Die Linke feiert ihren Wahlsieg, doch der Weg zum Regieren ist steinig
Linke triumphiert in Berlin
Vor diesen Herausforderungen steht Eralp nun
20.09.2026 - 23:11 UhrLesedauer: 4 Min.
Die Freude ist riesig, der Jubel frenetisch: Die Linke holt ihr bestes Ergebnis in Berlin jemals und ist stärkste Kraft. Doch der Weg zum Regieren ist steinig.
Die Stimmung ist schon gut, bevor die ersten Zahlen am Sonntagabend über die Bildschirme flackern: Einen Sieg bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl, den hatten viele bei der Linken bereits eingepreist. Dass der Vorsprung auf die CDU jedoch so hoch ausfällt, damit hatten selbst die größten Optimisten wohl nicht gerechnet.
Mit tosendem Applaus und Jubel nimmt der vollgepackte Festsaal Kreuzberg die erste Prognose entgegen, Spitzenkandidatin Elif Eralp fällt Linken-Landeschefin Kerstin Wolter in die Arme, springt auf und ab, wie Fans bei einem Fußballspiel, wenn die eigene Mannschaft das entscheidende Tor schießt.
Da ist er, der Moment, auf den Eralp, auf den die Partei über Monate hingearbeitet hat: "Wir haben heute alle gemeinsam Geschichte geschrieben", ruft Eralp anschließend auf der Bühne. Obwohl ihre Rede sich fast 20 Minuten hinzieht, brechen die Jubelstürme bis zum Ende nicht ab.
"Das Ergebnis wird in die Geschichte eingehen", sagt auch Landeschef Maximilian Schirmer später t-online. "Das wirklich tolle Wahlergebnis bedeutet für uns jetzt aber auch wirklich viel Arbeit." Und weiter: "Unser Anspruch ist ja nicht, hohe Prozente zu erzielen, sondern wirklich das Leben für die Menschen hier zu verbessern." Dafür wolle man nun Bündnispartner suchen.
Der Regierungswille ist bei der Linken da, das betont nicht nur Eralp, sondern auch die Bundesparteispitze an diesem Abend. "Wir wissen natürlich, dass viele Sachen nicht von heute auf morgen machbar sind", sagte auch Schirmer. "Doch wir müssen jetzt ins Machen kommen." Und das wiederum ist gar nicht so leicht, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Denn das höchste Ergebnis der Linken in Berlin stellt die Partei, bei aller Freude, auch vor große Herausforderungen:
Herausforderung 1: Die Koalitionsfrage
Die erste und offensichtlichste ist die Koalitionsbildung. Den Linken bleibt angesichts des Ergebnisses nur, ein Dreierbündnis mit Grünen und SPD anzustreben. Mit der AfD ist eine Zusammenarbeit ohnehin ausgeschlossen, mit der CDU de facto auch, und auch die Linke und das BSW, das es knapp ins Parlament schaffen könnte, trennt mittlerweile mehr, als sie gemeinsam haben – insbesondere, seitdem das BSW Angebote an die AfD macht.
Doch auch wenn es mit Grünen und SPD viele Überschneidungen gibt – einfach wird ein solches Linksbündnis nicht. Nach mehreren Antisemitismus-Vorfällen, etwa im Neuköllner Bezirksverband, blicken auch bei Grünen und SPD einige argwöhnisch auf eine Zusammenarbeit. Der Zentralrat der Juden rief die Parteien noch am Wahlabend dazu auf, nicht mit der Linken zusammenzuarbeiten.
Und das ist nicht die einzige Hürde. Die Linke hat ihren Wahlkampf auf die Enteignung von Wohnraum ausgerichtet – eine Forderung, die SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach entschieden ablehnt. Eine Parteieigenheit der Linken ist zudem, dass Kompromisse von einem Teil der Mitglieder misstrauisch beäugt und von einigen gar als Verrat an den eigenen Idealen betrachtet werden. Jeder Kompromiss muss also wohlüberlegt sein und darf die Komfortzone der Partei nicht allzu sehr verletzen. Doch Zugeständnisse und eigene Schwerpunkte werden SPD und Grüne verlangen. Offen bleibt, ob dieser Balanceakt gelingt.
Herausforderung 2: Die eigenen Mitglieder
Vorbei an ihrer Basis kann die Partei ohnehin nicht entscheiden, sie hat sich selbst für den weiteren Prozess nach der Wahl hohe Hürden gesetzt. So will die Partei zunächst auf einem Sondierungsparteitag entscheiden, ob sie überhaupt Gespräche mit anderen Parteien aufnimmt. Falls ein Koalitionsvertrag zustande kommt, wird er der Basis zur Abstimmung vorgelegt. Zwar betont Eralp, dass die Basis in solchen Fragen bislang immer der Parteispitze gefolgt sei und sie sich keine Sorgen mache, doch läuft innerhalb der Linken und ihrer Vorfeldorganisationen längst eine Kampagne dagegen.
Entzündet hat sich das an der scharfen Kritik Eralps an dem Auftritt des Rappers Dahabflex auf einer Veranstaltung der Neuköllner Linken. Dahabflex hatte in einem Song zur Intifada aufgerufen und "Death to the IDF" gerufen, "Tod dem israelischen Militär". Eralp hatte sich daraufhin scharf distanziert. t-online sagte sie vor der Wahl, der Parteivorstand habe per einstimmigem Beschluss den Auftritt als Fehler bezeichnet.
Dennoch stellten sich führende Mitglieder des Neuköllner Verbands hinter den Rapper. Aus diesem Kreis wird nun auch die Frage wieder lauter gestellt, ob man überhaupt regieren sollte. So schrieb etwa die Neuköllner Direktkandidatin Vedi Emde auf Instagram: "Lieber richtig in die Opposition als falsch in die Regierung."
Herausforderung 3: Das schnelle Wachstum der Partei
Schon die letzten Monate waren eine Kraftanstrengung: Die Mitgliederzahl der Linken hat sich in den vergangenen drei Jahren fast verdreifacht. Hatte sie in Berlin noch 2023 gerade einmal etwas mehr als 7.000 Mitglieder, sind es nun mehr als 19.000 Mitglieder. Die Linke ist damit in diesem Jahr zur größten Partei in der Hauptstadt geworden. Alleine nach dem Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt traten ihr noch mal 350 Menschen bei.
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Das hat der Linken natürlich Kraft für den Wahlkampf beschert, viele der Neumitglieder waren besonders motiviert, haben an Türen geklingelt, Infostände betreut, Flyer verteilt, Wahlveranstaltungen durchgeführt. Doch sie müssen auch enger betreut, Strukturen müssen weiter aufgebaut werden. Zudem ist das Verständnis für parlamentarische Prozesse bei vielen Neumitgliedern nicht ausgeprägt.
Dazu kommt, dass die Partei auch ihr Engagement in Form von Mieter- und Sozialberatungen und Haustürgesprächen nach der Wahl aufrechterhalten will – trotz Regierungsbeteiligung, die schon einen großen Teil der Ressourcen binden wird. Angesichts des großen Missverhältnisses zwischen erfahrenen Mitgliedern und Neumitgliedern wird das für die Partei nicht einfach. Doch es geht für sie um mehr, als nur die Mitglieder zu halten. Viele, gerade junge Wähler, haben der Partei ihre Stimme gegeben, weil sie sie für besonders authentisch und integer in ihren Versprechen und ihrer Haltung empfinden. Schafft die Partei es nicht, diesen Eindruck aufrechtzuerhalten, könnte der Erfolg von kurzer Dauer sein.
