Marc Kosicke über Jürgen Klopp: „Steine drehen wir alle gemeinsam um“
Stand: 31.08.2026, 13:50 Uhr
Klopp-Berater Marc Kosicke spricht im Interview mit Absolut Fussball über seine tiefe Freundschaft zum Bundestrainer und seine Zusammenarbeit mit dem DFB.
Frankfurt am Main – Ein Konferenzraum im ersten Stock mit Blick auf die Trainingsplätze am DFB-Campus: Marc Kosicke knabbert noch ein Stück Schokolade mit Kaffeegeschmack und trinkt dazu ein Mineralwasser. Im fast einstündigen Interview mit Absolut Fussball erklärt der 55-Jährige seine neue Rolle an der Seite von Bundestrainer Jürgen Klopp beim Deutschen Fußball-Bund.

Herr Kosicke, Jürgen Klopp hat Sie als Co-Trainer Strategie, Entwicklung und Innovationen vorgestellt. Co-Trainer sitzen eigentlich mit auf der Ersatzbank. Werden Sie das tun?
Nein, da gehöre ich nicht hin. Jürgen hat mir augenzwinkernd die Bezeichnung AAF gegeben: Alles außer Fußball. Ich werde mich also nicht ins Standardtraining einmischen. Meine Aufgabe besteht vielmehr darin, für Jürgen und sein Trainerteam die bestmöglichen Rahmenbedingungen zu schaffen. Mir ist mein Titel dabei im Grunde wurscht.
Warum gab es, wie es DFB-Präsident Bernd Neuendorf formuliert hat, Jürgen Klopp und Sie nur „im Paket“?
Vor zwei Jahren hat Jürgen zu mir gesagt: „Marc, die Zukunft nach Liverpool gehen wir zusammen an. Ich möchte, dass du so viel wie möglich an meiner Seite bist.“ Und da wir uns miteinander sehr wohl fühlen, nicht nur freundschaftlich, sondern auch beruflich, war klar, dass ich auch bei seinem nächsten Schritt dabei sein werde.
Warum sind Sie nicht einfach Jürgen Klopps Berater, sondern in Diensten des DFB, wenn auch nicht mit Anstellungsvertrag?
Jürgen soll in allen Bereichen die beste Unterstützung für den Job des Bundestrainers bekommen. Damit am Ende das Beste für die Nationalmannschaft und den DFB herauskommt. Dem DFB ging es vor allem auch um eine unabhängige Perspektive. Deshalb haben wir uns für die externe Beratertätigkeit entschieden, ähnlich wie in Liverpool auch.
Waren Sie in den knapp neun Jahren Liverpool auch nah an Jürgen Klopp?
Ich habe dort den Staff mit aufgebaut und war im Schnitt einmal im Monat eine Woche lang vor Ort. Jetzt werde ich noch enger an Jürgen und seinem Trainerteam dran sein, weil wir beide unseren Lebensmittelpunkt in Deutschland haben.
Sie waren bis vor zehn Jahren Partner von Oliver Bierhoff in der Agentur „Projekt b“. Kann man jetzt Ihren Job beim DFB mit dem vergleichen, was Bierhoff als DFB-Geschäftsführer und Teammanager jahrelang getan hat?
Oliver und ich haben uns 2017 getrennt, weil er nicht nur Manager der Nationalmannschaft blieb, sondern auch DFB-Präsidiumsmitglied und dann Geschäftsführer wurde. So umfangreich ist mein Aufgabenprofil hier nicht. Olivers Aufgabenbereich wurde nach seinem Abschied beim DFB auf mehrere Schultern verteilt.
Schleppen Sie für Jürgen Klopp weiterhin Werbeverträge an?
Nein. Ich kümmere mich nicht mehr um die Vermarktung von Jürgen, sondern habe eine Art Personalberaterstatus für ihn und die anderen DFB-Trainer. Eher einen Blick von außen auf die Nationalmannschaft, auf den Verband, auf Abläufe, auf die Markenidentität. Wenn jemand meine Expertise hier im Haus haben möchte, bekommt er sie.
In Ihrer ehemaligen Agentur sind Sie jetzt nicht mehr als Geschäftsführer tätig, aber noch Gesellschafter?
Das ist etwas komplexer. Meine originäre Agentur „Projekt b“ war die Trainer- und Sportdirektorenberatung. Es gab eine weitere Agentur, MJK, die die die Marketingrechte von Jürgen Klopp betreute. An einer dritten Agentur, in der wiederum Spieler beraten werden, war ich lediglich beteiligt. Hier habe ich aber nie operativ gearbeitet. Ich habe die Marketingagentur und die Spieleragentur dann an Sportfive verkauft. Darüber hinaus auch das gesamte Trainerbusiness aus der Projekt b GmbH, abgesehen vom sportlichen Mandat von Jürgen Klopp. Daraus ist „projectFIVE“ entstanden. Ich habe seit eineinhalb Jahren keine Anteile mehr an dieser Agentur. Die Ursprungsagentur „Projekt b“ gibt es immer noch. Aktuell ist meine einzige Tätigkeit die Geschäftsführung dieser Agentur. Dort beschäftige ich noch zwei Mitarbeiterinnen. Wir konzentrieren uns derzeit ausschließlich auf die Beratung des DFB.
Sie sind bekannt dafür geworden, sehr viele Trainer zu betreuen, unter anderem Bo Svensson und Florian Kohfeld. Um die kümmern Sie sich jetzt gar nicht mehr?
Die Trainer habe ich schon seit Längerem nicht mehr intensiv persönlich betreut, weil ja geplant war, dass ich mich dort zurückziehe. Dafür gibt es ein gut aufgestelltes Team. Mein letzter Vertrag war tatsächlich noch der mit Bo Svensson zum FC Kopenhagen. Wenn mich einer der Trainer anruft und um einen freundschaftlichen Rat bittet, gebe ich den natürlich. Dafür kennen wir uns schon so lange. Aber ich habe kein finanzielles Interesse mehr an der Vermittlung von Trainern.
Kannten Sie den DFB-Campus schon?
Nein, ich war vorher nie hier. Der Campus ist ein wunderschöner Arbeitsplatz. Credits an Oliver Bierhoff, der dieses Haus des deutschen Fußballs federführend geplant hat.
Welchen Eindruck haben Sie vom DFB gewonnen?
Die Menschen, die ich bislang kennengelernt habe, sind unglaublich committet. Es gibt ja dieses Vorurteil, so ein Verband sei verstaubt. Stimmt nicht, es gibt so viele junge, dynamische Mitarbeitende. Hier herrscht eine echt gute Atmosphäre. Und ich glaube, dass die Stimmung sogar noch besser wird, weil Jürgen jemand ist, der auch über die Nationalmannschaft hinaus eine positive Atmosphäre schaffen und Menschen auf einem gemeinsamen Weg mitnehmen kann.
Im beliebten Podcast „Zeigler & Köster“ stellt 11-Freunde-Chefredakteur Philipp Köster die Gegenthese auf, dass es beim DFB jetzt sicher „ganz schön scheppern wird“, weil neben Klopp jetzt auch der Kosicke da ist. Hat Köster recht?
Ich habe nicht das Gefühl, dass es scheppert. Ich bin eher leise in dem, was ich tue und setze generell auf Zusammenarbeit. Deshalb wird es wahrscheinlich auch in Zukunft nicht scheppern.
Köster glaubt auch, dass sich die Hierarchie im DFB komplett verschieben wird. Die Machtzentrale würde jetzt das Duo Klopp-Kosicke bilden. Klingt nachvollziehbar. Ist das auch aus Ihrer Sicht realistisch?
Dass der Bundestrainer einen großen Einfluss im Verband hat, war ja schon immer so. Das ist dem Amt geschuldet und muss auch so sein, um erfolgreich zu sein. Ich mag es nicht, in Größenordnungen von Macht zu denken. Ich bin außerdem Berater und kein Entscheidungsträger. Meine Rolle ist es, Perspektiven aufzuzeigen, Impulse zu geben und durch Argumente zu überzeugen. Was daraus gemacht wird, entscheiden andere.
Uli Hoeneß sprach kürzlich von einem „friendly takeover“, von einer freundlichen Übernahme also. Er halte das für falsch.
Es geht nicht um eine Übernahme, es geht einfach darum, die richtigen Dinge zu tun. Dass wir gemeinsam mit den Menschen, die hier arbeiten und denen der Fußball am Herzen liegt, das Optimale für die Nationalmannschaft und den deutschen Fußball herausholen. Immer in einer demokratischen Diskussionskultur.
Klingt so, als ob das Duo Klopp/Kosicke nicht in den DFB kommt, um wie eine Unternehmensberatung jeden Stein umzudrehen. War das falsch verstanden?
Die Steine drehen wir alle gemeinsam um. Das machen nicht nur Jürgen und sein Trainerteam, das macht jeder, der schon da ist. Es gibt keinen Grund, hier vieles in die Tonne zu kloppen. Besser ist es, zuzuhören, sich alles anzuschauen und zu überlegen: Ist es gut oder geht es noch besser? Wenn es gut ist, lassen wir es auch so.
Wo ist hier eigentlich Ihr Büro?
Das gibt es nicht. Wenn ich am Campus bin, suche ich mir auch einen Platz in der Büroinsel. Denn ich ziehe es vor, mit anderen zusammenzusitzen, mich auszutauschen. Das habe ich schon in der Agentur so gemacht. Ich möchte, dass die Leute wissen, wie ich‘s mache und vielleicht ein Stück weit davon lernen. Und ich lerne von ihnen und erkenne: „Ach Mensch, so geht‘s auch.“
Wir hatten Sie hinter einem großen Schreibtisch vermutet!
Den hatte ich sogar mal, inklusive Vorzimmer. 2003 bin ich kurz von Nike zu Coca-Cola gegangen. Es gab ein riesiges Büro in der Berliner Friedrichstraße. Man durfte dort sogar noch rauchen – richtig klassisch mit Aschenbecher auf dem Schreibtisch. Das war nicht mein Ding. Ich fühlte mich dort einsam.
Zur Person
Marc Kosicke betreut seit zwei Jahrzehnten Jürgen Klopp. Bis 2020 kümmerte der gebürtige Bremer sich mit seiner Agentur unter anderem auch um Klopps Amtsvorgänger als Bundestrainer, Julian Nagelsmann.
Als Fußballer wurde Kosicke in der C-Jugend des Blumenthaler SV Bremer Meister vor Platzhirsch Werder. Ein Wechsel zu seinem Herzensklub kam auch deshalb nicht zustande, weil die Familie nach Kassel zog und der Mittelstürmer fortan beim KSV Baunatal spielte.
Bei einem Probetraining von Fortuna Köln als Kölner Sportstudent konnte er sich unter Trainer Hannes Linßen nicht aufdrängen. Größere Stärken lagen woanders. So hat der studierte Sportökonom hat die Erfindung des Bayern-Slogans „Mia san mia“ maßgeblich beeinflusst. Er arbeitete bereits in Führungspositionen für Adidas, Nike und Coca‑Cola. 2007 gründete er gemeinsam mit Oliver Bierhoff die Agentur „Projekt b“.
Für die deutschen Nationalspieler setzte er 2006 die freie Schuhwahl beim DFB durch, nachdem diese zuvor in Adidas-Schuhen hatten spielen müssen. Nicht durchsetzen konnte er sich bald darauf mit einem deutlich besser dotierten Ausrüsterangebot von Nike an den DFB. Der Verband blieb damals aus alter Verbundenheit lieber beim langjährigen deutschen Partner.
Seit 15. August ist Kosicke als Chefstratege im DFB-Trainerteam von Klopp. Der 55-Jährige hat drei Söhne und lebt mit seiner Frau, der Moderatorin Yvonne Ransbach, seit acht Jahren wieder in Kassel. Mittlerweile spielt er lieber Tennis als Fußball.
DFB-Präsident Bernd Neuendorf sagt, Sie hätten weitreichende Befugnisse und jeden Zugang im Verband. Wie ist das bisher angelaufen? Wühlen Sie sich durch Aktenberge?
Nein, tue ich nicht. Für mich und meine Ideen stehen die Türen beim DFB offen. Ich bin als Berater nicht an die Strukturen im Organigramm gebunden. Wer meinen Input möchte, bekommt ihn. Wenn nicht gerade Länderspiele stattfinden oder wir Vereine besuchen, wird auch Jürgen hier regelmäßig vor Ort sein. Er möchte viel Präsenz zeigen.
Sie und Klopp könnten sich sogar eine gemeinsame Männer-WG vorstellen. Kann man sagen, dass Sie allerbeste Freunde sind?
Ja. Wir kennen uns seit 20 Jahren. Jürgen hat schon früh gesagt: „You’re my brother from another mother.“ So fühlt es sich tatsächlich an.
Kann diese Freundschaft auch mal schlecht für die Geschäftsbeziehung sein?
Wir hatten auch schon mal eine schlimme Sollbruchstelle. Das ist lange her.
Erzählen Sie!
Der Henkel-Konzern hat mit Jürgen im weißen Oberhemd und Tapetenkleister in der Hand eine Werbung an einer Leiter geschaltet. Der Spot war unglaublich penetrant. Eines Abends rief er mich stinksauer an und rief wütend ins Telefon: „Die lachen alle über mich und diesen Spot. Sorge dafür, dass der wegkommt!“
Ist Ihnen das gelungen?
Ich habe meine komplette Provision dafür hergegeben, dass ein neuer Spot gedreht wird. Dabei brauchte ich die Provision damals dringender als jetzt (lacht).
Sie haben Klopp auch mal Gegenwind gegeben. Zum Beispiel, als er dem Eigentümer vom Liverpool FC etwas zu respektlos am Telefon begegnet ist!
Bei sehr erfolgreichen Menschen gibt es im Umfeld oft nur noch wenige Leute, die sich trauen, ihre Meinung zu sagen. Aber natürlich warte ich mitunter auch ein wenig ab, wenn Jürgen gerade auf 180 ist.
Gab es von Ihnen ein Feedback, als Klopp noch vor dem ersten WM-Spiel im Aztekenstadion sagte, dass Julian Nagelsmann „noch“ Bundestrainer ist?
Ja, gab es. Ich habe ihm geschrieben.
Was denn?
Das „Noch“ war, diplomatisch formuliert, unglücklich. Aber um es zu rekapitulieren: Jürgen hat Thomas Müller entgegnet, „noch“ stelle Julian Nagelsmann die Mannschaft auf und nicht du, Thomas! Das „Noch“ hat Müller geistesgegenwärtig aufgenommen.
Er entgegnete: „Kloppo, wir haben Juni. Du bist schon im September.“
Ja, und dann nahm das Desaster seinen Lauf. Jürgen wollte bestimmt nicht Julian kritisieren oder ihm seinerzeit schon mal klarmachen, dass er als Bundestrainer mit den Hufen scharrt.
Dann kam die Vorstellungs-Pressekonferenz, in der Klopp die Medien erstaunlich scharf kritisierte. War das so geplant?
Ich glaube, die Reihenfolge war unglücklich. Er hat dann ja auch gesagt: „Wir brauchen euch Journalisten, um den Stimmungsumschwung zu schaffen.“ Hätte Jürgen das zuerst formuliert und erst dann gesagt: „Aber eins, liebe Leute, merkt euch bitte: Meine Familie lasst ihr bitte in Ruhe, sonst bin ich weg.“ Dann wäre das gar nicht so wild gewesen. Er hat das im Nachgang geradegerückt.
Klopp erwähnte die englische Boulevardpresse. Was war los in Liverpool am Ende?
Nachdem er aufgehört hatte, hat das Interesse an seinem Privatleben immens zugenommen. Eine Drohne flog sogar über sein Gelände auf Mallorca. Darauf hat er gar keinen Bock.
Nachvollziehbar. Können Sie auch nachvollziehen, dass Klopps Job bei Red Bull in Teilen der deutschen Öffentlichkeit sehr kritisch gesehen wurde?
Wir hatten es ähnlich erwartet. Jürgen war eine Projektionsfläche für absolute Fußballromantik. Rein faktisch betrachtet hat er aber zuvor schon bei einem börsennotierten Unternehmen in Dortmund gearbeitet, dann bei einem Eigentümer geführten Unternehmen in Liverpool. Beides Klubs mit vielen leidenschaftlichen Fans und einer großen Historie.
Ganz im Gegensatz zu den Red Bull-Klubs!
Ich habe vorher mit Mike Gordon, dem Eigentümer von Liverpool FC, gesprochen und ihn gefragt: „Mike, wie siehst du das? Jürgen kann diesen Job bei Red Bull übernehmen.“ Er entgegnete: „Yes, great. Red Bull im Sport ist mega!“
Das sieht man hierzulande allerdings vor allem wegen RB Leipzig nicht durchweg so, Herr Kosicke!
Wir waren uns schon bewusst, dass diesen Schritt nicht alle super finden. Aber das schmälert sicher nicht Jürgens Leistung in Mainz, Dortmund oder Liverpool.
Als das Magazin „11 Freunde“ nach Klopps Wechsel zu Red Bull titelte, das Engagement in Liverpool sei im Grunde „Fake“ gewesen, gab es Stress…
Das ging zu weit.

Wie haben Sie reagiert?
Ich habe Jürgen die Zeitschrift erst mal gar nicht gezeigt, weil ich wusste, das verletzt ihn tief, zumal er die „11 Freunde“ eigentlich immer mochte. Aber diese Situation haben wir uns gemerkt.
Was hat Klopp bei Red Bull noch dazugelernt, was ihm jetzt als Bundestrainer hilft?
Ganz neue Management-Skills. Er hat gelernt, seine Wochen auch mit Rücksicht auf die verschiedenen Zeitzonen der RB-Klubs von Japan bis Brasilien zu planen. Das größte Learning war: Jeder Trainer ist individuell. Du kannst das, was du selbst bist, nicht auf andere projizieren.
Warum hat es nicht so toll funktioniert mit Red Bull und Klopp?
Das ist jetzt ein sehr pauschales Urteil!
Es ist nur eine Frage, die sich auf einen Artikel der stets sehr gut informierten „Salzburger Nachrichten“ bezieht.
Wenn man Jürgens Historie kennt, weiß man: Erfolg braucht Zeit. Wir hatten bei Red Bull ja nur anderthalb Jahre. Wir haben die RB-Spielphilosophie weiterentwickelt. Es hätte im Change-Management noch ein bisschen gedauert. Als Jürgen bei Red Bull angefangen hat, hatte sich RB Leipzig nicht für die Champions League qualifiziert. Das hat also schon mal hingehauen.
Ist es nicht zu viel verlangt, dass er nicht nur den Fußball, sondern gleich das ganze Land verändert?
Niemand kann alleine ein Land verändern. Aber durch positive gemeinsame Erlebnisse und Ergebnisse mit der Nationalmannschaft kann sich die Stimmung drehen. Schön wäre es, wenn die Leute wieder stolz sein können auf ihre Nationalmannschaft. Das, finde ich, ist ein gutes Ziel. Gefühlt ist das Glas bei uns momentan eher immer halb leer.
Ist das auch die Stimmung, die Sie im DFB wahrnehmen?
Die Stimmung hier ist gut, aber die Enttäuschung nach der WM spüre ich auch. Wenn man für die Nationalmannschaft brennt, geht man da nicht gleich mit großem Lächeln zur Tagesordnung über.
Wird man Sie, um für gute Stimmung zu sorgen, auch mal bei Pressekonferenzen auf dem Podium erleben?
Ich glaube nicht. Da habe ich nichts zu suchen. Diese Bühne gehört den sportlichen Protagonisten.
Wie läuft die Zusammenarbeit mit Sportdirektor Völler?
Er hat Stärken, die sonst niemand hat. Rudi war mein Held, als er für Werder Bremen gespielt hat. Es ist eine große Ehre, mit ihm zusammenzuarbeiten. Ich glaube, er könnte auch Bundespräsident werden. Er hat im Fußball alles auf höchster Ebene erlebt. Wir alle können von seiner Erfahrung profitieren.
Am 1. Januar kommt Per Mertesacker dazu. Er ist dann der Chef von Jürgen Klopp?
Er ist dann Geschäftsführer Sport. Aber es geht nicht um Hierarchien, sondern darum, seine Stärken einzubringen. Ich sehe nicht, dass es da Probleme geben wird.
Vor 13 Jahren hatten Sie ein konkretes Angebot von Werder Bremen als Sportgeschäftsführer und Nachfolger von Klaus Allofs vorliegen. Warum haben Sie das abgelehnt?
Damals waren die Kinder noch sehr klein. Ich habe gesehen, was es bedeutet, wenn man in einer solchen Rolle sieben Tage die Woche unter dem Brennglas arbeiten muss. Und ich hatte seinerzeit schon ein gut laufendes Agenturbusiness. Mein Job war eigentlich damals, Werder Bremen einen Sportvorstand zu suchen.
Und dann hat der Verein plötzlich Sie am besten gefunden?
So ähnlich war es tatsächlich. Ich habe die Kandidaten vorgestellt, es gab eine Kaffeepause. Danach sagte Willi Lemke zu mir: „Wir haben uns entschieden. Du machst das!“
Ohne Fragezeichen?
Ja, da musste ich erstmal schlucken. Ich hatte als kleiner Junge davon geträumt, eines Tages als Profi im Weserstadion auflaufen zu dürfen. Dafür war ich leider nicht gut genug. Und dann bekomme ich das Angebot, den ganzen Klub mit anzuführen. Ich bin nicht maximal eitel, aber das hat meine Eitelkeit dann schon sehr gestreichelt. Ich konnte eigentlich gar nicht nein sagen.

Haben Sie aber trotzdem gemacht nach einiger Bedenkzeit.
Ich habe vier Wochen lang mit mir gerungen. Jürgen hat natürlich gesagt, dass ich das Angebot von Werder ablehnen soll. Er wollte mich weiter an seiner Seite haben. Meine Frau hat gesagt: „Mach es, wenn es dein Lebenstraum ist!“
Und dann?
Hat Jürgen eines Abends bei uns angerufen und hatte Michael Zorc mit am Telefon.
Den damaligen BVB-Sportchef?
Genau. Zorc hat dann mit meiner Frau gesprochen und ihr berichtet, dass er die komplette Kindheit und Jugend seiner Kinder verpasst hat. Danach ist meine Frau umgeschwenkt. Ich fand ohnehin, dass Frank Baumann den Job besser machen würde als ich. Ich fühlte mich nicht berufen, Thomas Schaaf zu sagen, welche Spieler wir holen sollten. Das ist nicht mein Fachgebiet.