Banca Monte dei Paschi di Siena: Vom Krisenfall zum Übernahmejäger

Leben mit Aktien: Monte dei Paschi – vom Krisenfall zum Übernahmejäger

Die einst gerettete Banca Monte dei Paschi di Siena will zum dritten großen Bankenkonzern Italiens werden. Dafür muss sie mehrere überzeugen – und schneller sein als Intesa Sanpaolo.

Bei einer Übernahme durch Intesa würden etwa die Hälfte der 1260 Filialen der Banca Monte dei Paschi di Siena und die historische Marke an Unipol übergehen. Foto: Bloomberg

Die Banca Monte dei Paschi di Siena (MPS) ist die älteste noch aktive Bank der Welt – und droht nun, übernommen und aufgespalten zu werden. Mit einer Gegenoffensive will die einst staatlich gerettete Krisenbank das verhindern.

Ende vergangener Woche legte MPS gleich zwei Angebote vor: Für die Banco BPM bietet die Bank eigene Aktien im Wert von 25,3 Milliarden Euro, für den Vermögensverwalter Banca Generali legte die Traditionsbank eine Offerte im Wert von 8,7 Milliarden Euro vor. Damit will MPS-Chef Luigi Lovaglio die Übernahme des eigenen Instituts verhindern. Mit einer erwarteten Marktkapitalisierung von 70 Milliarden Euro würde bei erfolgreichen Übernahmen MPS zum drittgrößten Bankkonzern Italiens aufsteigen, hinter Intesa und UniCredit – wie es sich die italienische Regierung schon lange wünscht.

In der aktuellen Folge von „Leben mit Aktien“ sprechen WirtschaftsWoche-Chefredakteur Horst von Buttlar und Scalable-Capital-Chefökonom Christian W. Röhl über den spektakulären Coup der Bank aus der Toskana.

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Der Markt bleibt skeptisch

Die Börse reagierte nach der Ankündigung am Freitag verhalten. Die MPS-Aktie notierte zum Handelsauftakt in Mailand nahezu unverändert bei 13,69 Euro. Banco BPM verlor rund 0,2 Prozent, Banca Generali knapp zwei Prozent. Intesa Sanpaolo legte rund 0,5 Prozent zu.

Anleger erkennen die strategische Idee von MPS, zweifeln aber an der Umsetzung. Experten halten es für schwierig, dass die Traditionsbank auch nur eines der beiden Angebote erfolgreich abschließen kann. MPS-Chef Lovaglio betont deshalb, dass die beiden Offerten rechtlich unabhängig voneinander seien. MPS wäre demnach auch mit dem Erwerb nur eines der beiden Unternehmen zufrieden.

Intesa will MPS neu ordnen

Auf das Übernahmeangebot von Intesa im Juni war die MPS-Aktie um zwölf Prozent gestiegen. Die größte Bank Italiens plant eine Übernahme der Traditionsbank und bietet 30,66 Milliarden Euro. Um kartellrechtliche Bedenken zu zerstreuen, sollen im Fall des Zusammenschlusses etwa die Hälfte der 1260 MPS-Filialen und die historische Marke an die Versicherungsgruppe Unipol übergehen.

Den MPS-Aktionären bietet Intesa je Aktie 1,00 Euro in bar und 1,6 eigene Aktien. Zum Zeitpunkt der Ankündigung entsprach dies einem rechnerischen Wert von 10,09 Euro je MPS-Aktie.

Für Siena und die Toskana geht es damit auch um die Zukunft der historischen Marke und der regionalen Verankerung.

Wie aus MPS eine Comeback-Story wurde

MPS wurde 1472 in Siena als Pfandhaus gegründet. Über die Jahrhunderte entwickelte sich das Institut zu einer klassischen Bank und wuchs von einem toskanischen Geldhaus zu einem international tätigen, börsennotierten Konzern.

Die neun Milliarden Euro teure Übernahme von Antonveneta im Jahr 2007 stürzte die Bank in eine schwere Krise. Es folgten problematische Kredite und der Vorwurf, MPS habe unter anderem zusammen mit der Deutschen Bank und dem japanischen Geldhaus Nomura hohe Verluste verschleiert. 2017 sprang der italienische Staat mit Milliarden ein und wurde zeitweise Mehrheitsaktionär.

Unter Luigi Lovaglio, der seit 2022 an der Spitze der Bank steht, begann die Sanierung. MPS senkte die Kosten, baute Stellen ab, reduzierte faule Kredite und stärkte die Kapitalbasis. 2024 zahlte die Bank erstmals seit 13 Jahren wieder eine Dividende und erzielte einen Gewinn von rund 1,95 Milliarden Euro.

Mit der Übernahme von Mediobanca gewann MPS zusätzlich an strategischer Bedeutung. Der Deal verschaffte der Bank Zugang zu Investmentbanking und Wealth Management sowie eine Beteiligung an Generali. Aus dem Sanierungsfall wurde damit ein relevanter Akteur im italienischen Bankensektor.

Die Staue des Ökonomen und Politikers Sallustio Bandini auf der Piazza Salimbeni vor der historischen Banca Monte dei Paschi di Siena in Italien Foto: Bloomberg

Lovaglios Plan

Mit den geplanten Übernahmen von Banco BPM und Banca Generali versucht MPS, einen größeren und eigenständigen Finanzkonzern zu formen. Gemessen an den Kundenkrediten würde MPS dadurch zur zweitgrößten Bank Italiens aufsteigen und den von der italienischen Regierung lang ersehnten dritten Pol neben Intesa Sanpaolo und UniCredit bilden.

Banco BPM soll dabei Größe, Filialen, Kunden und das klassische Bankgeschäft einbringen. Banca Generali könnte die Vermögensverwaltung, die Finanzberatung und das Wealth Management stärken. Mediobanca steuert Investmentbanking, Beratung und den Zugang zu Generali bei. MPS will damit ein breiter aufgestelltes Geschäftsmodell schaffen, das weniger vom klassischen Bankgeschäft abhängt.

Sollte Lovaglios Plan aufgehen, könnte eine größere und stärker diversifizierte Gruppe für die MPS-Aktionäre mehr Wert schaffen als der Verkauf an Intesa.

Zusätzlich plant MPS eine Sonderdividende von rund vier Milliarden Euro, die teilweise in bar und teilweise in Generali-Aktien ausgezahlt werden soll.

Sollte der Plan Lovaglios nicht aufgehen, könnte die Gegenoffensive dennoch dazu führen, dass Intesa den Preis für MPS um einige Milliarden Euro erhöht.

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Viele Hürden, wenig Zeit

Bis zum erfolgreichen Abschluss ist der Weg sehr steinig. Analysten des Mailänder Brokerhauses Equita sehen in der angekündigten Doppelofferte erhebliche Umsetzungsrisiken. Denn während MPS die Integration von Mediobanca noch nicht abgeschlossen hat, müsste die Traditionsbank parallel die Fusion mit zwei weiteren großen Häusern bewältigen.

Die wohl größte Hürde besteht darin, die verschiedenen Interessengruppen zu überzeugen. Da wäre zum einen Banco BPM selbst. Das Institut hatte erst kürzlich eine Fusion mit MPS vorgeschlagen, den Vorschlag aber Anfang August auf Anraten seines Großaktionärs Crédit Agricole wieder zurückgezogen. Die französische Bank hält 29,3 Prozent an BPM. Ohne ihre Zustimmung oder zumindest Duldung dürfte die Transaktion nur schwer gelingen. Im Gegenzug könnte Crédit Agricole industrielle Vorteile verlangen – etwa Filialen, Beteiligungen an Produktgesellschaften oder neue Vertriebskooperationen.

Auf der anderen Seite steht der Versicherer Assicurazioni Generali, der 50,1 Prozent an seiner Tochter Banca Generali hält. Generali hat klargemacht, dass das Angebot nicht mit ihm abgestimmt wurde. Strategisch könnte die Transaktion für den Versicherungskonzern dennoch interessant sein – auch mit Blick auf das 2027 auslaufende Abkommen zwischen MPS und Axa. Offen ist, wie die wechselseitigen Beteiligungen künftig strukturiert werden könnten.

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Der Plan setzt außerdem die vollständige Integration von Mediobanca voraus. Durch die Übernahme ist MPS mit 13,2 Prozent zum Mehrheitsaktionär von Generali geworden. Sinkt diese Beteiligung unter zehn Prozent, könnte MPS den Vorteil des sogenannten Danish Compromise verlieren. Das Aufsichtsregime erlaubt Banken unter bestimmten Voraussetzungen eine günstigere Eigenkapitalbehandlung bei Beteiligungen an Versicherern. MPS hofft auf eine neue Genehmigung der Europäischen Zentralbank (EZB); bis dahin könnte eine Reduzierung der Beteiligung die Kapitalquoten belasten.

Auch beim Zeitplan ist MPS im Nachteil. Intesa könnte ihr Angebot bereits im Oktober oder November umsetzen. MPS muss hingegen zunächst die außerordentliche Hauptversammlung am 29. Oktober abwarten. Dort sollen die Aktionäre über die Aufhebung der Passivitätspflicht, zwei Kapitalerhöhungen und die Sonderdividende abstimmen. Erforderlich ist die Zustimmung von zwei Dritteln des vertretenen Kapitals.

Intesa prüft derweil eine Eingabe bei der italienischen Börsenaufsicht Consob sowie mögliche Einwände bei der EZB. Ein Kontrollwechsel bei MPS könnte die Genehmigungen für die Angebote an Banco BPM und Banca Generali infrage stellen, wenn Intesa MPS übernimmt, bevor die Transaktionen abgeschlossen sind.

Die politische Dimension

Die Regierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni steht einem eigenständigen, größeren MPS grundsätzlich positiv gegenüber. In den vergangenen Jahren hatte sie darauf hingearbeitet, die großen Marktführer Intesa Sanpaolo und UniCredit nicht weiter zu stärken, sondern eine dritte Bankengruppe entstehen zu lassen.

Innerhalb der politischen Mehrheit gibt es jedoch unterschiedliche Positionen. Meloni und ihr Vizepremier, der Lega-Chef Matteo Salvini, unterstützen den Erhalt von MPS als eigenständigem Institut – sofern Crédit Agricole nicht zu mächtig wird. An der Intesa-Offerte stört sie außerdem, dass der Versicherer Unipol und seine Bank BPER gestärkt würden, da beide aus dem genossenschaftlichen Lager stammen und heute noch dem linken Spektrum zugerechnet werden. Forza Italia fordert mehr staatliche Neutralität.

Finanzminister Giancarlo Giorgetti hatte im vergangenen Jahr die Übernahme von BPM durch UniCredit faktisch untersagt. Ob die Regierung Meloni erneut so hart intervenieren wird, bleibt offen. Der Aktienanteil des Staates an MPS liegt aktuell bei weniger als fünf Prozent.

Die Anlegerfrage

Der italienische Bankensektor steht vor einer grundlegenden Neuordnung – ohne sicheren Ausgang. Für Anleger ist die MPS-Aktie damit eine Wette auf den Ausgang eines komplexen Übernahmekampfes. WiWo-Chefredakteur Horst von Buttlar rät in der aktuellen Folge jedenfalls nicht zum Einstieg.

Wer bereits in MPS-Aktien investiert ist oder dies vorhat, sollte in den kommenden Wochen und Monaten wachsam sein: Stimmen Crédit Agricole und Generali der MPS-Offerte zu? Reicht die Kapitalbasis von MPS aus, um die Angebote zu finanzieren und die versprochenen Synergien tatsächlich zu realisieren? Und ist der Turnaround, den MPS seit 2022 unter Lovaglio hingelegt hat, nachhaltig?

Eine Alternative bietet der von Christian Röhl angesprochene FTSE MIB Banks Index, mit dem Anleger in den italienischen Bankensektor an der Mailänder Börse investieren. Dieser ist seit 2017 um 930 Prozent gestiegen. Während italienische Banken wie MPS vor zehn Jahren noch gerettet werden mussten, sind sie laut Röhl aus dieser Rettungssituation wesentlich stärker hervorgegangen. Und haben letztlich sogar den Nasdaq-100 überflügelt.

Mehr über den italienischen Bankensektor und weitere „Urlaubsaktien“, die Christian Röhl und Horst von Buttlar besprechen, hören Sie in der aktuellen Folge von „Leben mit Aktien“.

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