Mark Benecke zu Cold Cases in Hamm: „Das Unvernünftigste, was ein Täter machen kann“
Stand: 11.09.2026, 08:30 Uhr
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Kriminalist Mark Benecke spricht über zwei ungelöste Mordfälle aus Hamm und Ermittlungen im KI‑Zeitalter. Am Wochenende tritt er im Maxipark auf.
Hamm – Warum faszinieren uns scheinbar unmögliche Verbrechen und was können Spuren selbst noch Jahrzehnte später verraten? Anlässlich seiner Veranstaltung „Mord im geschlossenen Raum“ im Maxipark spricht der Kriminalist Mark Benecke im Interview mit Marion Gay über zwei Hammer Cold Cases, psychologische Auffälligkeiten und den Wettlauf zwischen Polizei und Kriminellen im Zeitalter der KI.

Zum Thema deiner Veranstaltung im Maxipark: Was fasziniert uns so sehr an einem Verbrechen im geschlossenen Raum?
In der Kriminalistik ist das so eine besonders einnehmende Vorstellung: Das, was ans Übersinnliche, magisch Unverständliche grenzt, wird auf einmal durch technische Methoden und Vernunft und das Ausschlussverfahren und dergleichen gelöst. Das gibt es schon bei Sherlock Holmes. Ich glaube, es ist geschichtlich so entstanden, dass es so interessant wurde, weil sofort jeder eine Meinung dazu hat und sagt: Okay, im geschlossenen Raum, wenn da keiner war, dann kann auch nichts passiert sein. Das macht es dann vielleicht besonders herausfordernd und interessant, das spurenkundlich zu bearbeiten, wenn dann doch einmal etwas darin passiert.
Das erinnert an den Fall Elisabeth Becker. Sie wurde 1981 in ihrer Wohnung in der Ostenallee getötet. Könnten da theoretisch noch verwertbare Spuren vorhanden sein?
Grundsätzlich halten sich viele Spuren lange. Also Haare oder Blut, eigentlich auch Hautzellen. Wenn die irgendwo rumliegen, ich sag mal hinter einer Teppichleiste, unter einem Teppich, unter einer Tapetenschicht oder so, die kannst du eigentlich auch 45 Jahre später noch auf Erbgut untersuchen.
Welche Bedeutung hat es für die Identifizierung und die weiteren Ermittlungen, dass Elisabeth Beckers Kopf nie gefunden wurde?
Wenn du Vergleichserbgut hast, ist das egal, ob du den Kopf hast oder nicht. Es reicht auch, wenn du Verwandte vergleichst. In dem Fall jetzt ist es eher eine kriminalistische Spur, dass derjenige da den Kopf mitnimmt. Das ist ja das Unvernünftigste, was du machen kannst als Täter oder Täterin. Das erzeugt massenhaft Spuren. Es kostet Zeit, in der man entdeckt werden könnte. Hat er oder sie irgendein Interesse an dem Kopf gehabt?
Bei einem zweiten Cold Case in Hamm, dem Fall Monika, wurden Leiche sowie später Jacke und Handtasche des Opfers an weit voneinander entfernten Orten gefunden. Ist ein solcher Fall unter freiem Himmel schwieriger zu untersuchen als ein Tatort im geschlossenen Raum?
Spurenkundlich ist es zunächst mal egal. Ich gucke: Sind da Spuren oder sind da keine Spuren? Welche Spuren sind das? Haben wir Vergleichsspuren? Nimm jeden Fall genau gleich ernst und lass dich von nichts beeinflussen, vor allen Dingen nicht von deiner eigenen Einstellung. Die Spuren sind interessant. So, das ist die Lehre daraus.
Polizeilich ist es so, dass du natürlich, je unübersichtlicher die Sache ist, umso mehr Zeit verlierst, weil du die Entscheidung treffen musst: In welche Richtung ermitteln wir jetzt? Wenn das eine falsche Richtung war, hast du Zeit verloren. Oder der Regen kann im Freien das Blut wegwaschen. Im geschlossenen Raum ist das Problem, dass alle sagen: Wer soll es denn sonst gewesen sein? Raum ist geschlossen, einer lebt, einer ist tot.
Welche Bedeutung haben psychologische Aspekte bei einer so ungewöhnlichen Handlung neben den kriminalistischen Spuren?
Die Psychologie kann auch knallhart sein. Bei dem Kopf von Elisabeth Becker, den der Täter oder die Täterin mitgenommen hat: Das ist eine absolut ungewöhnliche Handlung, und das muss man ernst nehmen. War das eine Person mit einer psychischen Krankheit wie einer Psychose? War es eine Person, die aus einem kriminellen Umfeld kommt und dachte, sie könnte dadurch Spuren verwischen? Das würde man polizeilich, psychologisch oder verhaltenskundlich dringend mit einbeziehen in die Untersuchung.
Wie verändert KI die Kriminalistik? Wer profitiert stärker davon: die Polizei oder Kriminelle?
Die Kriminellen benutzen ja auch KI. Es wird ein neues Schloss gebaut. Dann gibt es einen neuen Trick, das Schloss aufzumachen. So geht das hin und her. Die Polizei hat unabhängig davon schon immer versucht, Massendaten anzuwenden. Mustererkennung, was KI ja sehr gut kann, machen wir also sowieso. Es geht halt jetzt nur viel schneller und rechnergestützt. Kurzfristig gesehen, wird das erst mal den organisierten Kriminellen einen Vorsprung geben. Langfristig ist es wieder so wie mit Schlüssel und Schloss und Huhn und Ei, dass das halt dieser ewige Tanz ist.
Was fällt dir zu Hamm ein?
Ich finde es gut, dass ausgerechnet die Stadt Hamm sich einen Elefanten ausgesucht hat als Motto. Das finde ich so ziemlich das schrägste Motto, was es in ganz Deutschland gibt.
Und: Alle unsere Lieder und Musikvideos sind mit der sehr guten Bianca Stücker aus Hamm zusammen entstanden. Deswegen bin ich öfter in Hamm und kenne die kultigen Ecken der Stadt. Für mich ist es meine Musikzentrale, auch für seltsame Instrumente und natürlich bei der Oriental Night. Hamm ist so ein vergessener Fleck in Europa, und trotzdem finden da die verrücktesten Sachen statt. Das ist irre.
Die Veranstaltung
„Mord im geschlossenen Raum“, Samstag, 12. September, 20 Uhr, Tickets (39,55 Euro) gibt es unter anderem über Eventim.de.