Lebensmittel erstmals seit fünf Jahren günstiger als im Vorjahr
Inflationsbekämpfung
Lebensmittel erstmals seit fünf Jahren günstiger als im Vorjahr
Supermärkte geben Mehrwertsteuersenkung verlässlich weiter. Das Ziel, die kleinen Geldbörserln zu entlasten, wirkt
Gregor Metz
Zwei Monate nach Inkrafttreten der Mehrwertsteuersenkung mit 1. Juli zieht die Inflationsrate wieder an. Grund dafür sind vor allem die bestehende Energieunsicherheit aufgrund des Ukraine-Konflikts und der seit sieben Wochen de facto blockierten Straße von Hormus. Die niedrige Mehrwertsteuer wirkt laut Wirtschaftsinstituten aber gegen die Inflation.
Drei Wochen nachdem die Steuersenkung auf Grundnahrungsmittel in Kraft getreten war, bestätigten die Arbeiterkammern (AK) Wien und Steiermark ihre Wirksamkeit. In einer Presseaussendung gab die AK Wien bekannt, dass alle in ihrem Preismonitor untersuchten Handelsketten die Mehrwertsteuersenkung von zehn auf 4,9 Prozent komplett an die Kunden weitergegeben hatten. Im Juli wurden einige Produkte sogar zusätzlich zur Steuersenkung billiger. Überhaupt war der Juli der erste Monat in mehr als fünf Jahren, in dem die Preise für Nahrungsmittel im Vergleich zum Vorjahresmonat gesunken sind.
Die Verbraucherpreise für Nahrungsmittel waren im Juli 2026 um 0,5 Prozent niedriger als 2025 – erstmals seit fünf Jahren. Die Inflationsrate im Juli betrug demgegenüber 2,8 Prozent. Das Wifo betrachtet die Mehrwertsteuersenkung als den größten Beitrag zur Senkung des Preisniveaus im Juli. Das sei wenig überraschend, kommentiert das Momentum Institut auf Anfrage: "In jedem europäischen Land, das in den letzten Jahren die Steuern auf Lebensmittel gesenkt hat, sind die Preise für die Kunden gesunken. Jetzt auch in Österreich."
Entlastung kleiner Geldbörsen
Im Vorfeld kritisierte unter anderem Georg Knill, Chef der Industriellenvereinigung, die Steuersenkung als "Gießkanne", die auch Besserverdiener entlasten würde. Die Maßnahme sei nicht zielgerichtet genug. Dem erwidern Arbeitnehmervertreter, dass Menschen mit niedrigen Einkommen im Verhältnis zu diesem Einkommen stärker entlastet werden. Sie geben einen größeren Teil ihres Einkommens für Essen aus. Besserverdiener zahlen durch die Senkung zwar auch weniger, werden aber gemessen am Einkommen weniger entlastet. Je geringer das Einkommen, desto stärker spüre man Preissprünge im Supermarkt. Umso mehr greife die Steuersenkung auf Grundnahrungsmittel.
Auch für die gesamtwirtschaftliche Lage sind positive Effekte zu erwarten. Die Preise im Supermarkt beeinflussen die wahrgenommene Inflation und somit das Konsumklima. Das ist die Bereitschaft, verfügbares Einkommen zu verkonsumieren. Wird der tägliche Bedarf teurer, verschieben viele Menschen Neuanschaffungen nach hinten, gehen seltener Essen und entziehen so der Wirtschaft Nachfrage. Unternehmen verkaufen damit auch weniger, produzieren weniger und die Wirtschaft kommt nicht vom Fleck.
Um Lebensmittelpreise langfristig niedrig zu halten, brauche es neben gezielten Entlastungsmaßnahmen umfassendere Konzepte, empfiehlt Michael Ertl von der AK Wien. Transparenz entlang der Wertschöpfungskette kann die Verantwortung für Preissprünge offenlegen und das Blame-Game zwischen Bauern, Logistik und Supermärkten auflösen. Auch würde eine EU-weite Regel regionalen Preisunterschieden bei identen Produkten dem sogenannten "Österreich Aufschlag" entgegenwirken. Dürreperioden und weitere Klimafolgen bereiten der österreichischen Landwirtschaft große Sorgen. Die geopolitisch bedingte Energieunsicherheit bleibt ein zentraler Problemfaktor für Lebensmittelpreise. (metz, 02.09.2026)
Forum: 130 Postings
Ihre Meinung zählt.
Die Kommentare im Forum geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Benutzer:innen können diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die STANDARD Verlagsgesellschaft m.b.H. vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.