Landgericht Zweibrücken: Blutendes Opfer verprügelt Täter

Landgericht Zweibrücken Blutendes Opfer verprügelt Täter

Zweibrücken · Im Prozess um einen Messerangriff in der Poststraße ging es jetzt vor dem Landgericht um die Minuten unmittelbar nach dem Angriff.

05.08.2026 , 19:11 Uhr

Hier, in diesem Bereich der Zweibrücker Poststraße nahe der ehemaligen Deutsche-Bank-Filiale (links), war es am 1. März zu einer blutigen Auseindersetzung zwischen zwei Männern gekommen. Und hier wurde auch die Tatwaffe gefunden, ein Teppichmesser.

Foto: Rainer Ulm

Den blutigen Streit am frühen Nachmittag des 1. März in der Zweibrücker Poststraße hatten offensichtlich viele Menschen mitbekommen. Weshalb die – wie bei derartigen Tötungsdelikten üblich – als Schwurgericht tagende Erste Große Strafkammer des Landgerichts Zweibrücken am Dienstag und Mittwoch bei der Fortsetzung des seit 31. Juli laufenden Totschlag-Prozesses viele Tatzeugen hören konnte – Passanten, die an diesem Sonntag unterwegs waren, und Anwohner, darunter ein zwölfjähriger Junge.

Sie schilderten übereinstimmend den Fortgang der Ereignisse, nachdem ein in Zweibrücken wohnender Mann mit türkischer Staatsbürgerschaft einem Zweibrücker mit russischen Wurzeln mit einem Teppichmesser in Kopf und Hals geschnitten hatte. Deshalb muss sich der 52-jährige Türke nun vor Gericht verantworten. Wegen versuchten Totschlags, der ihm zum Prozessauftakt von Staatsanwalt Rouven Balzer zur Last gelegt worden war (wir berichteten).

Die jüngsten Zeugenaussagen vervollständigen das Bild der heftigen Auseinandersetzung der beiden Männer am helllichten Tag. Demnach soll der mit dem Teppichmesser an Kopf und Hals Verletzte seinen Kontrahenten niedergeschlagen und auf den am Boden Liegenden eingeprügelt haben. So sagte eine 46-jährige Zweibrückerin aus, sie habe an jenem frühen Nachmittag des 1. März auf ihrem Weg vom Hallplatz-Galerie-Parkhaus zur Poststraße erst einen lauten Streit zwischen zwei Männern wahrgenommen. Sie habe beim Näherkommen dann gehört, wie einer der beiden Kontrahenten unter anderem zu dem anderen gesagt habe: „Gib mir deine Halsschlagader!“ Dann habe sie das Messer aufblitzen sehen. Sie habe derart gezittert, dass sie auf ihrem Handy „keine Nummer wählen“ konnte und deshalb eine andere Passantin habe bitten müssen, die Polizei anzurufen, sagte die 46-jährige Zweibrückerin weiter aus.

Eine 57-jährige Pirmasenserin, die sich nach eigenen Angaben mit ihrer Freundin zum Eisessen verabredet hatte, war auf ihrem Weg vom Hauptbahnhof in die Innenstadt auf den Streit aufmerksam geworden. „Mitten auf der Straße hat ein jüngerer blutender Mann auf einen älteren, am Boden liegenden Mann eingeprügelt.“ Sie will sogar gesehen haben, dass der heute 41 Jahre alte Verletzte dem jetzigen Angeklagten an dessen Kopf getreten hat, bestätigte sie auf Vorhalt des Vorsitzenden Richters Andreas Herzog ihre frühere Aussage bei der Polizei. Der jüngere Mann, der mit einem Bein auf dem Hals des älteren „kniete“, habe sie und ihre Freundin dann gebeten, die Polizei anzurufen. Mit der Begründung: „Ich bin das Opfer. Er hat versucht, mich zu erstechen.“ Auch hätten die Freundinnen die mögliche Tatwaffe auf der Straße liegen sehen. Das Messer sei aber schließlich von einem Passanten „weggetreten“ worden – wohl, um es dem Zugriff der Streithähne zu entziehen, vermutete die Zeugin.

Ein Anwohner der Poststraße hatte geradezu einen Logenplatz auf das blutige Geschehen. Er habe gerade ferngesehen, als es „etwas lauter auf der Straße“ geworden sei, erzählte der 64-jährige Zweibrücker im Zeugenstand. Als er aus seinem Fenster im dritten Obergeschoss seines Hauses schaute, habe er gesehen, „wie ein Mann auf dem Boden liegt und ein anderer, blutüberströmter Mann ihn in der Mache hat“. Er habe auch ein blaues Messer gesehen, das in Höhe des Eingangs der einstigen Deutsche-Bank-Filiale auf der Straße lag.

Das dramatische Ereignis hatte auch ein zwölfjähriger Junge mitbekommen, der mit seiner Familie im selben Haus wie der 64-jährige Zeuge wohnt und zu diesem Zeitpunkt gerade vor der Tür mit seinen beiden Schwestern spielte. „Ich habe eine Schlägerei, ein Messer auf dem Boden und viel Blut gesehen“, berichtete der Schüler. „Ein Mann im weißen T-Shirt (wohl das Messer-Opfer, Anm. d. Red.) hat dem anderen am Boden an den Kopf geschlagen.“ Beide Männer hätten wohl unter Drogen- oder Alkoholeinfluss gestanden, vermutete der Zwölfjährige. Denn sie seien recht „wackelig“ auf den Beinen gewesen, antwortete der Junge auf eine entsprechende Nachfrage von Richter Herzog.

Zum Tathergang hatte sich der Angeklagte bislang nicht äußern wollen. Er ließ seinen Strafverteidiger, den Zweibrücker Rechtsanwalt Max Kampschulte, lediglich erklären, sein Mandant habe „keine gesicherte Erinnerung an die Tat“.

Womöglich gibt ein in der Verhandlung am Mittwoch auszugsweise verlesener Brief zumindest zum Tatmotiv Aufschluss, den der Angeklagte jüngst aus der Untersuchungshaft an seine Schwester geschrieben hatte. Darin äußert er sich zu den Umständen des Streits am 1. März, dem drei einige Zeit zurückliegende Angriffe durch das Tatopfer vorausgegangen sein sollen: „Beim ersten Mal hat er mir ohne Grund die Nase gebrochen mit einem Schlagring, das zweite Mal hat er mich mit einer Flasche niedergeschlagen, das dritte Mal wollte er mich mit einem Messer angreifen, das ich ihm abgenommen habe. An den Rest kann ich mich leider nicht mehr erinnern“, behauptete der Angeklagte in seinem Brief. Darin bedauerte er, dass er seinen Kontrahenten an jenem 1. März „leider in meiner großen Wut schwer verletzt habe, was ich auch ziemlich bereue“.

Womöglich war das Geschehen in der Poststraße eine aktuelle Retourkutsche. Denn in der Nacht zuvor hatte der jetzige Angeklagte den Notruf gewählt, weil er sich angeblich von dem späteren Tatopfer verfolgt gefühlt hat, wie ein Beamter der Polizeiinspektion Zweibrücken am Mittwoch im Zeugenstand bestätigte. Er berichtete, dass er und seine Kollegen daraufhin ausgerückt seien und den Beschuldigten nahe des Zentralen Omnibusbahnhofs gestellt hätten. In dessen Rucksack hätten sie eine Steinschleuder und ein Messer gefunden.

Die Verhandlung wird am heutigen Donnerstag und nächste Woche fortgesetzt.