Mikrobiologie: Entdeckungsreise durch den Alltag mit Prof. Helge Bode
Stand: 20.09.2026, 20:00 Uhr
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Prof. Helge Bode sprach in Langenhain über Bakterien und die Zukunft der Medizin.
„Heimspiel Wissenschaft“ heißt das Format, das Helge Bode nach Langenhain gebracht hat. Der Titel passt – und ist doch etwas zu klein für diesen Abend. Denn der Direktor am Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie in Marburg kommt nicht bloß als erfolgreicher Sohn des Dorfes zurück. Er bringt eine Frage mit, die weit über Langenhain hinausweist: „Was geschieht, wenn Antibiotika nicht mehr wirken? Und können ausgerechnet Bakterien helfen, neue Antworten zu finden?“
Das Bürgerhaus ist voll, zusätzliche Stühle müssen her. Vor Beginn hilft Helge Bode beim Aufstellen, begrüßt Bekannte und setzt den Ton: „Ich kann gerne geduzt werden. Ich duze euch auch.“ Anschließend macht er sein Thema buchstäblich begreifbar. Mit roten, gelben und grünen Karten darf der Saal über das Alter und die Verbreitung von Bakterien rätseln; unter einem Tuch warten Joghurt, Sauerteig, Waschmittel und Schokolade. So wird aus einem Vortrag über Mikrobiologie kein Fernsehlexikon, sondern eine kleine Entdeckungsreise durch den Alltag. „Löcher im Käse sind Pupse von Bakterien. Aber sie stinken nicht“, erklärt Herr Bode.
Dass der Vortrag in Langenhain stattfindet, ist mehr als hübsche Kulisse. Seine Eltern seien früh gestorben, erzählt Helge Bode; im Dorf habe er sich trotzdem aufgehoben gefühlt. Onkel Horst und Tante Leni sitzen im Publikum. Im Langenhainer Wald machte er damals ein Praktikum beim Förster. Der Berufswunsch erledigte sich aus einem sehr praktischen Grund: zu kalt. Bei den Tannenjägern war Helge Bode musikalisch aktiv, erhielt Instrumentalunterricht und spielte Trompete so gut, dass zeitweise sogar ein Musikstudium möglich schien. Es kam aber anders.
Nach Leuchtbergschule und OG führte Helge Bodes Weg über Göttingen, Braunschweig, Stanford und Saarbrücken an die Goethe-Universität Frankfurt, wo er die Molekulare Biotechnologie prägte. Seit 2020 leitet er am Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie in Marburg die Abteilung „Naturstoff-Funktion und Engineering“; außerdem ist er Professor für Chemische Biologie an der Philipps-Universität. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht die Frage, wie Mikroorganismen Naturstoffe herstellen – und wie sich diese Stoffe für neue Wirkstoffe nutzen und gezielt verändern lassen.
Dafür findet Helge Bode ein Bild, das hängen bleibt. Viele Wirkstoffe entstehen mithilfe riesiger Enzyme, sogenannter Megasynthasen. Sie arbeiten wie eine Autofabrik: An mehreren Stationen werden chemische Bauteile zusammengesetzt, bis ein komplexer Stoff entsteht. Tauscht man einzelne Stationen aus, verändert sich das Produkt. Forschende können diese biologischen Produktionswege entschlüsseln, umbauen und die entstandenen Varianten testen. Mit Methoden der Synthetischen Biologie lassen sich Stoffe anschließend weiterentwickeln oder effizienter herstellen.
Mikroorganismen seien nicht nur Krankheitserreger, sondern Produzenten zahlreicher Naturstoffe und unverzichtbarer Teil von Stoffkreisläufen und Lebensgemeinschaften. Aus ihrer chemischen Vielfalt könnten neue Wirkstoffkandidaten hervorgehen. Genau das wird dringend gebraucht. Helge Bode warnt vor antimikrobiellen Resistenzen. Der falsche und zu häufige Einsatz von Antibiotika in Medizin und Tierhaltung begünstige resistente Erreger. Infektionen, die heute behandelbar seien, könnten wieder lebensgefährlich werden. Die düsteren Prognosen für 2050 versteht Helge Bode deshalb nicht als Spiel mit Angstzahlen, sondern als Auftrag.
„Dem Anwenden muss das Erkennen vorausgehen“, zitiert Helge Bode Max Planck. In Langenhain bekommt der Satz eine doppelte Bedeutung: Wer morgen Medikamente braucht, muss heute Forschung ermöglichen. Und wer morgen Forschende braucht, muss jungen Menschen schon heute die Freiheit geben, neugierig zu sein – im Wald, mit einer Trompete oder im Labor.