Mit Lust am Risiko: Das Rodeo-Festival in München ist gestartet
Stand: 12.10.2026, 14:23 Uhr
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Mit „Stripping Bolero“ und „Giving back the Blessings“ ist das Rodeo-Festival in München gestartet. Es zeigt bis zum 17. Oktober 2026 zehn Produktionen.
In dieser Freitagnacht (9. Oktober 2026) bewahrheitet sich in der Zirka-Halle eindrucksvoll, was drei Stunden zuvor nebenan im Schwere Reiter angekündigt wurde. „Wir halten die Räume offen“, verspricht Ute Gröbel, die mit Antonia Beermann und Anna Donderer das Rodeo-Festival leitet. Es seien „Räume für Experimentelles und Abwegiges. Für risikoreiche Kunst. Räume, in denen Vielfalt nicht nur behauptet, sondern aktiv gelebt wird“. Seit Februar 2024 hat das Trio mehr als 100 Projekte gesichtet, dazu kamen 85 Bewerbungen. „Zehn Arbeiten, die uns begeistert haben und die Hoffnung machen. Arbeiten, die hochpolitisch sind“ sind bis Samstag in München zu sehen.
Was Gröbel in ihrer Eröffnungsrede meint, zeigt „Giving back the Blessings“ von Alina Belyagina. Im Zirka scheint alles zu fließen: Menschen, Musik, Nebel, Licht. Das Publikum bewegt sich frei – es gibt keinen klaren Fokus. Alle erleben dasselbe, doch sehen alle etwas anderes. Das ist zwar nicht neu, aber dennoch spannend, weil wir in die Pflicht genommen werden. Immer wieder crasht das Ensemble den Raum mit Interaktionen und Inversionen. Blicke werden gelenkt durch eine kluge Beleuchtung, vor allem aber durch Bewegungen. Die Produktion greift munter in die Stilkiste aus Improvisation, slawischer Volkstanztradition, Streetdance und Akrobatik. Vor allem aber ist da die schier unglaubliche Lust, den eigenen Körper zu spüren und in Aktion zu bringen.

Dabei denkt „Giving back the Blessings“ den partizipativen Ansatz konsequent zu Ende: Nach 60 Minuten ist kaum mehr ein Unterschied zwischen Performerinnen und Gästen zu erkennen. Was macht die Masse? Die Masse macht mit. Und wie! Eine eindrucksvolle gemeinschaftliche Erfahrung über die Eroberung des öffentlichen Raums.
Dagegen setzen Carolin Jüngst und Lisa Rykena in der anderen Eröffnungsproduktion auf die klassische Bühnensituation. Wer jetzt gähnt, irrt: „Stripping Bolero“ ist eine heutige Auseinandersetzung mit Ravels berühmtem Orchesterstück von 1928, das sich als Crescendo aufbaut und in Ekstase gipfelt. Raymond Liew Jin Pin, Emil Leske und Rykena selbst begegnen all dem mit einer ordentlichen Portion Humor, Pantomime sowie mit Zitaten aus Striptease und klassischem Tanz. Ihr Witz freilich ist das Wichtigste, etwa wenn das Trio ausgehend von „Schwanensee“ die entscheidenden Szenen aus „Romeo und Julia“, „Kill Bill“ und „Matrix“ durchspielt. „Stripping Bolero“ ist eine Inszenierung über den Menschen in Extremsituationen, über das Außer-sich-Sein. Bitte mehr davon!