Mit seiner Flucht nach vorn will Friedrich Merz wieder Oberwasser bekommen
Deutschland
Mit seiner Flucht nach vorn will Friedrich Merz wieder Oberwasser bekommen
Die Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern enden für die CDU böse. Doch der unter Druck stehende deutsche Kanzler Friedrich Merz gibt sich kämpferisch und will bleiben
Birgit Baumann
Kündigt Friedrich Merz seinen Rücktritt an? Als deutscher Bundeskanzler? Als CDU-Chef? Oder will er sich womöglich ganz zurückziehen und beide Ämter abgeben? Diese Fragen schwirrten seit Tagen durch das politische Berlin. Und in der CDU raunte es, man rechne am Wahlabend mit allem.
Doch Merz blieb standhaft und wollte ein Zeichen setzen. Schon um 18.15 Uhr trat er in der CDU-Zentrale in Berlin, im Helmut-Kohl-Saal, vor die Kameras. Die ersten Prognosen für die Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin waren da gerade 15 Minuten alt und sie sahen für die CDU düster aus.
In Berlin schaffte es die Linke erstmals auf Platz eins und verdrängte die CDU. Während die Linke ihr letztes Ergebnis von 12,2 Prozent verdoppelte, sank die CDU von 28,2 auf 20 Prozent ab. Das Rote Rathaus, in dem bisher Kai Wegner saß, wird also aller Voraussicht nach an die Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp gehen, sie möchte eine Koalition aus Linken, SPD und Grünen bilden.
In Mecklenburg-Vorpommern hatte die CDU ohnehin nicht um den ersten Platz mitgespielt. Dieser ging Hochrechnungen zufolge an die AfD, die auf rund 37 Prozent kam, aber die absolute Mehrheit – wie auch schon vor 14 Tagen in Sachsen-Anhalt – nicht schaffte. Knapp dahinter, mit rund 36 Prozent, folgt die SPD mit ihrer Spitzenkandidatin Manuela Schwesig, die Ministerpräsidentin in dem ostdeutschen Bundesland ist. Die CDU schaffte nur noch an die fünf Prozent.
Keine Nachfragen
Abwarten, ob sie an der Küste überhaupt wieder in den Landtag einziehen würde, wollte Merz am Sonntag gar nicht mehr. Als er um 18.15 Uhr sprach, waren natürlich viele Sender live dabei. Merz gelang es immerhin, mit seinem kurzen Auftritt, bei dem übrigens keine Nachfragen erlaubt waren, seine Botschaft prominent zu platzieren und den Ton zu setzen.
Zunächst erinnerte er an die Wahlen im Jahr 2026 und daran, dass die CDU nicht überall schlecht abgeschnitten habe – etwa in Rheinland-Pfalz, wo sie seit der Wahl im Frühjahr zum ersten Mal seit 35 Jahren wieder den Ministerpräsidenten stellt.
Doch Merz räumte ein: "Sachsen-Anhalt war ein tiefer Einschnitt." Bei der Wahl vor zwei Wochen war die CDU um 20 Punkte abgesackt und nur noch bei 17,2 Prozent gelandet. Und er fuhr fort: "Mecklenburg-Vorpommern ist ein Desaster." Dem Berliner Spitzenkandidaten Stefan Evers beschied er, "die CDU zu einem ordentlichen Ergebnis" geführt zu haben.
Mit Blick auf das Erstarken der AfD und der Linken meinte er: "Das Vertrauen in die Institutionen unseres Landes sinkt und wird von radikalen Parteien links und rechts untergraben." Er wolle, "dass unser Land wieder ein Land des Aufbruchs wird, dass unser Land wieder auf seine Kraft vertraut". Daher werde er den Reformkurs forsetzen.
Den entscheidenden Satz sagte Merz zum Schluss: “Was jetzt zu tun ist, erfordert Rückgrat, Standhaftigkeit und Geduld. Ich werde das aufbringen: als Parteivorsitzender der CDU und vor allem als Bundeskanzler unseres Landes."
Pflöcke einschlagen
Mit dieser Flucht nach vorn wollte Merz offensichtlich möglichen parteiinternen Kritikerinnen und Kritikern zuvorkommen und gleich mal Pflöcke, seine politische Zukunft betreffend, einschlagen. Ob er damit Erfolg haben wird, ist allerdings offen. Schon nach der Wahl in Sachsen-Anhalt war Unmut in der CDU lautgeworden. Doch viele schwiegen, weil sie die Wahlkämpfe in Berlin und "Meck-Pomm" nicht noch mehr belasten wollten.
Doch nach den Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern drohte Merz ein Scherbengericht. Seit Tagen machten Gerüchte die Runde, wer ihm als Kanzler nachfolgen könnte: Hendrik Wüst, der CDU-Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Markus Söder, CSU-Ministerpräsident von Bayern oder Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU).
Eine Debatte darüber in der Union wollte Merz am Sonntag gleich im Keim ersticken. Gelingt ihm das? Die nächsten Tage oder auch Wochen werden es zeigen. Am Wahlabend stand Merz alleine auf der Bühne. Kein Mitglied aus dem Präsidium war in seiner Nähe, geschweige denn hinter ihm. Dabei hatte er die CDU-Granden extra für diesen Abend ins Adenauer-Haus gebeten. (Birgit Baumann aus Berlin, 20.9.2026)
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