„Lehrkräfte geraten an ihre Grenzen“: Bildungs-Experte schlägt Alarm und fordert radikale Wende in Deutschland
Stand: 06.08.2026, 21:54 Uhr
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Für Erziehungswissenschaftler: Eine Bildungskrise bedroht aktuell den deutschen Wirtschaftsstandort. Er fordert Reformen des Schulsystems.
Frankfurt – Bildungsforscher schlagen seit Jahren Alarm: Deutsche Schülerinnen und Schüler verlieren im Lesen und Rechnen im internationalen Vergleich den Anschluss – die Auswirkungen davon können weit über den Schulalltag hinausgehen. Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer sieht durch die Entwicklung in deutschen Schulen einen Bildungsnotstand. Er fordert einschneidende Reformen auf drei Feldern.

Klaus Zierer, Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Augsburg, sieht durch das sinkende Bildungsniveau in deutschen Schulen ein Standortrisiko. Dies sei besonders dramatisch, weil die deutsche Wirtschaft schwächelt. Für ein Land wie Deutschland, das keine großen Rohstoffvorkommen besitze, stelle die Bildung der Menschen das wichtigste Kapital dar. Das sagt Zierer im Gespräch mit welt.de. „Bildung ist ein zentraler Faktor für den Erfolg einer Volkswirtschaft“, sagt er. Eine Folge schlechterer Schulleistungen können nachlassende Wirtschaftsleistung und Innovationskraft sein.
Bildungsexperte Zierer: Niedriges Schulniveau mit Auswirkungen auf Arbeitsmarkt und Gesellschaft
In Deutschland herrsche ein Bildungsnotstand, weil „mehr als ein Drittel der Kinder die Mindeststandards beim Rechnen, Lesen und Schreiben nicht erreicht“, so Zierer. Diese Faktoren hätten direkte Auswirkungen auf Ausbildung, Arbeitsmarkt und Gesellschaft. Gleichzeitig nehme die Vereinsamung junger Menschen zu, ebenso Depressionen und Suizide.
Laut der PISA-Studie aus dem Jahr 2022, einem internationalen Schulleistungstest, sanken in Deutschland die Leistungen in Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen auf das niedrigste Niveau seit dem Beginn der Erhebungen im Jahr 2000. Deutschland belegte nur noch Platz 22 von 81. Vor diesem Hintergrund kritisiert Zierer auf welt.de die Tendenz, dass den Schülern immer bessere Noten gegeben werden: Diese Bewertungen resultierten daraus, dass die Anforderungen immer weiter abgesenkt würden. Besonders groß sind die Defizite deutscher Schülerinnen und Schüler in Mathematik.
Bildungssystem nicht auf Zuwanderer ausgerichtet
Eine erste Reform werde im Umgang des deutschen Bildungssystems mit Zuwanderern benötigt: Auf diese sei es nicht vorbereitet. „Wenn in einzelnen Klassen 80 oder 90 Prozent der Kinder kaum Deutsch sprechen, geraten Lehrkräfte an ihre Grenzen“, sagt Zierer. Auch die restlichen Kinder würden dann schlechter lernen. Für ihn sollte mit mehr Deutsch- und Integrationskursen entgegengesteuert werden, gerade weil Deutschland als Einwanderungsland auf Zuwanderung angewiesen sei.
Die zweite Reform betreffe die Digitalisierung der Schulen: Für Zierer ist klar, dass eine zu weitgehende Digitalisierung dort keinen Gewinn einbringt. Besonders den Einsatz künstlicher Intelligenz in Schulen sieht er kritisch: Diese würde den Schülern zu sehr die Fähigkeit zu eigenständigem Denken abnehmen. Gedanken zu strukturieren und zu formulieren, sei eine wichtige Bildungsaufgabe, die ihnen fehle. Auch stelle sich keine Zufriedenheit ein, wenn ein Schüler etwa einen Text nicht selbst verfasst, sondern diese Aufgabe an die KI delegiert.
Studie: Je mehr KI-Unterstützung, desto weniger Hirnaktivität
Auf ähnliche Ergebnisse verweist auch eine Studie von Forschern des Massachusetts Institute of Technology (MIT): Diese konnte zeigen, dass die Gehirnkonnektivität mit dem Ausmaß externer Unterstützung abnimmt: Je mehr Hilfe ein KI-Tool verschiedenen Probanden beim Schreiben eines Essays liefert, desto weniger Hirnaktivität konnten die Forscher messen. Die Gehirnkonnektivität war bei den Probanden am höchsten, die den Text eigenständig geschrieben hatten. Derweil warnen Experten vor Personalmangel in deutschen Kitas, der auch negative Auswirkungen auf die Zukunftschancen von Kindern haben kann.
Als dritten Punkt kritisiert Zierer auf welt.de, dass in der aktuellen Bildungspolitik zu viel Wert auf Ergebnisgleichheit der Schüler gelegt werde. Für ihn steht fest: „Bildung erzeugt zwangsläufig Ungleichheiten“, weil Menschen unterschiedliche Fähigkeiten und Interessen hätten. Ergebnisgleichheit ließe sich nur durch geringere Leistungsanforderungen herstellen. Dabei opfere man aber den Anspruch, dass nicht familiärer Hintergrund oder Netzwerke über die Möglichkeiten eines Menschen entscheiden, sondern seine Leistung. Diese solle in den Schulen wieder mehr in den Mittelpunkt gerückt werden. (Quellen: destatis.de, welt.de, media.mit.edu) (jws)