Ohne Partei, mit Erfolg: Mario Fehr kandidiert für fünfte Amtszeit

Mario Fehr sieht eine Chance für sich und tritt erneut an. Ganz ohne Partei im Rücken – warum auch, wenn man keine braucht?

Die Popularität des Zürcher Regierungsrats ist seit seinem Austritt aus der SP noch gestiegen. Weil er sich konsequent an sein eigenes Erfolgsrezept hält.

18.09.2026, 14.02 Uhr

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Mario Fehr am Freitag in der Ahnengalerie der Zürcher Regierung, nachdem er dort über seine Zukunft informiert hat.

Mario Fehr am Freitag in der Ahnengalerie der Zürcher Regierung, nachdem er dort über seine Zukunft informiert hat.

Michael Schmid / Keystone

Er hat sich auffallend lange Zeit gelassen für den Entscheid. Als Mario Fehr am Freitag endlich bekanntgibt, eine fünfte Amtszeit in der Zürcher Regierung anzustreben, zeigt sich, dass sein Warten einer Logik folgte.

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Die Ausgangslage ist inzwischen klar, weil gleich vier seiner sechs bisherigen Kolleginnen und Kollegen ihren Rückzug aus der Regierung angekündigt haben. Angesichts dieser Zäsur sieht Fehr für sich die Chance auf eine neue Rolle: als parteiunabhängiger Elder Statesman quasi, der ein rundum erneuertes Gremium zusammenhält. Es ist eine Mission. Ein guter Grund, um auch mit 68 Jahren noch einmal anzutreten, obwohl sich die Zürcher Regierung in letzter Zeit wiederholt dem Vorwurf der Überalterung ausgesetzt sah.

Fehr wagt also nochmals eine Kandidatur – ganz ohne Partei im Rücken. Er kann es sich leisten. 2023 hat er geschafft, was über dreissig Jahre niemandem gelungen war: als Parteiloser in den Regierungsrat gewählt zu werden. Und das nicht irgendwie, sondern mit dem besten Resultat aller Kandidaten. Zusätzlich spielt es Fehr in die Karten, dass im kommenden April neben ihm nur zwei Bisherige noch einmal antreten. Er tritt also gegen lauter Newcomer an. Alles andere als die Wiederwahl wäre eine riesige Überraschung.

Wie schafft es Fehr, so erfolgreich zu sein? Drei Punkte sind entscheidend: seine politische Positionierung, seine Kommunikationsstärke und seine Prominenz, die er sich in über vierzig Jahren Politik aufgebaut hat.

Fehr war jahrelang einer der bekanntesten SP-Politiker der Schweiz. Doch immer wieder eckte er in der eigenen Partei mit bürgerlichen Positionen an: Law and Order und eine restriktive Migrationspolitik sind die Stichworte. So verschärfte der Sicherheitsdirektor die Gangart gegen kriminelle Asylbewerber und schaffte jene konsequent aus, die sich illegal hier aufhielten. Er sprach sich für Verschärfungen des Jugendstrafrechts aus oder forderte immer wieder mehr Möglichkeiten für die Polizei, gerade auch im digitalen Raum. «Man kann nicht beides haben, absoluten Datenschutz und mehr Sicherheit», sagte er einst in der NZZ.

Da gehörte er noch dazu, auch wenn die Beziehung nie einfach war: Mario Fehr 2018 an einer Delegiertenversammlung der SP.

Da gehörte er noch dazu, auch wenn die Beziehung nie einfach war: Mario Fehr 2018 an einer Delegiertenversammlung der SP.

Christoph Ruckstuhl / NZZ

All das machte ihn zwar beliebt bei Bürgerlichen, kaum ein anderer Linker erhielt so viele Stimmen von SVP-Wählern wie er. Doch zugleich vergraulte er damit seine Parteikollegen.

Es kommt zu einem langwierigen Streit, auf dessen Höhepunkt 2015 die Jungsozialisten sogar Strafanzeige gegen ihn einreichen. Fehr ist erbost über diesen Affront. Man rauft sich zwar nochmals zusammen, denn auch die Partei weiss, dass sie von ihrem beliebten Regierungsrat profitiert. Doch der Graben zwischen ihm und der SP vertieft sich. Auch weil Fehr seine Linie in der Ausländerpolitik weiterverfolgt.

«Wenn das populistisch sein soll, bin ich gerne Populist»

Im Juni 2021 gibt er schliesslich vor den Medien seinen Parteiaustritt bekannt. Die SP sei nach links abgedriftet, sagte er. Ihm fehle der Rückhalt der Partei, es sei unumgänglich, einen Schlussstrich zu ziehen.

Die damalige SP-Co-Präsidentin Priska Seiler Graf könnte ihm nächstes Jahr im Regierungsrat wieder begegnen. Sie attestierte ihm damals, dass er im sozialen Bereich durchaus Gutes bewirkt habe. Insgesamt habe er aber seinen Spielraum zu wenig genutzt. Man habe nicht mehr gespürt, «dass er wirklich ein SP-Mann ist».

Das Zerwürfnis schadet Fehr nicht. In der Folge kann er seine politische Linie noch freier verfolgen. In den letzten Jahren hat er geradezu lustvoll die Asylpolitik von SP-Bundesrat Beat Jans kritisiert oder sich mit den linken Parteien im Kantonsrat angelegt.

Die Linken werfen ihm Populismus vor. Er nimmt es gelassen. In einem Interview mit der NZZ sagt er einmal: «Es ist doch gut, wenn ein demokratisch gewählter Politiker auch auf das Volk hört und Gesetze im Sinne der Bevölkerung umsetzt. Wenn das populistisch sein soll, bin ich gerne Populist.»

Für ihn sind es die Resultate bei Wahlen und Abstimmungen, die zählen. Und die geben ihm recht.

Seine Beliebtheit verdankt er auch seinem Auftritt. Und Gelegenheiten für Auftritte lässt er kaum aus. Wenn das «Götti-Bataillon» gerade im WK ist, wenn nach einem Unwetter irgendwo Sandsäcke von freiwilligen Helfern abgefüllt werden oder es in der Provinz eine Sportanlage einzuweihen gilt: Fehr ist da. Und er hält dann nicht nur eine launige Rede, sondern er geht auf die Leute zu, auf Hinz und Kunz. Für jede Situation hat er einen lustigen Spruch, die passende Anekdote parat. Der Regierungsrat gibt den Leuten mühelos das Gefühl, einer von ihnen zu sein.

Einer von unzähligen Anlässen, an denen sich Mario Fehr unters Volk mischt: Bewegungsübungen an den «Active City Days» in Dietikon.

Einer von unzähligen Anlässen, an denen sich Mario Fehr unters Volk mischt: Bewegungsübungen an den «Active City Days» in Dietikon.

Sandra Ardizzone / CH Media

Seine Kommunikationsstärke spielt er nicht nur bei solchen Auftritten aus, sondern auch im Umgang mit Politikern und Journalisten. Dabei kann er charmant sein, aber nicht nur. Seine Anrufe sind gefürchtet. Fehr kann penetrant werden, drohend gar. Aber meistens erreicht er damit seine Ziele. Seine Geschäfte bekommt er im Kantonsrat durch, seine Themen platziert er geschickt in den Medien.

Fehr weiss genau, was er tut. Er ist gestählt von jahrzehntelanger politischer Arbeit. Er hat noch die klassische Ochsentour absolviert. 1982 kandidiert er als Parteiloser auf der Liste des Landesrings der Unabhängigen (LdU) für den Adliswiler Gemeinderat. Gewählt wird er nicht. Er tritt danach der SP bei und schafft vier Jahre später den Sprung ins Adliswiler Parlament. Es folgen die Wahlen in den Kantonsrat und ins Adliswiler Stadtparlament. Schon damals ist der Jurist ein Linker mit klar bürgerlichem Einschlag. 1999 gelingt ihm schliesslich der Sprung in den Nationalrat.

Damals in den nuller Jahren ist Fehr auf allen Kanälen: Er liefert knackige Zitate für News-Storys von «20 Minuten», spielt Fussball in einer Reality-Show des Schweizer Fernsehens oder duelliert sich mit anderen Politikern auf Tele Züri, wo er Stammgast ist. Er ist in die Liga der nationalen Politprominenz aufgestiegen und ist gleichzeitig weiterhin an jeder Standaktion der SP anzutreffen. Das und seine Position auf dem rechten Flügel der Partei machen ihn zum perfekten Regierungsratskandidaten. 2011 wird er gewählt und lässt alle amtierenden Regierungsräte hinter sich: Der Neue erzielt gleich das beste Resultat.

Sechzehn Jahre später will Mario Fehr wieder antreten. Politik ist sein Leben. Kein Wunder, fällt es ihm so schwer, sein Amt loszulassen.

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