Mit Picknickdecke gegen Rodung: Umweltschützer halten Loisach-Baustelle auf – Streit mit Behörden

Stand: 04.09.2026, 18:21 Uhr

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Frühstück auf dem Damm: Mehrere Wolfratshauser warteten am Dienstag auf die Baustelle am Loisachufer – sie wollen die großflächige Rodung verhindern.

Frühstück auf dem Damm: Mehrere Wolfratshauser warteten am Dienstag auf die Baustelle am Loisachufer – sie wollen die großflächige Rodung verhindern. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Ein gutes Dutzend Demonstranten will die Rodung von bis zu 50 Bäumen am Loisachufer verhindern. Das Wasserwirtschaftsamt stellt sich der Kritik.

Wolfratshausen – Auf Picknickdecken wollen sie die Fällungen verhindern. Am Loisachufer in Wolfratshausen löffelt am Dienstagmorgen eine Frau in ihrem Haferbrei und wartet auf die Baustelle. Einige Umweltschützer sind dort. Ein gutes Dutzend Wolfratshauser hat sich den Wecker gestellt. Hans Schmidt steht um kurz nach 7 Uhr dort, wo er in naher Zukunft einen Bauzaun erwartet. Der Wolfratshauser ist sich seiner Sache sicher: Die Baustelle, die Rodung, die ganze Maßnahme am Loisachufer ist überzogen und gefährdet das Juwel, den Baumbestand an der Loisach. Am Dienstag soll die Maßnahme beginnen. Darauf warten die Menschen am Ufer. Zufällig – das betonen sie immer wieder lächelnd – ganz zufällig, sind sie alle zur selben Zeit da. Einige haben ein Frühstück dabei. Tee dampft aus einer Thermoskanne.

Protest-Picknick: Umweltschützer halten Baustelle am Loisachufer auf – Streitgespräch mit Behörden

Was genau passieren soll, wenn ein Baustellenfahrzeug kommt? Darüber haben sie noch nicht gesprochen. Präsenz zeigen aber auf jeden Fall.

Diskussion auf dem Damm: Mitarbeiter des Wasserwirtschaftsamts stellten sich der Kritik einiger Wolfratshauser Bürger.

Diskussion auf dem Damm: Mitarbeiter des Wasserwirtschaftsamts stellten sich der Kritik einiger Wolfratshauser Bürger. © Stallein

Als ein Wagen der Stadtwerke anfährt und der Fahrer sieht, dass ihm einer der Protestler im Weg steht, wird er recht rüde. „Lasst mich meine Arbeit machen, sonst hole ich die Polizei.“ Blick und Tonfall lassen keinen Zweifel zu. Die Stadtwerke-Mitarbeiter können ungestört Paletten ausladen. Durch ein lautes Hupen macht der Fahrer Schmidt aufmerksam, ein paar Schritte auf die Seite zu gehen, dann fährt er wieder.

Lagebesprechung, wie weit Protest gehen soll

Schmidt runzelt die Stirn. Es wird Zeit für eine Lagebesprechung am Ufer. „Was machen wir denn, wenn der Zaun kommt?“ Schmidt fragt das in die Runde. Die Antworten gehen weit auseinander. Eine Frau legt Wert darauf, keinen Ärger zu beginnen, „solange sie nicht die Bäume anfassen“. Um die geht’s den Demonstranten nämlich. Gut 50 Bäume könnten fallen, wurde jüngst im Stadtrat bekannt. Viel wäre dann nicht mehr übrig auf der Flussseite. Außerdem ist bis 1. Oktober Schonzeit. Bis dahin darf nichts gefällt werden. Um dafür zu sorgen, würde sich die Dame in den Weg stellen – „aber nicht für einen Bauzaun“. Eine andere Demonstrantin möchte mit ihrem Picknick-Vormittag am Loisachufer vor allem zeigen, „dass es nicht egal ist, was hier passiert“.

Um kurz nach halb 8 kommt ein Bierfahrer ans Loisachufer. Den Schwertransporter vom Brauhaus lassen die Umweltschützer klaglos durch. Der Wagen dahinter sorgt für Aufregung: Auf einem Anhänger hat er Zäune dabei. Der Fahrer steigt aus, kommt lächelnd auf die Demonstranten zu. Er hat mit Protest gerechnet. „Manchmal werden wir beschimpft“, das passiert ihm in Wolfratshausen nicht. Er habe die Maßnahme nicht geplant, sondern „soll heute nur die Zäune vorbeifahren“, sagt er. Seinen Namen möchte er nicht verraten, aber er arbeitet für die Flussmeisterei. Er geht mit den Demo-Teilnehmern auf den Uferweg neben die Picknickdecken und Thermoskannen. „Hier machen wir eine Schneise rein“, sagt er und deutet mit beiden Armen auf Gestrüpp. „Dafür müssen noch keine Bäume weg, glaube ich.“ Unten, im Wasser, sollen dann mehrere Bagger die bisherigen Flussbausteine abtragen und neue einsetzen. „Die Bäume unten, für die sehe ich schwarz – aber ich weiß nicht, ob die oben am Damm wirklich wegmüssen.“

Wasserwirtschaftsamt saniert Loisachufer: Ärger um Baumfällungen

Details soll jemand anders liefern: Franziska Martens vom Wasserwirtschaftsamt kommt eine gute Dreiviertelstunde nach dem Zaun-Transport. Sie stellt sich am Ufer der Kritik der Protest-Picknicker. Die Arbeiter sollen so lange warten. Sie setzen sich auf eine Parkbank am Sebastiani-Steg und verschränken die Arme. Martens lässt sich derweil einige Meter flussabwärts kritisieren. Die Kommunikation des Amts sorgt für Frust – „so kurzfristig“ und „niemand informiert uns richtig“. Martens gibt den Demonstranten recht: „Den Punkt können wir schon mitnehmen: Wir hätten besser kommunizieren können. Das merken wir uns fürs nächste Mal, wenn wir was in Wolfratshausen machen.“ Sie stellt aber auch klar: Eine Informationsoffensive des Amts hätte noch keinen einzigen Baum gerettet und ändert nichts an der Planung. Die hält sie weiterhin für notwendig.

Am Ende steht die Baustelle: Der Protest brachte vorerst keinen Stopp des Aufbaus.

Am Ende steht die Baustelle: Der Protest brachte vorerst keinen Stopp des Aufbaus. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Viele Fragen sind noch offen

Warum die ganze Aufregung? Martens erklärt: Das Ufer und die Böschung sind in die Jahre gekommen. Außerdem haben Biber Gänge in den Damm gebaut. Deshalb müssen die alten Sicherungssteine raus. Das Amt will sie neu setzen. Dafür sind einige Bäume am Wasser im Weg – bis zu zwei Meter von der Wasserkante aufwärts müsse vermutlich alles weg. Die Protestler schütteln den Kopf. „Zwei Meter – das ist ja alles“, meint eine ältere Wolfratshauserin. Martens erklärt, dass womöglich ein paar mehr Bäume stehen bleiben können, als befürchtet. Sie wolle jetzt aber nicht versprechen, dass zum Beispiel 20 Pflanzen bleiben. „Wir wissen nicht, ob wir es dann halten können.“

Zur Maßnahme muss das Amt einen landschaftspflegerischen Begleitplan erstellen und klare Zusagen geben, dass einige Nachpflanzungen vorgenommen werden. Dieser Plan ist noch nicht fertig – „weil wir ja noch gar nicht wissen, wie viele Bäume gefällt werden müssen“, sagt Martens. Fragen zum Ufer sind noch offen. Ist es ein Deich, auf dem Picknicker und Behördenmitarbeiterin streiten, gibt‘s für die Bäume keine Zukunft. Sollte der Damm rein rechtlich lediglich eine Erhöhung sein, könnten Bäume neu gepflanzt werden, wenn die Maßnahme abgeschlossen ist. „Das prüfen wir“, verspricht Martens.

Die Argumente wiederholen sich. Für einige der Protest-Picknicker gibt’s nur einen logischen Schluss: Sie fordern einen Baustopp, bis alle Details geklärt sind. Hans Schmidt schlägt ein einjähriges Moratorium vor. Martens lehnt ab. Die Notwendigkeit sei ja da, den Damm zu sanieren. „Wer übernimmt die Verantwortung, wenn es in der Zwischenzeit ein Hochwasser gibt? Machen Sie das?“ Freiwillig meldet sich keiner.

Einstweilige Verfügung beantragt

Es gibt juristische Bestrebungen, die Baustelle zu stoppen. Wie Schmidt erklärte, wird derzeit eine einstweilige Verfügung beantragt – ob das durchgeht, weiß am Dienstag am Ufer noch niemand. Für den stellvertretenden Leiter des Wasserwirtschaftsamts ist klar: „Wenn es dazu käme, halten wir uns daran.“ Derzeit sieht Andreas Kolbinger jedoch keinen Grund, die Baustelle zu stoppen. Deshalb dürfen nach einer zweistündigen Pause im Schatten auch die Mitarbeiter der Flussmeisterei ihre Arbeit machen und die Bauzäune aufstellen.

Zuvor einigten sich Wasserwirtschaftsamt und Demonstranten aber zumindest auf einen kleinen Nenner: Ende September informiert die Behörde in einer öffentlichen Veranstaltung über die Baumaßnahme. Bis dahin könnte zumindest die Einrichtung bereits weitestgehend stehen. „Die brauchen wir nämlich so oder so“, meint Martens. Der Kaffee in der Tasse einer Demonstrantin dampft da schon lange nicht mehr. Milchaugen schwimmen darin – die Diskussion hat sich gezogen.