„Abgehängtsein reicht nicht“: Politologe klärt auf – Das ist der wahre Grund für AfD-Erfolge im Osten

Landtagswahl MV: Politologe erklärt, was die AfD wirklich so stark macht

Stand: 21.09.2026, 07:53 Uhr

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MV hat gewählt: Trotz vielversprechender Umfragen konnte Manuela Schwesig die AfD nicht einholen – ein Politologe erklärt den Erfolg der Rechtspopulisten.

Schwerin – Die Folgen der Mecklenburg-Vorpommern-Wahl könnten weit über das Land hinausreichen. Die CDU dürfte zwar knapp den Einzug ins Parlament schaffen; das schwache Ergebnis setzt Bundeskanzler Friedrich Merz jedoch weiter unter Druck. Monatelang führte die AfD mit Spitzenkandidat Leif-Erik Holm die Umfragen an, doch der amtierenden Ministerpräsidentin Manuela Schwesig gelang etwas Bemerkenswertes: Sie holte in Umfragen immer weiter auf, indem sie sich demonstrativ von der Bundespartei distanzierte.

Landtagswahl Mecklenburg-Vorpommern - Wahlparty AfD

AfD-Co-Chef Tino Chruppalla (links) spricht von einem „sensationellen Ergebnis“ für seine Partei und feiert mit Mecklenburg-Vorpommerns AfD-Wahlsieger Leif-Erik Holm. © Jens Büttner/dpa

Auch beeinflusst wurde die Wahl vom AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt, wo die Partei auf 44 Prozent kam. Schnell war von einem Denkzettel an die Bundesregierung die Rede, von wirtschaftlicher Not, die den Rechtspopulisten in die Karten spielte. Der Politologe Jochen Müller von der Universität Greifswald hält diese Erklärung für zu einfach und liefert eine differenzierte Antwort auf die Frage, was tatsächlich hinter der Stärke der AfD steckt.

AfD-Erfolg in Mecklenburg-Vorpommern: „Abgehängtsein“ reicht nicht, sagt Politologe Jochen Müller

„Wo sich Menschen auf dem Land abgehängt fühlen, hat der Populismus freie Bahn“, schrieb etwa die WELT bereits 2016. Die These dahinter: Strukturbrüche erzeugen Unzufriedenheit, und diese Unzufriedenheit findet ihren Ausdruck in der Zustimmung zu populistischen Parteien, etwa der AfD. Müller widerspricht dieser These nicht vollends, trifft aber eine entscheidende Unterscheidung: „Gefühle regionaler Benachteiligung, politische Entfremdung und strukturelle Schwächen“ seien wichtig, um den Kontext der AfD-Stärke in Ostdeutschland zu verstehen, doch sie erklären den Wahlerfolg nicht allein.

Neuere Forschungen bestätigen, dass Sorgen über Zuwanderung und der Wunsch nach dem Schutz einheimischer Traditionen deutlich stärker mit der Zustimmung zur AfD zusammenhängen als klassische Deprivationsfaktoren. Auch räumliche Faktoren spielten dabei eine Rolle: „Ländlichkeit, schwächere Einkommen und schlechtere Infrastruktur“ seien wichtig, doch ein einfaches Stadt-Land-Muster ergebe sich daraus nicht.

„Man sollte deshalb nicht sagen: AfD-Stärke entsteht einfach aus Abgehängtsein. Plausibler ist: Regionale Benachteiligung, schwächere Infrastruktur und Entfremdung schaffen einen Resonanzraum, in dem migrationsbezogene und kulturelle Konflikte besonders stark politisiert werden können.“ Auch das oft beschriebene Dilemma, dass die AfD gerade dort stark ist, wo der Ausländeranteil niedrig ist, widerspreche diesem Befund nicht. Das Phänomen „zeigt eher, dass es oft weniger um unmittelbare Alltagserfahrung mit Migration geht als um Wahrnehmungen, Deutungen und kulturelle Bedrohungsgefühle“.

Nur Stadt gegen Land: Warum die AfD trotz Skandalen in den Umfragen stabil bleibt

Dass Migration und Zuwanderung die Haupttreiber für die Zustimmung zur AfD sind, stellt die anderen politischen Parteien vor ein Dilemma: Wie sollten die Parteien darauf reagieren, ohne selbst die in Teilen verfassungsfeindlichen Forderungen zu übernehmen? Müller glaubt, dass „ein großer Teil der AfD-Wählerschaft zumindest mittelfristig nur schwer für andere Parteien erreichbar ist“. Wie stabil diese Haltung ist, zeigte sich zuletzt im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt: Weder die Vetternwirtschaftsaffäre, noch der mutmaßliche Hitlergruß des dortigen AfD‑Landeschefs Martin Reichhardt konnten den Wahlerfolg verhindern.

Skandale, sagt Müller, prallen an einem Kern der AfD-Wählerschaft ab. Zu ausgeprägt sei die Abneigung gegenüber anderen Parteien. Tatsächliche Veränderungen im Wahlverhalten wären nach seiner Einschätzung am ehesten denkbar, wenn stärker Themen ins Zentrum rückten, bei denen die AfD als weniger kompetent wahrgenommen wird: „Insgesamt erscheint mir aber eine Demobilisierung von Teilen der AfD-Wählerschaft wahrscheinlicher als ein massenhafter Wechsel zu anderen Parteien.“

MV-Wahl: Wie beeinflusst Bundespolitik die Landtagswahlen?

Wie stark die Bundespolitik in eine Landtagswahl hineinwirkt, hängt laut Müller stark von deren Beliebtheit ab. Landtags- und Europawahlen „bieten Wählern dann eine Gelegenheit, Zufriedenheit oder Unzufriedenheit mit der Bundesregierung auszudrücken“. Diese Tendenz gewinne an Bedeutung, wenn zentrale Konflikte wie Migration oder Sozialstaat bundesweit diskutiert würden.

Genau hier offenbart sich ein markanter Unterschied in Mecklenburg-Vorpommern: Manuela Schwesig gelingt es durch einen stark persönlich geführten Wahlkampf, sich von der schwächelnden Bundes-SPD um Bärbel Bas und Lars Klingbeil loszusagen. Auch für die CDU ist die Bundespolitik aktuell eher eine Bürde: Die geringe Popularität des Kanzlers und schwelende Auseinandersetzungen innerhalb der Partei erzeugen zusätzlichen Druck. „Viele Menschen sind unzufrieden, die Bundesregierung gibt keinen Rückenwind“, bestätigte der stellvertretende CDU-Fraktionschef im Schweriner Landtag, Marc Reinhardt, gegenüber dem Tagesspiegel.

Der Sozialstaat auf dem Prüfstand: Nur Kosten, oder auch Nutzen?

Auch zur Sozialstaatsdebatte bezieht Müller Stellung: Der sei zwar ein erheblicher fiskalischer Posten, allerdings ebenso eine wichtige „Stabilisierungsressource demokratischer Politik“. Gerade in strukturschwachen Regionen entscheidet an Schulen, medizinischer Infrastruktur, bezahlbarem Wohnraum, Kitas und der Pflege, ob die Bürger dem Staat Handlungsfähigkeit zutrauen.

Dementsprechend könnte sich eine schwächelnde CDU-Performance nicht nur als ein Kanzler-Problem deuten, sondern besonders als Echo einer bundespolitisch wahrgenommenen Schwäche in der Daseinsvorsorge. Es sei jedoch verkürzt, daraus zu schließen, dass allein sozialpolitische Verbesserung die Zustimmungswerte zur AfD zurückdrängen könnte. „Dafür spielen migrationsbezogene Einstellungen, kulturelle Konflikte und politische Entfremdung eine zu eigenständige Rolle“, betont Müller.

Berlin oder nur Schwerin? Die Folgen der MV-Wahl für Schwesig und die CDU

Vor der Wahl sorgte besonders eine Frage für Furore: Könnte Manuela Schwesig perspektivisch SPD‑Bundesvorsitzende werden? Für die Landtagswahlen könnte diese Debatte eher stärkend gewirkt haben, vermutet Müller. Sie zeigt Schwesig als einflussreiche Ministerpräsidentin, welche die Interessen Mecklenburg-Vorpommerns auch in Berlin durchsetzen könnte. „Genau diese Wahrnehmung versucht ihre Kampagne zu stärken: Schwesig als Stimme Mecklenburg-Vorpommerns gegenüber dem Bund.“ Schwächend könnte die Debatte erst werden, wenn der Eindruck erweckt werde, Schwesig orientiere sich bereits über ihr Bundesland hinaus.

Ob sich diese Rechnung am Ende auszahlt, entscheidet sich mit Auszählung der Stimmen. Aktuell deutet einiges darauf hin, dass Manuela Schwesig wegen der Aufholjagd mit Grünen und Linken eine Mehrheit im Landtag stellen könnte. Für die CDU dagegen steht mehr auf dem Spiel: Selbst wenn die Partei den Umfragen zufolge die 5‑Prozent-Hürde überwindet, dürfte das Ergebnis die Debatten um Friedrich Merz weiter anheizen. Unabhängig davon, ob die Ursachen in Schwerin oder Berlin liegen. Auch für Schwesig selbst bleibt die Wahlnacht mit einer offenen Frage verknüpft: ob ihr politischer Weg in Schwerin weitergeht, oder ob sie sich zukünftig stärker Richtung Berlin orientiert. (Quellen: dpa, AFP, Welt, eigene Recherchen, frühere Berichterstattung) (kox)