Milliardenschwere Energiewende: Droht Deutschland die große Flaute?
Stand: 18.07.2026, 06:10 Uhr
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Die Energiewende in Deutschland stockt. Kritiker bemängeln den Fokus auf erneuerbare Energien und fordern eine ganzheitliche Strategie. Woran scheitert der Umbau?
Berlin – Fast 60 Prozent – so viel des deutschen Stromverbrauchs deckten im ersten Halbjahr 2026 laut Umweltbundesamt erneuerbare Energien. Bei der öffentlichen Nettostromerzeugung, also dem Strom, der nach Abzug des Eigenverbrauchs der Kraftwerke für die öffentliche Versorgung ins Netz fließt, lag ihr Anteil sogar bei 61,8 Prozent. Die deutsche Energiewende scheint einmal mehr auf Rekordkurs.
Hinkende Energiewende in Deutschland: Fehlende Speicher und Batterien schmälern Bilanz von Erneuerbaren
Doch die Zahlen legen tatsächlich nur einen kleinen Ausschnitt frei. Sie beziehen sich zunächst nur auf den Stromsektor, nicht auf den gesamten Energiebedarf von Verkehr, Wärme und Industrie. Im Gesamtbild – und das gehört auch zur Wahrheit – fällt die Bilanz etwas bescheidener aus. Diese Meinung vertreten zumindest die beiden Energieprofessoren Michael Beckmann und Mario Schenk. Im Interview mit der Welt am Sonntag rechnet Schenk, Professor für Hochspannungstechnik und Elektrische Anlagen an der BTU Cottbus-Senftenberg, vor, dass nur 21 Prozent des gesamten Energiebedarfs in Deutschland über Strom gedeckt werden.

Dadurch kämen Wind- und Sonnenenergie über alle Sektoren verteilt nur auf einen geringen Anteil von acht Prozent. Die These der Kritiker: Die vermeintliche Erfolgsstory ist kleiner, als die kursierenden Zahlen es vermuten lassen. Doch der Streit innerhalb des Energiesektors dreht sich nicht allein um die Statistiken. Entscheidend ist vielmehr, ob der erzeugte Strom auch tatsächlich effizient verteilt werden kann. Selbst Befürworter des schnelleren Ausbaus von Solar- und Windenergie wie Wolf-Peter Schill, Energieexperte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), räumen ein, dass Netze, Speicher und andere flexible Technologien zu langsam wachsen. Doch wie lässt sich diese Leerstelle im System beheben?
Frage nach Verlässlichkeit der erneuerbaren Energien: Was macht der Markt bei langen Flauten?
Der (ewige) Kernkonflikt rund um die Erneuerbaren dreht sich um ihre Verlässlichkeit: So produzieren Solaranlagen zwar an sonnigen Mittagen große Überschüsse, in der Nacht allerdings keinen Strom. Auch Windräder könnten zwischenzeitlich einen erheblichen Teil der Nachfrage decken, ihre Leistung nimmt bei Windstille jedoch stark ab. Beckmann moniert, dass die einzelnen Technologien wie Windräder, Solaranlagen und Batterien zwar vorhanden seien, aber das Zusammenspiel mit dem gesamten System nicht funktioniere. So lässt sich der Strom aus den Windfarmen im Norden wegen fehlender Netzkapazität nicht immer verlässlich in die großen Industrie- und Verbraucherzentren im Süden transportieren.
Braun- und Steinkohle sowie Gas springen ein: Redispatch aktiviert Kraftwerke mit fossilen Energieträgern
Dann greift der sogenannte Redispatch: Häufig müssen dann klimabelastende Kraftwerke einspringen, die mit fossilen Energieträgern wie Gas, Braun- und Steinkohle laufen. Große Batteriespeicher können zwar kurzfristige Ungleichgewichte abfedern, eine mehrtägige Dunkelflaute aber bislang nicht allein überbrücken. Das Fraunhofer-Institut (ISE) sieht darin allerdings noch kein Argument gegen die Erneuerbaren.
Mit mehr und schnelleren Batteriespeichern, so argumentieren die dortigen Experten um Leonhard Gandhi, ließen sich die Überschüsse recht einfach nutzbar machen und zusätzlich die negativen Börsenpreise tagsüber sowie die Preisspitzen dämpfen.
Kraftwerke bleiben weiter systemrelevant am deutschen Strommarkt – umstritten sind sie trotzdem
Allerdings gehört zur Wahrheit auch, dass größere Speicherparks das Problem der Flauten nicht allein lösen können. Schenk argumentiert, dass sich Deutschland derzeit nicht leisten könne, regelbare Kraftwerke nacheinander abzuschalten. Selbst Kritiker dieser Anlagen stimmen dem Professor hier teilweise zu. Umstritten ist allerdings, welche Kraftwerke konkret zum Einsatz kommen sollen. Das Akademienprojekt ESYS – eine gemeinsame Beratungsinitiative der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften acatech, der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften – kommt zu dem Ergebnis, dass dauerhaft laufende Kraftwerke nicht notwendig sind.
Ein Zusammenspiel aus Speichern, flexiblem Verbrauch und so genannten Residuallastkraftwerken, die während Engpässen einspringen und künftig über Wasserstoff laufen könnten, könnte demnach ausreichen. Dennoch müssten diese Kraftwerke teilweise überhaupt erstmal gebaut werden, und später zudem betrieben sowie gewartet werden. Offen ist zudem, woher die großen Mengen des notwendigen grünen Wasserstoffs kommen sollen.
Wirtschaftsministerin Reiche will bessere Systemabstimmung – und gleichzeitig an Wind und Solar festhalten
Die Bundesregierung um Wirtschaftsministerin Katherina Reiche will diese Lücke am Kapazitätsmarkt schließen. So sollen künftig Anbieter jener Anlagen nicht nur für den erzeugten Strom, sondern auch dafür bezahlt werden, dass sie ihre Leistung für Knappheitsphasen verlässlich zurückhalten. Reiches Plan deckt sich in vielen Punkten mit Beckmanns und Schenks Thesen: Stromerzeugung, Netze, Speicher und die erzeugte Leistung müssen besser aufeinander abgestimmt werden. Ein Ende des Ausbaus der Erneuerbaren bedeutet das jedoch (vorerst) nicht.
Bundesregierung schreibt Langzeitkapazitäten aus – und zentralisiert den Kapazitätsmarkt
Im September und Dezember 2026 will die Bundesregierung vorerst rund zehn Gigawatt Langzeitkapazität ausschreiben: Die Bereitschaft, kurzfristig benötigte Leistung für Engpässe bereitzustellen, will Reiche dadurch deutlicher honorieren. An dem Ziel eines Anteils von mindestens 80 Prozent am Bruttostromverbrauch bis 2030 hält die Bundesregierung fest. Die Anlagen sollen künftig aber dort entstehen, wo Netze und Verbraucher ihren Strom aufnehmen und sinnvoller verteilen können. Die Marktpreise und der Nutzen für das Gesamtsystem sollen dadurch stärker die Förderungen und die Vergütungen dominieren. Einige Experten, wie der Energieökonom Lion Hirth, unterstützen grundsätzlich die stärkere Ausrichtung an Marktpreisen, um den tatsächlichen Systemnutzen zu stärken.
Große Fragezeichen hinter Kosten für Netzausbau und Handlungsschnelligkeit der Regierung
Die konkrete Ausgestaltung von Reiches zentralem Kapazitätsmarkt bleibt jedoch umstritten. DIW-Experte Schill warnt, dass ein solcher Markt die Anreize für Investitionen in flexible Verbraucher und Speicher schwächen könnte. Vielmehr sollen gezielte Reserven nur in akuten Knappheitsphasen zum Einsatz kommen.
Hinzu kommt: Offen bleibt, wie hoch die Kosten für ein stabiles Versorgungssystem ausfallen und wie zeitnah der Ausbau von Netzen, Speichern und Wasserstoffinfrastruktur zu absolvieren sein wird. Die Energiewende scheint einmal mehr an einem Wendepunkt angekommen zu sein – die einzige Konstante: Der bloße Ausbau von Windrädern und Solaranlagen genügt nicht mehr. (Quellen: Welt am Sonntag, dpa, Fraunhofer-Institut, DIW, ESYS, Bundeswirtschaftsministerium, Bundesregierung, Umweltbundesamt) (msw).