumbianische Menschen die Falklands schon lange vor den Europäern besiedelt hatten und den Falklandfuchs möglicherweise als Haustier mitbrachten.

Falls das stimmt, würde das nicht nur die Herkunft des Tieres erklären. Es würde die gesamte bekannte Geschichte der Falklandinseln neu schreiben.

Abschussprämie und Ausrottung: Warum der Falklandfuchs verschwand

Darwin hatte das Verschwinden des Falklandfuchses vorhergesagt. Die britische Kolonialverwaltung begann ab 1839, eine Abschussprämie auf das Tier auszusetzen. Angeblich, weil es eine Gefahr für Schafe darstellte. Ob das stimmte, ist bis heute zweifelhaft.

Weil der Falklandfuchs nie gelernt hatte, Menschen zu fürchten, war er leicht zu töten. Er lief auf die Jäger zu. Er fraß den Köder. Er floh nicht.

43 Jahre nach Darwins Besuch, im Jahr 1876, wurde das letzte bekannte Exemplar erschossen. Das einzige Landsäugetier der Falklandinseln war ausgerottet.

Falklandinseln heute: Politik, WM-Aufreger – und das Natur-Rätsel dahinter

Heute streiten Argentinien und Großbritannien um die Hoheit über 3.000 Einwohner, Pinguinkolonien und mögliche Ölvorkommen. Dass der Name der Falklandinseln bei einer WM wieder zur Parole wird, ist Teil dieser langen Geschichte.

Das größte Rätsel der Falklandinseln trägt keine Fahne und gewinnt keine WM. Es hat nur eine Geschichte und die endet damit, dass das Vertrauensvollste an diesen Inseln als erstes ausgerottet wurde. (lwg)