Minus Meier spielen erst siebtes Lied über die Liebe – davor Sucht und Tod

Stand: 29.08.2026, 18:00 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Jörg Breuer (Gitarre/Bass)
Sebastian Sell (Gesang/Bass/Gitarre)
Markus Göbel (Drums)
Rainer Mielke (Keys)

Jörg Breuer (Gitarre/Bass/Gesang), Sebastian Sell (Gesang/Bass/Gitarre), Markus Göbel (Schlagzeug) und Rainer Mielke (Keyboard) von Minus Meier (von links) überzeugen in der Stockheimer Kulturhalle mit einem abwechslungsreichen Repertoire zwischen Rock, Pop, Funk und Ballade. © Inge Schneider

Die Frankfurter Band Minus Meier ist bei „No Cover" in der Stockheimer Kulturhalle aufgetreten. Von 14 Songs handelte nur einer von der Liebe – das war der siebte.

Stockheim – Sie kommen aus Frankfurt, haben einen nicht näher bekannten Kumpel namens Meier – und mit ihm mutmaßlich alles Bieder-Bürgerliche – aus der Band geworfen und spielen seitdem vollkommen befreit auf, dies zwischen Pop-Rock, Independent und Liedermachertum: Minus Meier, spontan eingesprungen für eine andere Band, haben nach dem Sommer die erfolgreiche Reihe „No Cover“ in der Stockheimer Kulturhalle fortgesetzt.

Die Konzertreihe „No Cover“

„No Cover“ steht für Originalität jenseits des Mainstreams. Mit dem Format etabliert die Kulturhalle Stockheim seit Anfang des Jahres gemeinsam mit dem Kreis-Anzeiger einen festen Termin für kreative Vielfalt in der Region. Die Konzerte, die jeweils 60 Minuten dauern, finden immer am letzten Mittwoch im Monat statt. Der Eintritt kostet 9,50 Euro im Vorverkauf und 10 Euro an der Abendkasse. Als Sponsoren konnte Kulturhallen-Betreiber Harald Steinke die Sparkasse Oberhessen und das Glashüttener Unternehmen „Key Moments“ gewinnen. Weitere Unterstützer sind jederzeit willkommen. Für Steinke ist „No Cover“ eine Herzensangelegenheit: „Vom Musiker für Musiker.“ Tickets gibt es unter www.kulturhalle-stockheim.de oder an der Abendkasse.

Bandleader Sebastin Sell (Gesang, Bass, Gitarre), Jörg Breuer (Gitarre, Bass, Gesang), Markus Göbel (Schlagzeug) und Rainer Mielke (Keyboard) entfalteten ein einprägsames, sehr persönliches Repertoire zwischen Rock, Pop, Funk und Ballade, zwischen Rio Reiser, Tocotronic, Wolf Maahn und Clueso – und doch wieder ganz anders und vollkommen eigenständig.

Suche nach dem Sinn

Neben den eingängigen, wiewohl komplexen und abwechslungsreichen Klängen fiel vor allem die Themenbreite der deutschsprachig agierenden Formation ins Auge: Unter den insgesamt 14 Titeln, inklusive Zugabe, war erst der siebte ein Liebeslied – absolut ungewöhnlich in der Szene. Davor und danach besang man mit „Urlaub von mir selbst“, „Gut so“ und dem bewusst brutal gehaltenen Lied „Gemein sein“ mal liebevoll, mal bissig, ironisch und metaphorisch das eigene Leben und die Suche nach dem Sinn. Mit „Geheime, heile Welt“ thematisiert die Band die nächtlichen Süchte und mit „Körperlos“ den Traum von grenzenloser Leichtigkeit und vom Fliegen.

„Uns gibt es seit 2015. Erste Nummern entstanden aber bereits 2005 in dem Bemühen, auf Deutsch sehr persönliche Inhalte rüberzubringen, die unser Publikum versteht“, erläuterte Leadsänger Sebastian Sell zwischen zwei Liedern unter Applaus. „Dabei ist es gar nicht so einfach, die deutsche Sprache in eingängige Reime und Melodien zu packen. Wir tun es dennoch, weil wir denken: Ihr wollt nicht zum 800. Mal den ‚Summer of 69‘ hören, sondern habt definitiv etwas Frisches verdient. Wir halten die Ehre von ‚No Cover‘ hoch!“

Das besagte erste Liebeslied mit dem Titel „Muss das so sein“ erzählt von der Überraschung, die ein einziger Kuss auslöst, wenn er die eigene Welt aus den Angeln hebt. Das Stück „Ohne Fehler“ feierte nahezu Premiere – denn es wurde erst zum zweiten Mal überhaupt auf einer öffentlichen Bühne präsentiert. Im Gegensatz dazu stellte „Manchmal“ das älteste Lied des Abends dar. Aus dem Jahr 2005 stammend, weist es mit der Textzeile „Irgendwie ist manchmal meistens irgendwann“ leicht dadaistische Züge auf, behandelt aber auch deutlich und überaus poetisch die ewige menschliche Frage nach Sein und Vergänglichkeit: „In Nachbars Rosengarten, um mich herum erblüht die Zeit, auf bunten Eierschalen die Zahlen…“.

Apropos Poesie: In Abstimmung mit der Familie des Dichters hat Minus Meier auch ein Gedicht von Hermann Hesse aus dem Jahr 1905 vertont: „Im Nebel“ zeigt in Klang und magischen Video-Bildern die Einsamkeit des Menschen, damals wie heute. Auch die Zeile „Wahrlich, keiner ist weise, der nicht das Dunkel kennt“ hat als Grundlage für menschliche Tiefe und Empathie nichts an Wahrheit und Aktualität verloren.

„Herz aus Porzellan“ widmete Sebastian Sell seinem ersten von drei Söhnen, der ein zartes Frühchen mit einem angeborenen Herzfehler war – der erschütternde und sehr persönliche Text birgt das kranke Babyherz schützend in dem des Vaters. „Schneeweiße Leinwand“ beschreibt das eigene Gesicht als Tabula rasa, auf der das Leben bunte Spuren, aber auch Wunden verewigt – und zudem einen Film zeigt, in dem das eigene Ich und die anderen Menschen, auch im Hier und Jetzt, immer die Hauptdarsteller sind. „Wenn du weinst“ beschreibt, dieses Mal tatsächlich im Walzertakt, die Überraschungsmomente einer Beziehung.

Der eindrückliche Abend endete mit der hymnentauglichen Ode „Schlaf ein“ an die Heimatstadt Frankfurt mit all ihren Makeln und Schwächen, mit Lärm, Gestank und grellen Lichtern: „Trotzdem will ich hier leben, will ich hier sein – du große Stadt am Main.“ Anschließend nahmen sich Minus Meier noch viel Zeit für intensive Gespräche und eine Autogrammstunde mit zahlreichen neugewonnenen Fans.