„Maximal respektlos“: DB-Durchsage enthüllt grundlegendes Problem in Deutschland
Stand: 21.09.2026, 08:15 Uhr
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Eine Durchsage der Deutschen Bahn zur Verspätung eines ICEs sorgt im Netz für Diskussionsstoff. Nicht die Verspätung ist das Problem, sondern die Begründung.
Frankfurt – Verspätungen bei der Deutschen Bahn sind für viele Fahrgäste Alltag. So erwischte es auch Volker Mall, Professor für Sozialpädiatrie, auf einer Fahrt mit dem ICE von Berlin nach München. Als der Zug an einem Bahnhof zum Stehen kommt, hört er eine für ihn entlarvende Durchsage. „Wir haben bereits 20 Minuten Verspätung. Jetzt werden wir noch einen Rollstuhl einladen. Unsere Fahrt wird sich nochmal verzögern“, zitiert er die DB-Durchsage auf Linkedin.

Der Post regte zur Debatte an. Auf Linkedin bezeichnet ein Nutzer die Ansage als „maximal respektlos“. Es sei einfacher, einer Person im Rollstuhl die Schuld zu geben, als an der fehlenden Barrierefreiheit zu arbeiten. Mall selbst setzt sich durch seine Arbeit für die gleichberechtigte Teilhabe von Kindern mit Behinderung im Alltag ein. Auf Nachfrage der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media erklärt er, die Durchsage habe ihn empört.
Professor kritisiert die DB-Durchsage: Betroffene reagieren auf Vorfall
Die Aussage und der ausgebliebene Aufschrei der anderen Fahrgäste hätten verdeutlicht, wie weit die Gesellschaft von einer inklusiven Haltung entfernt sei. Das Thema dürfe schon gar nicht mit einer Verspätung in Verbindung gebracht werden. Das sei „hochproblematisch, weil es dadurch mit etwas Negativem in Verbindung gesetzt wird“, sagt der Professor. Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, seien in solchen Momenten ohnehin „extrem exponiert“. Die Ansage habe das zusätzlich verschärft.
Die Frankfurter Rundschau hat die Geschichte von Mall bereits im Dezember 2025 aufgeschrieben. Seitdem wurde sie in den sozialen Medien und Foren diskutiert. Unter einem Reddit-Beitrag meldeten sich Betroffene und Begleitpersonen zu Wort und berichteten von ihren Erfahrungen beim Reisen. Ein Nutzer, der regelmäßig mit einer Rollstuhlfahrerin fährt, schildert: „Spontan geht eigentlich gar nichts, weil der Mobilitätsservice vorher gebucht werden muss.“ Bei einer Fahrt habe sich die Rampe nicht mehr einklappen lassen, der volle Zug habe warten müssen: „Wir konnten nichts dafür, aber in dem Moment fühlt man sich trotzdem so, als wäre man schuld an der Verspätung.“
Eine weitere Begleitperson hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Zum Vorfall von Mall schreibt sie: „Warum muss eigentlich erst ein Bahnangestellter dazukommen? Das ist doch ein Designfehler! Der Rollifahrer sollte alleine, oder mit der Begleitperson eigenständig ein- und aussteigen können.“ Auf Nachfrage der FR antwortete die Deutsche Bahn damals, dass Mitarbeitende regelmäßige Schulungen erfahren und im Umgang mit Reisenden mit Mobilitätseinschränkungen besonders sensibilisiert seien. Außerdem unternehme man „große Anstrengungen“, um Reisenden mit Mobilitätseinschränkungen eine selbstbestimmte Mobilität zu ermöglichen.
Dass die Kritik über einen Einzelfall hinausgeht, zeigt der Fall des Ehepaars Karin Cordes-Zabel und Frank Cordes. Cordes-Zabel sitzt selbst im Rollstuhl. Auf Instagram teilt sie mit ihrem Ehemann regelmäßig Reisevideos in den Zügen der Deutschen Bahn. „Ein ganz großes Problem ist die Kommunikation und Digitalisierung“, sagt Cordes der Frankfurter Rundschau. „Wenn Reservierungen und Anmeldungen nicht weitergeleitet werden oder verschwinden, kommt es vor, dass das Personal nicht da ist.“
Eine weitere Hürde bleibt oft unberücksichtigt: Verspätungen, Gleisänderungen oder Ausfälle sind für mobilitätseingeschränkte Menschen beim Bahnfahren oft mit großem Aufwand verbunden. „Für uns bedeutet ein Zugausfall, dass die ganze Logistik und Planung unserer Reise zusammenbricht“, sagt Cordes. Spontanes Umbuchen gestalte sich schwierig. In anderen Ländern sei es möglich, Plätze per App oder online zu reservieren – in Deutschland müsse man dafür die Mobilitätszentrale anrufen oder ins Reisezentrum gehen.
Das Problem liegt laut Volker Mall nicht nur bei der Bahn, sondern sei tief in der Gesellschaft verankert. Man habe „nicht gelernt“, mit Menschen mit Behinderung umzugehen. „Wir haben mit Menschen mit Beeinträchtigung in der Regel viel zu wenig zu tun – nicht im Kindergarten, nicht in der Grundschule und schon gar nicht im Gymnasium“, erklärt Mall. Deshalb brauche es eine „grundsätzliche gesellschaftliche Veränderung“ für die Akzeptanz von Verschiedenheit. Sein Appell: „Achtsamkeit und der Umgang miteinander müssen zu unserer DNA werden – ein Teil von uns, eine Selbstverständlichkeit.“ Das sei ein Schritt, den eine demokratische Gesellschaft gehen müsse. (Quelle: Linkedin, Reddit, eigene Recherche)