Minijobs sollen Sozialabgaben kosten: Rund 10 000 Beschäftigte im Kreis betroffen
Stand: 20.07.2026, 06:05 Uhr
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Die Bundesregierung will Minijobs in ihrer heutigen Form abschaffen. Auch im Landkreis Hersfeld-Rotenburg arbeiten fast 10.000 Menschen in dieser Beschäftigungsform.
Hersfeld-Rotenburg – Geht es nach den Plänen der Bundesregierung, sollen Minijobs in ihrer heutigen Form weitgehend abgeschafft werden. Auch die Beschäftigten sollen künftig – anders als es bisher möglich war – Sozialabgaben zahlen. Der Koalitionsausschuss will diese Empfehlung der Rentenkommission noch in diesem Jahr umsetzen. Dies würde eine weitreichende Änderung bei Minijobs bedeuten. Denn demnach soll der steuer- und sozialversicherungsrechtliche Sonderstatus von Minijobbern – siehe Hintergrund – gestrichen werden.
Das sind die bisherigen Regeln für Minijobs
Ein Minijob ist eine geringfügig entlohnte Beschäftigung, die häufig nur wenige Stunden pro Woche umfasst. Der Verdienst ist auf zurzeit 603 Euro pro Monat oder 7236 Euro pro Jahr limitiert. Die zulässige Stundenzahl ergibt sich somit indirekt aus der Verdienstgrenze und dem geltenden Mindestlohn. Der Arbeitnehmer zahlt bislang keine Sozialabgaben, der Arbeitgeber eine Pauschale von etwas über 30 Prozent – darunter 15 Prozent Rentenversicherung.
Im Landkreis Hersfeld-Rotenburg schrillen daher bereits jetzt die Alarmglocken. 9890 Menschen gehen im Kreis einem Minijob nach – davon sind 4185 Männer und 5705 Frauen –, heißt es auf Anfrage unserer Zeitung seitens der Agentur für Arbeit. Davon üben 5931 Personen (2403 Männer und 3528 Frauen) ausschließlich eine geringfügige Beschäftigung aus – 3959 Arbeitnehmer (1782 Männer, 2177 Frauen) nehmen diese als Nebenjob wahr. Die Minijobber verteilen sich dabei zwar über sämtliche Branchen, die Mehrzahl von ihnen arbeitet allerdings im Handel und im Gastgewerbe.
„Das ist ein Frontalangriff auf die Flexibilität am Arbeitsmarkt und auf die Beschäftigungsfähigkeit des Gastgewerbes, das ohnehin schon unter großem Personalmangel leidet“, sagt Holger Reichenauer, Vorsitzender des Dehoga-Kreisverbandes Waldhessen. Minijobs seien gerade für die vielen kleineren Betriebe im Landkreis von zentraler Bedeutung. „Nach Corona schlittert die Gastronomie so in die nächste vorprogrammierte Katastrophe“, ist sich der im vergangenen Herbst wiedergewählte erste Kreisvorsitzende des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes sicher. Ohne Minijobber müsse man mit weiteren Betriebsaufgaben und Schließungen rechnen – und die seien gerade bei uns auf dem Lande bereits jetzt ein Problem, sagt Reichenauer.
„Statt den Arbeitsmarkt mit so einer Änderung unattraktiver zu machen, sollte die Bundesregierung sich lieber dafür starkmachen, dass sich Arbeit für die Beschäftigten wieder mehr lohnt“, ist Reichenauers Meinung. Viele Minijobber würden dieser Beschäftigung nachgehen, weil sie etwas hinzuverdienen müssen, um ihren Lebensstandard halten zu können, da ja alles teurer geworden sei. Und für die Arbeitgeber seien sie unerlässlich, da sie Spitzen abdecken. „Gerade in den Abendstunden und an Wochenenden oder bei Veranstaltungen und saisonalen Nachfragespitzen – also wenn es in der Gastronomie brennt – sind die Minijobber da und für unsere Betriebe von immenser Bedeutung“, erklärt der gastronomische Leiter des Hotels Stern in Bad Hersfeld. Die geplante Abschaffung der Minijobs wäre ein schwerer Schlag für die Gastronomie, aber auch für den Handel und viele andere Branchen, ist sich der Dehoga-Vorsitzende sicher.
Regelung würde viele Betriebe ins Mark treffen
Angesichts der geplanten Abschaffung des steuer- und sozialversicherungsrechtlichen Sonderstatuses von Minijobbern schrillen im Landkreis Hersfeld-Rotenburg bereits die Alarmglocken. Im Vergleich zu einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung zahlt der Arbeitgeber für diese Form der geringfügigen Beschäftigung zurzeit eher mehr Abgaben – der Arbeitnehmer dagegen meist keine. Wird die Empfehlung der Rentenkommission – wie von der Bundesregierung angekündigt – auch in diesem Punkt umgesetzt, müssen die im Landkreis zurzeit knapp 10.000 in Minijobs Beschäftigten künftig in Renten,-, Pflege- und Krankenkasse einzahlen. Ausnahmen soll es nur für Schülerinnen und Schüler geben.
Im Handel trifft diese Neuregelung viele Betriebe ins Mark. Neben dem Gastgewerbe arbeiten dort im Landkreis Hersfeld-Rotenburg die meisten Minijobber. Bei der Handels- und Gewerbevereinigung Bebra (HGV) sieht man das mit zwei weinenden Augen, berichtet HGV-Vorsitzender Stefan Pruschwitz. Ohnehin sei es für Betriebe schwer, ausreichend Personal zu finden, und man habe in den vergangenen Jahren viele qualifizierte Jobs eingebüßt. „Auch wenn die Reform angesichts der leeren Rentenkassen so richtig und wichtig ist – bei den Minijobs trifft sie gerade diejenigen Betriebe, die schon jetzt massiv unter Kostendruck stehen und bereits um ihre Zukunft bangen“, sagt Pruschwitz.
Der Handel habe aufgrund des Wettbewerbs mit dem Online- und Versandgeschäft ohnehin hart zu kämpfen. Um konkurrenzfähig zu bleiben, seien die Betriebe daher auf Minijobber angewiesen. „Der Handel lebt davon, auch in den Abendstunden für seine Kunden da zu sein – gerade in diesen Zeiten, bei Sonderöffnungen wie an verkaufsoffenen Sonntagen oder zu Stoßzeiten sind Minijobber in den Geschäften für die Personalplanung unerlässlich“, sagt der HGV-Vorsitzende. Auch Ausnahmen für Schüler würden in diesen Überlaufzeiten nicht helfen.
Würden diese Jobs nun unattraktiver, käme es auch dort erwartbar zu einem Personalmangel. Das seien Arbeitsverhältnisse, die es hier auf dem Land noch in ausreichender Zahl gebe und bei denen angesichts ihrer Flexibilität auch eine Nachfrage seitens der Arbeitnehmer vorhanden sei, weil sie attraktiv seien. „Wer jetzt sagt: Dann bezahlt den Leuten doch einfach mehr, verkennt die Lage, in der sich unsere Betriebe befinden“, sagt Pruschwitz. Schließlich seien mit Kosten für Energie, Miete, Versicherungen und Bankgebühren neben den Personalkosten auch fast alle weiteren kalkulatorischen Faktoren in den vergangenen Jahren kräftig angestiegen. Seriös betrachtet werde dies im Handel nur durch Preiserhöhungen möglich sein – und das in einer Branche, die angesichts des Wettbewerbsdrucks dort keinen Spielraum mehr habe. Hinzu käme, dass Minijobs im Handel auch eine gute Gelegenheit seien, in diese Berufe hineinzuschnuppern. Werde diese Möglichkeit jetzt genommen, habe das perspektivisch auch Auswirkungen auf die Personalbeschaffung. Neue Mitarbeiter zu finden, werde damit noch zusätzlich erschwert.
Auch Jörg Markert, Vorsitzender des Bad Hersfelder Stadtmarketingvereins, sieht das Problem, dass mit den Minijobs gerade die flexiblen Jobs betroffen sind, mit denen im Handel bislang die längeren Öffnungszeiten abgedeckt werden. „Gewisse Serviceleistungen werden dann nicht mehr aufrechterhalten werden können, wenn diese Mitarbeiter wegfallen würden“, sagt der 58-Jährige. Das werde dann auch der Kunde zu spüren bekommen, weil Betriebszeiten eingeschränkt werden müssten.
Der Stadtmarketingverein, der in Bad Hersfeld und Umgebung 150 Mitgliedsbetriebe hat, rechne mit einem Kostenanstieg für alle. „Eine solche Anpassung macht es dem Handel zumindest nicht einfacher, einen Betrieb aufrechtzuerhalten“, sagt Markert. Eine schlauere Lösung, wie man es für die notwendige Rentenreform besser machen könne, sehe er ad hoc allerdings auch nicht. „Vielleicht muss man dann allgemein einmal über die Ladenöffnungszeiten reden“, sagt Markert. Die Planbarkeit für die Betriebe für die Randzeiten werde mit der Neuregelung jedenfalls herausfordernd.
Holger Reichenauer, Dehoga-Kreisvorsitzender, betont zudem die Bedeutung gerade der älteren Minijobber. Seiner Branche helfe es nichts, dass Schüler von der geplanten Änderung ausgenommen werden sollen. „Es muss klar sein, dass viele Schüler noch minderjährig sind und daher – völlig zu Recht – strengen rechtlichen Auflagen unterliegen“, sagt Reichenauer. Aufgrund des Jugendschutzes seien sie abends und an Wochenenden gar nicht einsetzbar, sodass diese Ausnahme der Gastro keinen Nutzen böte. „Viele der älteren Minijobber haben zudem den Vorteil, nicht groß angelernt werden zu müssen, weil sie aus dem Gastgewerbe kommen“, sagt Reichenauer. Die Minijobs in der bisherigen Form seien außerdem eine flexible Beschäftigungsform, durch die Schwarzarbeit verhindert werde.