Russland benutzt Ukrainer als Schutzschild: Besetzter Stadt Oleschky droht Hungerkatastrophe

Menschen essen Unkraut: Hungerkatastrophe bahnt sich in russisch besetztem Dorf an

Stand: 30.09.2026, 14:11 Uhr

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Die Ukraine ist gezeichnet vom russischen Angriffskrieg. Besonders hart trifft es eine kleine Stadt – die Menschen leben ohne Strom, Gas und Nahrung.

Oleschky – Die ukrainischen Streitkräfte haben rund vier Tonnen Lebensmittel per Drohne in die russisch besetzte Stadt Oleschky in der Oblast Cherson geliefert. Wie die Kyiv Independent berichtet, wurden die Hilfsgüter Ende September an 100 Standorte in der Stadt verteilt. Die Aktion verdeutlicht die dramatische humanitäre Lage: Die verbliebenen Einwohner sind von der Außenwelt abgeschnitten und kämpfen ums Überleben.

Ukraine-Krieg - Oleschky

Die nach dem Staudammbruch überflutete Stadt Oleschky. © Uncredited/AP

Oleschky liegt wenige Kilometer südlich des Flusses Dnipro, der die Grenze zwischen russisch besetztem und ukrainisch kontrolliertem Gebiet markiert. Vor dem russischen Einmarsch 2022 hatte die Stadt rund 24.000 Einwohner. Heute sind es nach Angaben des ukrainischen Außenministeriums noch etwa 2000, darunter 180 Kinder. Seit der Sprengung des Kachowka-Staudamms im Juni 2023 ist die Stromversorgung zerstört, wie der Spiegel berichtet. Gas floss demnach zuletzt 2024 durch die Leitungen. Wasser schöpfen die Bewohner aus Brunnen. Die letzte Fahrzeug-Hilfslieferung erreichte die Stadt am 26. Mai 2026. Spätere Versuche am 2. Juni und 1. September scheiterten an russischen Drohnenangriffen – zwei Menschen kamen dabei ums Leben, berichtet die Kyiv Independent. Andernorts jagen russische Drohnen Zivilisten.

Drohende Katastrophe in Oleschky: Unkraut als letzte Nahrung

Wolodymyr Kostjan, 49, hat Oleschky im März 2026 verlassen. Gegenüber dem Spiegel schildert er, wie verzweifelt die Lage bereits vor seiner Flucht war. Er und andere Männer hätten verlassene Häuser nach vergessenen Konservendosen durchsucht. „So haben wir etwas Mehl gefunden“, sagt Kostjan. Inzwischen schlachten Einwohner ihre letzten Nutztiere, weil es kein Futter mehr gibt. In Telegram-Gruppen tauschen sie sich darüber aus, welche Unkrautarten ein Mensch verdauen kann und wie man sie zubereitet.

Dmytro Melnyk, 58, konnte vor rund zwei Wochen fliehen – 25 Kilometer zu Fuß, bei Tageslicht. „Nachts geht es nicht, weil man uns für vorrückende russische Soldaten hätte halten können“, sagt er dem Spiegel. Mariia Schewtschenko, 63, ist in Oleschky geblieben. Sie hat noch einige Konserven und einen Gemüsegarten, der bald abgeerntet sein wird. „Es gibt keine Hoffnung mehr“, sagt sie. „Ich will einfach, dass es bald vorbei ist.“

Russland blockiert Lieferungen von Hilfsgütern nach Oleschky – und bestraft Empfänger

Die Drohnenlieferungen laufen seit März 2026, doch Russland versucht, sie aktiv zu verhindern. Wie Kyiv Independent berichtet, schießen russische Kräfte die Lieferdrohnen ab, konfiszieren Hilfsgüter und verhaften Bewohner, die Pakete empfangen. Gouverneur Oleksandr Prokudin erklärte demnach: „Die Besatzer inhaftieren Einwohner von Oleschky für den Empfang humanitärer Hilfspakete, werfen sie ‚in den Keller‘, schlagen sie brutal und wenden Gewalt an.“

Gleichzeitig nutze Russland die verbliebenen Zivilpersonen als Schutzschild. „Oleschky und seine Menschen sind für die russischen Truppen notwendig, damit ukrainische Truppen sie in diesen Siedlungen nicht aktiv angreifen können“, sagte Oleksandr Tolokonnikow, stellvertretender Leiter der Militärverwaltung der Oblast Cherson, der Kiewer Zeitung. Kremlsprecher Dmitrij Peskow räumte gegenüber dem Spiegel zwar eine „kritische Lage“ ein, gab aber der Ukraine die Schuld: Der ukrainische Beschuss verhindere eine Versorgung der Stadt.

Internationale Appelle für Oleschky ohne Wirkung

Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha wandte sich diese Woche bei einer UN-Sitzung in New York direkt an internationale Diplomaten. „Wenn Sie nur eine Sache aus dieser Sitzung mitnehmen, erinnern Sie sich an Oleschky“, rief er ihnen zu. Er sprach von einer „Katastrophe“ und forderte einen humanitären Korridor.

Am 25. September 2026 warnte auch der Menschenrechtskommissar des Europarats, Michael O‘Flaherty, vor der sich verschlechternden Lage. Zivilisten, darunter Kinder, hätten keinen ausreichenden Zugang zu Nahrung, Medikamenten und sauberem Wasser. „Das Leid der Menschen entlang der Frontlinien und in besetzten Gebieten verlangt internationale Aufmerksamkeit und Handeln“, sagte O‘Flaherty.

Eine Einigung auf einen Evakuierungskorridor gibt es bisher nicht. Russland zeige laut dem ukrainischen Menschenrechts-Ombudsmann Dmytro Lubinets keine Bereitschaft dazu. Eine lokale Freiwillige trägt derweil die Namen der Toten in eine Tabelle ein – seit 2022 soll sie auf 1200 Einträge kommen, wie die BBC berichtet. (Quellen: Der Spiegel, Kyiv Independent, BBC) (ial)