Leihmutterschaft: CDU-Politiker Wolfgang Bosbach legt Jens Spahn baldigen Rücktritt nahe
Der CDU-Politiker Bosbach hofft, dass Spahn seiner Fraktion eine monatelange Rücktrittsdebatte erspart. Parteikollege Brand wirft Spahn »moralischen Rechtsbruch« vor.
Quelle: DIE ZEIT, dpa, KNA, epd,
jfw
Aktualisiert am 18. Juli 2026, 12:42 Uhr
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1.192 KommentareDer CDU-Politiker Wolfgang Bosbach hat Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU) wegen der Indienstnahme einer Leihmutterschaft in den USA den baldigen Rücktritt nahegelegt. »Ich hoffe, Jens Spahn erspart der Union, insbesondere der CDU, eine monatelange Debatte über die Frage, ist er noch der Richtige an der Spitze der Fraktion«, sagte Bosbach am Samstag im Deutschlandfunk.
Er bezog sich darauf, dass sich die Fraktionen erst wieder nach der parlamentarischen Sommerpause am 8. September treffen werden. Laut Bosbach muss Spahn selbst erkennen, dass er zurücktreten müsse. Es sei nicht gut, wenn nun täglich neue Rücktrittsforderungen geäußert würden, Spahn aber erst im September die Fraktion über seine Zukunft entscheiden lassen wolle.
Bosbach nannte Spahns Verhalten hochproblematisch. Politiker machten die Regeln und erwarteten, dass sich jeder daran halte. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass die Regeln für einige Menschen nicht gültig seien oder »nur genug Geld« vorhanden sein müsse, sagte Bosbach und fügte hinzu: Das wäre »fatal«. Der Graben »zwischen Gewählten und Wählern ist immer größer geworden, und das liefert jetzt einen weiteren Beitrag«, sagte der frühere Bundestagsabgeordnete.
Nach der parlamentarischen Sommerpause findet am 8. September die erste reguläre Fraktionssitzung statt. Bereits einen Tag zuvor wird das CDU-Präsidium zur nächsten planmäßigen Sitzung zusammenkommen. Das Gremium dürfte sich dann auch der Causa Spahn widmen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sagte am Freitag, dass sich das Spitzengremium der Partei damit befassen werde.
Spahn äußert sich zu Kritik
Spahn und sein Mann Daniel Funke hatten am Mittwoch mitgeteilt, dass sie Eltern geworden sind und eine Leihmutter in den USA das Baby zur Welt gebracht hatte. Seitdem steht das Ehepaar in der Kritik, weil Leihmutterschaft in Deutschland verboten ist und sich Spahns Partei eindeutig gegen eine Legalisierung ausspricht – so wie es auch Spahn in der Vergangenheit selbst getan hatte. Der Hauptvorwurf gegen Spahn lautet, er habe privat Möglichkeiten genutzt, die er Menschen in ähnlicher Situation in Deutschland politisch nicht zugestanden habe.
Auch Spahn hat sich mittlerweile zur Kritik geäußert. Er werde es seiner Fraktion überlassen, wie mit den Rücktrittsforderungen auch aus seiner Partei umzugehen sei, sagte er der Bild-Zeitung. »Am Ende kann ja nur die Fraktion darüber entscheiden, wie es weitergeht«, sagte Spahn.
Auch CDU-Politiker Brand äußert Kritik
Auch der Christdemokrat Michael Brand kritisierte Spahn scharf. Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesfamilienministerium sagte der Fuldaer Zeitung: »Was Jens Spahn hier getan hat, ist eine echte Zumutung und unglaubwürdig, das muss man so klar sagen.«
Spahn habe »zwar nicht formal, aber moralisch klaren Rechtsbruch begangen«. Dies ist laut Brand umso dramatischer, weil insbesondere beim Recht gleiche Maßstäbe für alle gelten müssten. »Das wurde hier ganz massiv verletzt, deshalb muss darüber in aller Konsequenz geredet werden und auch in aller Klarheit.«
CDU-Bundestagsabgeordnete warnt vor Ausbeutung von Frauen
Die CDU-Bundestagsabgeordnete Elisabeth Winkelmeier-Becker warnte vor Missbrauch und Ausbeutung von Frauen. »Nicht alles, was medizinisch machbar ist, ist auch ethisch akzeptabel«, sagte sie dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. »Menschliches Leben darf nicht zur Ware gemacht, eine Frau darf nicht auf ihre biologische Funktion reduziert werden. Das widerspricht der Menschenwürde und öffnet den Weg für Missbrauch und Ausbeutung«, sagte die Christdemokratin.
Aus diesen Gründen sei die CDU gegen jede Form von Leihmutterschaft, ergänzte Winkelmeier-Becker. Zugleich wies die Parlamentarierin darauf hin, dass Reproduktionsmedizin ein wachsender Markt in Deutschland sei, der auf neue lukrative Geschäftsmodelle ohne ethische Limits hoffe. »Es wird schwerer, bleibt aber aus meiner Sicht umso notwendiger, dagegenzuhalten«, sagte die CDU-Politikerin.
Kirchen kritisieren Spahn
Auch Kirchenvertreter haben sich den zahlreichen Kritikern angeschlossen. Der Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Ernst-Wilhelm Gohl, teilte mit, in Deutschland gebe es ein klares Verbot der Leihmutterschaft. »Wenn nun ausgerechnet ein Politiker öffentlich macht, dass er im Ausland Leihmutterschaft in Anspruch genommen hat, geht es auch um Doppelmoral und Glaubwürdigkeit.«
Auch in der katholischen Kirche gab es kritische Stimmen. Der Passauer Bischof Stefan Oster sagte: Wenn »ein prominenter CDU-Politiker in Sachen Leihmutterschaft zur Erfüllung eigener Wünsche gegen die Gesetze des Landes und gegen die Grundlinien der eigenen Partei in dieser für unser Menschenbild so wichtigen Sache bewusst verstößt, und damit auch noch positiv werbend für Leihmutterschaft eintritt, halte ich das für einen echten Skandal.«
Der frühere hessische Ministerpräsident Roland Koch hat Spahn verteidigt. »Der Shitstorm über Jens Spahn verliert jedes Maß«, schrieb der CDU-Politiker auf der Plattform LinkedIn. Die CDU sei eine Partei, keine Religionsgemeinschaft. »Selbst in gesellschaftspolitisch wichtigen Fragen darf jeder Einzelne abweichende Überzeugungen haben, ja, sie sogar im Laufe der Zeit verändern«, schrieb der Vorsitzende der Ludwig-Erhard-Stiftung. Das Ehepaar habe gegen kein Gesetz verstoßen und vor einem Dilemma gestanden, das Koch niemandem wünsche. Er halte jede Form der Verurteilung für unangemessen.