„Mittelstand kann leider weg“: Immer mehr Firmen denken über Abzug aus Deutschland nach

Stand: 05.09.2026, 12:19 Uhr

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Der industrielle Mittelstand galt lange als Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Eine neue Analyse zeigt nun, wie stark der Druck zur Verlagerung wächst.

Frankfurt – Fast jeder dritte im Ausland aktive deutsche Industriemittelständler erwägt, in den kommenden Jahren Produktion ins Ausland zu verlagern. Das geht aus dem aktuellen „Internationalisierungsbericht“ der staatlichen Förderbank KfW hervor, über den die Welt berichtet. Grundlage ist eine Befragung von 1700 Unternehmen im Januar, darunter rund 600 Mittelständler mit Auslandsgeschäft.

Industrieproduktion in Deutschland: Laut KfW-Internationalisierungsbericht erwägt fast jeder dritte auslandsaktive Industriemittelständler, in den kommenden Jahren Produktion ins Ausland zu verlagern.

Industrieproduktion in Deutschland: Laut KfW-Internationalisierungsbericht erwägt fast jeder dritte auslandsaktive Industriemittelständler, in den kommenden Jahren Produktion ins Ausland zu verlagern. © Bernd Weißbrod/dpa

Die Ergebnisse zeigen, wie groß der Druck auf den Standort Deutschland inzwischen ist. Acht Prozent der auslandsaktiven Industrieunternehmen haben innerhalb der vergangenen fünf Jahre bereits Teile ihrer Fertigung ins Ausland verschoben. Weitere 29 Prozent geben an, dies für die kommenden fünf Jahre zu planen. Damit droht aus einzelnen Standortentscheidungen ein breiterer Trend zu werden.

KfW sieht Warnzeichen für den Standort Deutschland

„Wenn auch nur die Hälfte dieser Unternehmen ihre Pläne realisiert, würden wir zukünftig eine deutlich stärkere Verlagerung sehen als in der Vergangenheit. Dies ist ganz klar ein Warnzeichen“, sagt Dirk Schumacher, Chefvolkswirt der KfW.

Auch Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, hatte die zunehmende Verlagerung von Investitionen ins Ausland bereits mit Sorge bewertet. Sein Urteil fiel in einem Gespräch mit ntv knapp aus: „Mittelstand kann leider weg aus Deutschland.“ Genau dieser Satz bringt die Sorge vieler Ökonomen auf den Punkt: Nicht mehr nur Großkonzerne prüfen internationale Alternativen, sondern zunehmend auch das industrielle Rückgrat der deutschen Wirtschaft.

Standort Deutschland verliert an Attraktivität

Hinter den Verlagerungsplänen stehen nach Einschätzung der KfW nicht allein kurzfristige konjunkturelle Probleme. Deutschlands Unternehmen kämpfen zugleich mit langfristigen Belastungen. Schumacher verweist unter anderem auf die demografische Entwicklung, hohe Energiekosten, den wachsenden Konkurrenzdruck aus China sowie die Zollpolitik der US-Regierung. Auch die Bedingungen am heimischen Standort spielen eine Rolle. „Dahinter steckt auch, dass der Standort an Attraktivität verloren hat“, sagt der KfW-Chefvolkswirt.

Besonders verwundbar macht die Unternehmen ausgerechnet eine Stärke der vergangenen Jahrzehnte: Viele deutsche Mittelständler haben ihr Geschäft früh international ausgerichtet und sind deshalb stark von Veränderungen im Welthandel betroffen. „Die deutschen Mittelständler waren schon zuvor sehr global aufgestellt. Deswegen werden sie härter getroffen als Mittelständler in anderen Ländern. Nun partizipieren sie nicht mehr so eindeutig am Wachstum des globalen Handels“, erklärt Schumacher.

Auslandsumsätze kommen kaum noch voran

Der Druck lässt sich auch an der Geschäftsentwicklung ablesen. Seit 2022 kommen die Auslandsumsätze des Mittelstands kaum noch voran. Zusätzliche Impulse stammen nach Angaben der KfW vor allem aus Europa, während chinesische Wettbewerber auf dem Weltmarkt Marktanteile gewinnen und hohe US-Zölle das Geschäft in den Vereinigten Staaten erschweren.

Auch der Blick nach vorn fällt verhalten aus. 30 Prozent der befragten auslandsaktiven Unternehmen rechnen in den kommenden vier Jahren mit rückläufigen Auslandsumsätzen. Lediglich 24 Prozent erwarten steigende Erlöse. Zugleich häufen sich in der deutschen Industrie Verlagerungen und Standortaufgaben – eine Entwicklung, die auch Ökonomen wie Krämer mit Sorge beobachten.

EU-Binnenmarkt wird für Mittelständler wichtiger

Viele Unternehmen versuchen deshalb, ihr Auslandsgeschäft stärker innerhalb Europas auszubauen. 19 Prozent der befragten auslandsaktiven Mittelständler wollen ihre Exporte verstärkt auf den EU-Binnenmarkt ausrichten oder haben entsprechende Schritte bereits eingeleitet. Im Industriesektor liegt der Anteil mit 24 Prozent noch höher.

Der Mittelstand zieht sich also nicht vollständig aus dem Auslandsgeschäft zurück. Er sucht aber nach sichereren, näheren und verlässlicheren Märkten. Der EU-Binnenmarkt gewinnt damit als Ausweichraum an Bedeutung – auch weil geopolitische Risiken, Handelskonflikte und Zollbarrieren außerhalb Europas zunehmen.

Kurzfristige Erholung löst Standortprobleme nicht

Kurzfristig gibt es allerdings Anzeichen für eine Entspannung. Im August hellten sich die Exporterwartungen deutlich auf. Die Ausfuhren hatten zudem im zweiten Quartal überraschend kräftig zugelegt und damit das deutsche Wirtschaftswachstum gestützt. Schumacher warnt jedoch davor, daraus eine grundlegende Trendwende abzuleiten.

„Es kann in der kurzen Frist eine konjunkturelle Erholung geben, getrieben durch den KI-Boom in den USA oder den Fiskalimpuls in Deutschland. Trotzdem bleiben die Aussichten mittel- und langfristig schwierig, wenn die Unternehmen auf die Demografie, Energiekosten, China oder die US-Zölle schauen“, sagt der KfW-Chefvolkswirt. Die bessere Stimmung im Exportgeschäft löst die grundlegenden Standortprobleme damit nicht. (Quellen: WELT, KfW-Internationalisierungsbericht, ntv, Commerzbank) (mare)