"Macbeth" an der Spielkonsole – Volkstheater eröffnet mit Gaming
Premierenbericht
"Macbeth" an der Spielkonsole – Volkstheater eröffnet mit Gaming
Rieke Süßkow reduziert das Shakespeare-Drama auf ein Computerspiel, das in die Realität übergreift – eine Puppenspiel-Miniatur für die Millennials?
Margarete Affenzeller
Computerspiel-Gamer, die dann im echten Leben als Drohnenpiloten arbeiten? In den aktuell Krieg führenden Staaten gibt es sie, wie auch der STANDARD berichtet hat. Sowohl in den USA wie auch in Russland ist Gaming beim Militär ein Rekrutierungsfaktor geworden. Im gezielten Töten mit Joy-Stick treffen Spaß und Kriegsrealität fatal zusammen. Auf diesen Konnex zielt jetzt Rieke Süßkows aktuelle Macbeth-Inszenierung am Volkstheater ab. Zum Saisonauftakt stellt die Hausregisseurin das schottische Königsdrama von 1611 als blutige Gamer-Tragödie vor. Nach etwas mehr als einer Stunde applaudierte das Publikum zufrieden.
Dabei übersetzt Süßkow (Geschichten aus dem Wiener Wald) die digitale Ästhetik einer Bildschirmoberfläche mit Puppen- und Objekttheater in eine analoge Bühnenwelt. Links und rechts von diesem 'analogen Bildschirm' sitzen am vorderen Bühnenrand die beiden Spieler an ihren Konsolen, Lady Macbeth (Caroline Reinke) und General Macbeth (Nicolas Frederick Djuren), die Shakespeare hier via Knopfdruck in Betrieb nehmen. Dieser Macbeth fußt auf der deutschen Übersetzung von Thomas Brasch, wobei davon nur wenige Original-Verse gebraucht werden. Das Spiel ist ein Eliminierungsspiel und folglich aktionsfokussiert. Ziel ist es, die Macht an sich zu reißen und nach König Duncan auch alle anderen Widersacher zu töten, inklusive Kinder. Und am Ende am besten auch die Geister, die man rief.
Macbeth drückt "Fortfahren"
Bühnenbildnerin Mirjam Stängl hat den an Playmobilfiguren erinnernden Avatar-Puppen-Schauspielern auf schwarzen Kulissen Platz gemacht. In Ruheposition wabern diese Figuren. Aktiv gestellt, imitieren sie mit kantigen Bewegungen eine Screen-Optik mit jeweiligen Spieloptionen. Gleich zu Beginn heißt es "Warnhinweis: Nicht jede Belohnung ist ein Segen". Doch das Macbeth-Duo drückt ständig "Fortfahren". Musik von Max Windisch-Spoerk verstärkt die Atmosphäre der Spiellevels.
Lady Macbeth (Reinke) ist eine Drohnenpilotin, die auch privat am Computer gern abfeuert. Sie sitzt in ihrem Military-Outfit (Kostüme und Puppengestaltung: Sabrina Bosshard) vor ihrem Rechner und motiviert ihren Mitspieler am anderen Bühnenende zu den Tötungen. Sie weißt, dass es Überwindung kostet, dass es aber dennoch geht. Der anfangs zögerliche Macbeth-Gamer (Duren) wiederum ist ein einsamer Nerd, in dessen fadem Zimmer Herr-der-Ringe-Plakate hängen und dem das klickweise Töten schwer fällt. Seine moralischen Bedenken verkehren sich mit wachsendem Spielerfolg aber ins Gegenteil – Erfolg macht eben süchtig. Sein anfangs neugierig-gemütliches Gesicht, das groß auf den Bildschirm projiziert wird, steht am Ende vor Aggression rotglühend unter Strom.
"Neues Story Event"
Die Bühne vulgo Interface springt auf immer neue Spielstufen ("Neues Story Event") und somit zu neuen Begegnungen Macbeths (als Avatar: Thomas Halle mit rotem Bart), etwa mit Macduff (Aleksandra Ćorović), mit Banquo (Gregor Schuster) oder mit Lennox und Lady Macduff (beide: Christian Pfütze) und natürlich auf die weissagenden Hexen (Katharina Kummer u.a.); den Avatar von Lady Macbeth verkörpert Carolin Wege. Die blutrünstigen Szenen, in denen das Blut nur so aus den mit dem Schwert malträtierten Figurenbäuchen sprudelt, könnten auch von Christoph Bochdansky stammen. Auch ein Geist von Schubert-Theater, das sich seinerseits mit der Verquickung von Puppentheater und Digitalität beschäftigt hat, durchzieht den Abend.
Irgendwann wird in diesem mörderischen Prozess die Trennwand zwischen Spiel und Realität durchlässig. Und dann steht Macduff, der entscheidende Gegenspieler Macbeths, plötzlich in dessen Zimmer, wo dieser eigentlich nur der Popkultur frönen wollte. Blutspuren geraten wie von Zauberhand auf sein Gesicht.
Dieser Macbeth ist sprachlich bis auf die Grundmauern abgebrannt, und das liegt in der Natur der Sache. Seine Faszination liegt in der Computerspielidee, in der analogen Nachbildung einer digitalen Welt mittels Schauspielpuppen und Schattenbildern – Steckenpferd-Szenen und Schlachtgetümmel inklusive. Die Wahl der Waffen, die der Titelheld anfangs zwischen Dolch, Axt oder Schwert zu treffen hat, mag keine tiefschürfende Überlegung sein, sie anzusehen bereitet aber doch ein kurzes Vergnügen. (Margarete Affenzeller, 11.9.2026)
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