Libanesischer Ex-Präsident vor Gericht: Beiruter Hafenexplosion hat ein Nachspiel

Der libanesische Ex-Präsident Michel Aoun muss sich für die Explosion von Ammoniumnitrat im Hafen von Beirut 2020 verantworten. Über 250 Menschen starben.

Porträt von Michel Aoun
Was wusste Michel Aoun über die Lagerung der explosiven Stoffe? Ein Gericht hat den libanesischen Ex-Präsidenten nun vorgeladen

Foto: Anwar Amro/afp

Julia Neumann

Der 4. August 2020, die Explosion im Beiruter Hafen, hat für Libanons Ex-Präsident Michel Aoun ein gerichtliches Nachspiel. Damals explodierten 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat, über 250 Menschen wurden getötet, mindestens 6.500 verletzt. Michel Aoun war zu der Zeit Präsident. Ein libanesischer Staatsanwalt erhebt nun Anklage: Aoun soll von der Gefahr gewusst, aber nichts unternommen haben.

Michel Aoun wurde am 18. Februar 1935 im Beiruter Viertel Haret Hreik geboren. Er ist maronitischer Christ. Seine Familie stammt aus Aichiye, einem christlichen Dorf im Südlibanon. Sein Vater soll Metzger gewesen sein. Aoun machte Karriere im Militär: Mit 20 Jahren trat er in die Militärakademie in Beirut ein, 1958 wurde er Artillerieoffizier. In den 1960er und frühen 1970er Jahren kletterte er die Karriereleiter nach oben.

1975 begann der Bürgerkrieg. Aoun blieb beim Militär. Mit 49 Jahren wurde er 1984 Oberbefehlshaber der Armee – der jüngste seinerzeit.

Gegen Ende des Kriegs folgte eine steile Karriere – und ein steiler Fall. 1988 hatte das Parlament keinen Präsidenten gewählt. Kurz vor dem Auslaufen seines Amts ernannte Amine Gemayel am 22. September Michel Aoun zum Premier einer Militärregierung und entließ die amtierende Regierung unter Salim al-Hoss. Das Amt ist für Sunniten reserviert, was zu Kämpfen führte: Aoun in Ostbeirut, unterstützt von Christen und Irak, gegen al-Hoss in Westbeirut, unterstützt von Muslimen und Syrien.

Wie ein Warlord

Aoun agierte wie ein Warlord, es gab Berichte über Hinrichtungen und rund 1.000 zivile Todesopfer. 1989 beendete ein Abkommen den Krieg, die Warlords vereinbarten ein Generalamnestiegesetz. Aoun weigerte sich, das Abkommen und einen neu gewählten Präsidenten anzuerkennen. 15 Jahre lebte er im Exil und gründete die Partei Freie Patriotische Bewegung.

Am 7. Mai 2005, nach der Ermordung des sunnitischen Präsidenten Rafiq al-Hariri, kehrte Aoun zurück. 2006 überraschte er mit einem ideologischen Umschwung: Seine Partei verbündete sich politisch mit der schiitischen, prosyrischen Hisbollah. Am 31. Oktober 2016 wurde Michel Aoun offiziell Präsident, nach einem 29-monatigem Vakuum im Parlament. Aoun sei ein „lieber, mitfühlender und herzlicher Mann“, der politische Diskussionen „wie die Pest meidet“, schrieb Bilal Saab, ehemaliger Pentagon-Mitarbeiter, bei Aouns Amtsantritt 2016. Sie hatten sich häufig getroffen, um über Sicherheitskooperationen zu sprechen. „Er war absolut überparteilich und hatte nicht das geringste Interesse daran, Reden zu halten oder in den Medien aufzutreten“, so Saab.

Aoun agierte im Bürgerkrieg wie ein Warlord, es gab Berichte über Hinrichtungen und rund 1.000 zivile Todesopfer

Misswirtschaft und Korruption

In Aouns Amtszeit brach die Wirtschaft zusammen, ausgelöst durch jahrelange Misswirtschaft und Korruption. Am 4. August 2020 explodierte diese gefährliche Mischung mit einem großen Knall im Hafen.

Nach der Explosion hatte Aoun behauptet, erst drei Wochen vor der Explosion über den Sprengstoff informiert worden zu sein. Das sei „zu spät“ gewesen, sagte er am 30. August 2020 dem Sender Al Jadeed. Er habe zudem keine Weisungsbefugnis über die Hafenanlagen gehabt.

Mohammed Saab, Staatsanwalt am Kassationsgericht, hat am Dienstag den Untersuchungsrichter aufgefordert, ein Strafverfahren gegen Aoun einzuleiten. Er habe „vorab Kenntnis von der Lagerung von Ammoniumnitrat im Hafen und der damit verbundenen Gefahr“ gehabt, „ohne die erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen“ oder den Obersten Verteidigungsrat einzuschalten, sagte ein Justizvertreter am Dienstag.

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