Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Der dicke braune Balken

Die AfD ist laut Hochrechnungen klar stärkste Partei bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Alle Grafiken zur Wahl.

Bei der Wahl in Sachsen-Anhalt ging es um deutlich mehr als um einen neuen Landtag in Magdeburg. Denn am 6. September wurde die AfD mit Abstand stärkste Partei. Für eine absolute Mehrheit im neuen Landtag fehlen ihr Stimmen. Dennoch ist nicht ausgeschlossen, dass ihr Spitzenkandidat Ulrich Siegmund zum ersten Ministerpräsidenten einer rechtsextremen Partei gewählt wird.

Um gegen Siegmund zu gewinnen, müsste ein anderer Kandidat die Stimmen von CDU, SPD, Linken, Grünen und BSW auf sich vereinen.

Extrem hoch war die Wahlbeteiligung. Sie lag über 76 Prozent und damit deutlich über den 60,3 Prozent bei der letzten Landtagswahl 2021. Auch davon haben offenbar vor allem die Rechtsextremen profitiert.

Die Prozente

Die rechtsextreme AfD kommt laut Hochrechnungen von ZDF und ARD auf rund 44 Prozent. Sie übertraf damit alle Umfragen, die sie zuletzt zwischen 40 und 43 Prozent gesehen hatten und konnte ihren Stimmenanteil gegenüber der letzten Wahl noch einmal verdoppeln. 2021 war sie auf fast 21 Prozent gekommen. Alle anderen Parteien sehen dagegen alt aus.

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Der bisher regierenden CDU stürzte 37 auf unter 18 Prozent – sie lag damit nochmal 5 Prozentpunkte schlechter als in den letzten Umfragen. Grüne und SPD, die phasenweise sogar um den Wiedereinzug ins Parlament zittern mussten, kamen auf rund 9 Prozent – genauso wie die Linkspartei.

Währen die SPD ihr Ergebnis aus 2021 damit in etwa halten konnte, konnte sich die Grünen sogar um rund 3 Prozentpunkte verbessern. Das ist das beste Ergebnis der Grünen jemals in diesem Bundesland.

Für die Linke ist das Ergebnis hingegen ein Desaster. Sie verliert 2 Prozentpunkte gegenüber 2021. Und noch mehr gegenüber den Umfragen, die sie noch im Sommer teils noch bei 13 bis 14 Prozent gesehen hatten.

Die FDP, die bisher zusammen mit CDU und SPD in der Regierung sitzt, fliegt aus dem Landtag. Sie stürzt von 6,4 auf gerade mal rund 2,5 Prozent.

Dem BSW, das erstmals in Sachsen-Anhalt antrat, gelang ein Überraschungserfolg. Es lag bei den Hochrechnungen beider Sender am Abend bei 5 Prozent oder sogar knapp darüber.

Die Sitzverteilung

Die AfD wird im kommenden Landtag fast die Hälfte der Sitze stellen. Die Hochrechnungen am Wahlabend prophezeiten ihr 39 der 83 Sitze. Damit fehlen ihr drei Sitze zur absoluten Mehrheit.

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Die Fraktion der CDU fällt nicht mal halb so groß aus wie bisher, sie bekommt nur 16 statt bisher 40 Sitze. SPD, Grüne und Linke kommen auf je 8 Sitze. Das BSW ist, wenn es wirklich über der 5-Prozent-Hürde bleibt, mit 4 Abgeordneten vertreten.

Der Koalitionsrechner

Diese Grafik ist interaktiv. Sie können sich Ihre Wunschkoalition zusammenklicken und überprüfen, ob es für eine Mehrheit reichen könnte. Schnell wird klar, dass die AfD rechnerisch nur mit einer Partei zusammenarbeiten müsste. Da CDU, SPD, Grüne und Linke das aber ausgeschlossen haben, bliebe dafür nur das BSW. Das hatte sich der AfD offensiv angeboten.

AfD-Spitzenkandidat Siegmund hat aber auch am Wahlabend betont, dass er nur allein regieren wolle. Offenbar setzt er auf Überläufer aus den anderen Parteien.

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Eine wie auch immer definierte Zusammenarbeit von CDU, SPD, Grünen und Linken hat keine Mehrheit, wenn das BSW im Landtag vertreten ist. Falls das BSW doch nicht reinkäme, müssten die vier erstmal auf ein wie auch immer geartete Form der tolerierten Minderheitsregierung einigen können. Die CDU hat eine formale Zusammenarbeit mit der Linken ausgeschlossen.

Wahlergebnis weicht teils stark von Umfragen ab

Am Wahlabend hat die AfD alle Umfragen nochmals übertroffen. Noch dramatischer waren die Abweichungen aber bei den anderen Parteien. Vor allem CDU und Linkspartei schnitten deutlich schlechter ab, als ihnen in den Umfragen vorhergesagt wurde. SPD, Grüne und auch das BSW konnten umgekehrt deutlich mehr Wäh­le­r:in­nen für sich gewinnen.

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Das dürfte auch Folge von Kampagne für eine taktische Stimmabgabe sein. Die hatten explizit dafür geworben, die Zweitstimme eher an SPD und Grüne zu geben, damit diese es über der 5-Prozent-Hürde – um so einen stärkeren Riegel gegen die AfD bilden zu können.

Schon 2021 war das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt extrem von den Umfragen abgewichen. Damals hatte die CDU in einem Schlusspunkt bis zu 10 Prozentpunkte mehr gewinnen können, als erwartet worden war. Auch das war Folge von taktischem Wählen. Viele Menschen in Sachsen-Anhalt stimmten für die Union, damit sie stärker als die AfD wurde. Das war damals gelungen.

Diesmal war laut Umfragen klar, dass die CDU keine Chance hatte, nochmals vor der AfD zu landen. Wichtiger ist es diesmal daher vielen Wäh­le­r:in­nen gewesen, andere Parteien in den Landtag zu wählen.

Die Wählerwanderung

Diese Vermutung bestätigt auch die Analyse der Wählerwanderung, die vom Institut infratest dimap im Auftrag der ARD erstellt wurde.

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Demnach sind tausende Wäh­le­r:in­nen von der Union zu SPD, Grünen und auch zum BSW gewandert, was durch taktisches Wählen erklärt werden kann.

Den dramatischen Einbruch der CDU verursachte aber die weitaus größeren Verluste, die sie gegenüber der AfD erlitten, an die sie rund 82.000 Stimmen verloren hat.

Dass taktisches Wählen funktioniert hat, zeigen die Wählerströme von Grünen und SPD. Beide haben deutlich von der Union gewonnen. Sie konnte auch viele bisherige Nicht­wäh­le­r:in­nen für sich begeistern. In kleinerem Maße konnte sie auch ehemaligen Linkspartei-Wähler:innen für sich gewinnen. Tatsächlich dürfte hier die Bewegung in den letzten Wochen noch viel stärker gewesen sein, weil die Linke im August in Umfragen deutlich besser lag, als bei der Wahl 2021.

Die mit Abstand stärkste Wählerwanderung war aber die von den Nicht­wäh­le­r:in­nen zur AfD. Sie konnte laut infratest 170.000 Menschen dazu bewegen, zur Urne zu gehen und für sie zu stimmen. Das könnte allein bis zu 15 Prozentpunkte der AfD ausmachen – und war somit wahlentscheidend.

Die alte Weisheit linker Wahlkämpfer:innen, dass man die Menschen nur zur Wahl bringen müsse, um ein starkes AfD-Ergebnis zu verhindern, ist damit wiederlegt.

Die Wahlkreise

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Wer hat wo das Direktmandat gewonnen? Welche Partei lag bei den Zweitstimmen in der Wahlkreisen vorn? Das zeigt die folgende Grafik – und auch sie ist fast flächendeckend braun.

Den die AfD hat offenbar auch alle Dirketmandate gewonnen – bis auf drei. Das zeigen die Zahlen gegen 22 Uhr, als große Teile der abgegebenen Stimmen bereits ausgezählt waren.

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Nuur in den Wahlkreisen Magdeburg II, sowie in Halle II und Halle III lagen am Abend die Kan­di­da­t:in­nen der Linken klar vorne. Die Rechtsextremen holen damit mutmaßlich 38 der 41 Direktmandate.

Die Hochburgen

Wo haben die einzelnen Parteien besonders gut oder besonders schlecht abgeschnitten?

Das wird diese Grafik immer deutlicher im Laufe der Wahlnacht zeigen. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass Grüne und Linke wie bei anderen Wahlen auch, vor allem in den großen Städten punkten konnten. Die AfD hat ihre Hochburgen eher im ländlichen Raum.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion.

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