Einsamkeit kann bis zu sechs gesunde Lebensjahre kosten

Sophie Brünke
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Berlin, 3.6.2026
(c) Niels Starnick / BILD

25. September 2026, 20:20 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Manchmal ist man von Menschen umgeben und fühlt sich trotzdem einsam. Andere wiederum haben generell nur wenige soziale Kontakte. Doch beides scheint weitreichende Folgen für die Gesundheit zu haben. Eine große britische Langzeitstudie mit mehr als 277.000 Erwachsenen zeigt: Einsamkeit und soziale Isolation gehen mit weniger gesunden Lebensjahren einher. Besonders deutlich waren die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit. Die gute Nachricht: Die Wissenschaftler fanden auch einen Weg, der diesen Effekt abmildern könnte.

Einsamkeit, soziale Isolation und ihre Folgen

Einsamkeit und soziale Isolation werden häufig synonym verwendet, beschreiben aber unterschiedliche Dinge. Soziale Isolation meint den objektiven Mangel an sozialen Kontakten, etwa weil jemand allein lebt oder nur selten andere Menschen trifft. Einsamkeit dagegen beschreibt das subjektive Gefühl, dass Beziehungen nicht den eigenen Bedürfnissen entsprechen. Und zwar auch dann, wenn eigentlich viele soziale Kontakte vorhanden sind.

Bereits frühere Studien hatten beide Faktoren mit einem höheren Risiko für vorzeitigen Tod, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, Depressionen und weitere Gesundheitsprobleme in Verbindung gebracht.1,2,3 Weniger klar war bislang jedoch, wie stark sich Einsamkeit und soziale Isolation auf die Anzahl der Lebensjahre auswirken, die Menschen ohne schwere körperliche oder psychische Erkrankungen verbringen – also ihre gesunden Lebensjahre.

Genau das untersuchte ein Forscherteam um Studienleiter Lu Qi von der US-amerikanischen Tulane University. Seine wichtigste Erkenntnis: „Die Studie ergab insgesamt, dass soziale Isolation und Einsamkeit einen erheblichen Einfluss auf die krankheitsfreie Lebenserwartung haben können. Dies umfasst sowohl körperliche als auch psychische Erkrankungen.“4

Über 270.000 Teilnehmer berichteten über ihr Sozialleben

Bei der Arbeit handelt es sich um eine Beobachtungsstudie auf Basis der UK Biobank, einer der größten Gesundheitsdatenbanken weltweit. Für die Analyse nutzen Qi und seine Kollegen Daten von 277.489 Erwachsenen im Alter von 40 bis 69 Jahren, die zu Beginn keine der untersuchten schweren Erkrankungen hatten. Frauen machten 48,4 Prozent der Probandengruppe aus, Männer 51,6 Prozent. Die Teilnehmer wurden über einen Median von 13,8 Jahren beobachtet.5

Um Einsamkeit und soziale Isolation zu erfassen, beantworteten die Teilnehmer mehrere Fragen zu ihrem sozialen Leben:

  • Fühlen Sie sich häufig einsam?
  • Wie oft können Sie sich einer nahestehenden Person anvertrauen?
  • Wie viele Personen leben mit Ihnen im selben Haushalt?
  • Wie oft besuchen Sie Freunde oder Verwandte oder werden von ihnen besucht?
  • Nehmen Sie mindestens einmal pro Woche an sozialen oder Freizeitaktivitäten teil?

Wie die Wissenschaftler vorgingen

Die Forscher stuften Teilnehmer als einsam ein, wenn sie in Fragebögen angaben, sich häufig einsam zu fühlen und sich nur selten einer nahestehenden Person anvertrauen zu können. Als sozial isoliert galten Personen, die mindestens zwei Anzeichen mangelnder sozialer Kontakte aufwiesen, etwa Alleinleben, seltene Besuche von Freunden oder Verwandten oder fehlende soziale Aktivitäten.

Anschließend untersuchten sie, wie viele Lebensjahre die Personen ab dem Alter von 50 Jahren voraussichtlich ohne häufige Erkrankungen verbringen würden. Zu diesen Erkrankungen gehörten Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Atemwegserkrankungen, neurodegenerative Erkrankungen wie Demenz oder Parkinson, Krebs sowie Depressionen und Angststörungen.

Zusätzlich analysierten die Wissenschaftler, ob ein gesunder Lebensstil mit Faktoren wie Nichtrauchen, gesunder Ernährung, ausreichender Bewegung, gesundem Körpergewicht und ausreichendem Schlaf die Zusammenhänge beeinflussen könnte.

Auch interessant: Wie sich soziale Isolation auf die Kognition im Alter auswirkt

Ab 50 weniger gesunde Lebensjahre – Psyche und Männer stärker betroffen

Während der Nachbeobachtung wurden 78.829 neue Fälle der untersuchten Erkrankungen sowie 16.356 Todesfälle registriert. Verglichen mit Menschen, die weder einsam noch sozial isoliert waren, verloren Teilnehmer mit Einsamkeit oder sozialer Isolation mehrere Jahre ihrer krankheitsfreien Lebenserwartung.

Zu Studienbeginn gesunde Männer mit Einsamkeit und sozialer Isolation hatten während der Studiendauer im Schnitt 2,4 gesunde Jahre weniger ohne körperliche Erkrankung und 5,8 Jahre weniger ohne mentale Krankheiten. Den Frauen mit Einsamkeit und Isolation fehlten im Schnitt 1,7 gesunde Jahre ohne physische Krankheiten und 3,7 gesunde Jahre ohne psychische Erkrankungen.

„Das liegt an den geschlechtsspezifischen Unterschieden zwischen Männern und Frauen“, so Qi. „Unsere Forschung hat ergeben, dass Männer anfälliger für Einsamkeit sind. Wir wissen auch, dass Frauen tendenziell länger leben als Männer. Bei bestimmten Krankheiten gibt es geschlechtsspezifische Vorteile.“

Wie man den Effekt abmildern kann

Die Wissenschaftler stellten darüber hinaus fest, dass ein gesunder Lebensstil die Nachteile der sozialen Isolation teilweise abmildern könnte. Dieser Effekt zeigte sich jedoch nicht in gleichem Maße bei Einsamkeit. Die Autoren vermuten deshalb, dass soziale Isolation und Einsamkeit über unterschiedliche Mechanismen auf die Gesundheit wirken könnten.

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Bedeutung der Ergebnisse – Einsamkeit auch in Deutschland

Die Ergebnisse unterstreichen, dass soziale Beziehungen offenbar nicht nur das Wohlbefinden beeinflussen, sondern auch eng mit der langfristigen Gesundheit verknüpft sind. Interessant ist vor allem der Unterschied zwischen Einsamkeit und sozialer Isolation. Wer sozial isoliert ist, könnte seine gesundheitlichen Risiken durch einen gesünderen Lebensstil verringern. Bei Einsamkeit zeigte sich dieser Effekt dagegen nicht. Das könnte darauf hindeuten, dass Einsamkeit mehr ist als ein Mangel an sozialen Kontakten. Vielmehr scheint das subjektive Gefühl fehlender Verbundenheit eigenständige Auswirkungen auf die Gesundheit zu haben.

Auch wenn die aktuellen Daten aus Großbritannien stammen, ist Einsamkeit keineswegs nur dort ein Thema. Das erste Einsamkeitsbarometer für Deutschland zeigt, dass sich im Jahr 2021 je nach Altersgruppe zwischen 9,8 und 14,1 Prozent der Menschen einsam fühlten. Am stärksten betroffen waren 18- bis 29-Jährige mit 14,1 Prozent.6

Für den Einzelnen bedeuten die Studienergebnisse jedoch nicht, dass Einsamkeit zwangsläufig krank macht. Die Studie zeigt statistische Zusammenhänge auf Bevölkerungsebene und beweist nicht, dass Einsamkeit die Ursache ist. Dennoch verdeutlichen die Ergebnisse, welchen Stellenwert soziale Beziehungen als Bestandteil eines gesunden Lebens haben könnten.

Stärken und Schwächen der Studie

Zu den größten Stärken der Untersuchung zählen die hohe Teilnehmerzahl sowie die lange Nachbeobachtungszeit. Zudem betrachteten die Forscher erstmals gemeinsam körperliche und psychische Erkrankungen, um die krankheitsfreie Lebenserwartung abzuschätzen.

Allerdings handelt es sich um eine Beobachtungsstudie. Deshalb kann sie nicht belegen, dass Einsamkeit oder soziale Isolation tatsächlich die Ursache für die verlorenen gesunden Lebensjahre sind. Denkbar ist auch, dass andere Faktoren die Zusammenhänge teilweise beeinflusst haben. Hinzu kommt, dass Einsamkeit und soziale Isolation nur einmal zu Beginn der Studie erfasst wurden. Veränderungen im Laufe der Jahre konnten daher nicht berücksichtigt werden.