Mossad, Militär und die verpasste Chance: Israels Ex-Sicherheitsberater zieht Iran-Bilanz
Die Schlagkraft des israelischen Geheimdienstes und der israelischen Armee ist enorm. Kaum ein Ziel in Teheran scheint unerreichbar, sei es der Oberste Führer in seinem Versteck oder die gesamte Spitze der Revolutionsgarden. Mehr als vierzig Führungsfiguren wurden in wenigen Tagen eliminiert. Doch während Israels Militär und Mossad gegnerische Strukturen binnen Tagen zerschlagen können, schaffen sie damit noch lange keine neue politische Ordnung.
„Es gab so etwas wie einen Machtwechsel, nur keinen echten“, sagt Chuck Freilich, langjähriger Vize-Sicherheitsberater Israels, dieser Zeitung. „Die Revolutionsgarden haben übernommen, und die sind noch härter als ihre Vorgänger, falls das überhaupt möglich ist.“ Chuck Freilich steckte über zwei Jahrzehnte tief im israelischen Sicherheitsapparat, erst als Analyst im Verteidigungsministerium, dann im Nationalen Sicherheitsrat.
In diesem Sommer ist der Krieg zurückgekehrt. Die USA fliegen Nacht für Nacht Angriffe auf Militärlogistik, Waffendepots und maritime Ziele, zuletzt auf die Zufahrten nach Bandar Abbas an der engsten Stelle der Straße von Hormus. Iran feuert zurück, auf Frachter und Anlagen am Golf.
Nur ein Ziel taucht in den iranischen Angriffsmeldungen kaum noch auf, und das ist Israel. Diese Auslassung ist kein Zufall. „Sie wollen die Eskalation mit Israel nicht“, meint Freilich. „Ein Schlag gegen Israel könnte die USA stärker hineinziehen.“ Jede Rakete auf Tel Aviv würde die Kampagne wieder eröffnen, die im Februar Chamenei tötete. Sein Sohn Modschtaba, der nach der Wahl zum Nachfolger seit Wochen nicht öffentlich auftrat, gilt als schwächer als sein Vater, aber ideologisch härter. Die neue Führung weiß, dass sie diesen Krieg nicht gewinnen kann, und führt deshalb einen anderen.
Die aktuelle Führung der Islamischen Republik bei einer Zeremonie in Teheran.
© Morteza Nikoubazl/imago
Aus dem Umsturz wird ein Zollstreit
Im Frühsommer sah es kurz nach einem Ausweg aus. Washington und Teheran unterzeichneten eine Absichtserklärung für ein Kriegsende, die nur wenige Wochen hielt. Seither hat sich der Schwerpunkt auf die Straße von Hormus verlagert, durch die ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls fließt. Teheran verlangt Gebühren von den durchfahrenden Schiffen, Washington bombardiert die umliegende Infrastruktur. In der Meeresenge geht es um Gebühren und Routen, nicht aber um die Existenz der Islamischen Republik.
Vor dem Krieg passierten täglich 120 bis 140 Schiffe die Straße von Hormus, zuletzt nach Einschätzung der Seesicherheitsberatung Dryad Global noch 30 bis 40, viele mit abgeschaltetem Transponder. Die Kriegsrisikoprämien liegen bei fünf bis sieben Prozent. Wer um eine Wasserstraße kämpft, hat akzeptiert, dass auf der anderen Seite ein Staat sitzt, der bleibt.
Ahmadinedschad und die verpasste Chance
Wie ernsthaft der Umsturz im Iran betrieben wurde, zeigen jüngste Recherchen israelischer Medien. Demnach führte der Mossad über Jahre den früheren Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad als Quelle, um ihn nach einem Sturz an die Spitze zu bringen, flankiert von Einflussoperationen, kurdischen Verbänden und Kollaborateuren.
Freilich bestätigt die Stoßrichtung. „Es gab im März einen Versuch. Da flossen viel Denkarbeit und viele Ressourcen hinein. Aber es zerfiel schnell.“ Der Kandidat sei eine Verlegenheitslösung gewesen. „Die Idee klingt verrückt für jeden, der sich an Ahmadinedschad erinnert.“ Es war der Versuch, das zu bauen, was jedem Enthauptungsschlag fehlt, nämlich einen Ersatzkörper. Er scheiterte, bevor er begann.
Der Aufstand bleibt aus
Als Vehikel für den Sturz war die bewaffnete kurdische Opposition vorgesehen. Kurden stellen etwa ein Zehntel der iranischen Bevölkerung, ihre Parteien wurden nach der Revolution verboten und operieren seither aus dem Exil im Nordirak. Im Februar schlossen sich fünf von ihnen zusammen, unter ihnen die Demokratische Partei Kurdistan-Irans und Komala, um die Islamische Republik zu stürzen. US-Präsident Donald Trump ermunterte sie erst zum Aufstand und ruderte dann zurück. Zu den Waffen griffen sie allerdings nicht.
„Als Trump absprang, sprangen auch sie ab“, meint Freilich. Aus kurdischer Sicht war das eine nüchterne Rechnung. „Die iranischen Kurden haben die Lage sehr genau verstanden, ihre Fähigkeiten ebenso wie die zu erwartende Reaktion des iranischen Staates“, sagt Winthrop Rodgers, Associate Fellow bei Chatham House, dieser Zeitung. Sein Urteil über die Planer fällt vernichtend aus. „Es ist nur ein Beispiel dafür, wie unbedarft die politischen Vorkriegseinschätzungen in Washington und Tel Aviv waren.“
Hinzu kommt der Druck von der anderen Seite. Seit Februar hatten Iran und verbündete Milizen nach Zählung kurdischer Medien hunderte Angriffe auf den Nordirak geflogen. Entscheidend sei nicht deren militärischer Wert, betont Rodgers, sondern dass die Lager der einzige Ort waren, an dem die Parteien arbeiten konnten. Zugleich dränge Teheran Bagdad und Erbil, sie ganz zu vertreiben.
Warum der Kopf nicht der Körper ist
Dass die Rechnung nicht aufgehen konnte, liegt zudem an einem Denkfehler. Die Erwartung, die Tötung der Spitze bringe die Islamische Republik zu Fall, beruhe auf einer Fehlannahme, meint Kamran Matin, der an der Universität Sussex zu iranischer Politik forscht. Gemeint ist die Annahme, alle Macht sei allein im Amt des Obersten Führers gebündelt. Unter Ali Chamenei aber sei das System hochkomplex institutionalisiert worden. „Auch wenn es so aussieht, als übe der Oberste Führer die letzte Autorität aus, funktioniert es über eine Vielzahl formaler Institutionen sowie informeller Fraktionen und Netzwerke.“ Die eigentliche Macht liege bei den Revolutionsgarden. Und nach den Schlägen gegen Hamas und Hisbollah hatte Teheran Zeit, sich einzustellen.
Die zweite Lücke ist die Gegenseite. „Es gibt keine einzige Oppositionsgruppe, die eine glaubwürdige und handlungsfähige Alternative wäre“, so Matin. Das liege daran, dass die Staatsführung seit 1979 systematisch die Vertreter der Opposition habe töten lassen.
Kein Kriegsziel ist erreicht
„Von den Kriegszielen, also Machtwechsel, Ende des Atomprogramms und Reduzierung des Raketenprogramms, wurden die ersten beiden gar nicht erreicht“, bilanziert Freilich, der heute an der Universität Tel Aviv und an der Columbia University lehrt. Nur das dritte sei teilweise gelungen. „Aus israelischer Sicht war das eine außerordentlich vergeudete Gelegenheit. 30 Jahre lang haben wir davon geträumt, dass die USA an Israels Seite in den Krieg gegen Iran ziehen, um die Führung und das Atomprogramm auszuschalten. Und nichts davon ist eingetreten.“
Der günstige Moment sei zudem der Aufstand im Januar gewesen. Als die Straßen mit Demonstrierenden voll waren, war die Militärmaschine nicht fertig. Als sie fertig war, waren die Straßen wieder leer.
Die Hoffnung auf den Sturz der Islamischen Republik ist nicht gestorben, aber verwaist. „Ich halte es auf absehbare Zeit für wenig wahrscheinlich“, so Freilich. „Aber diese Führung ist zutiefst unbeliebt, und irgendwann werden die Menschen wieder auf die Straße gehen.“
Für Europa endet dieser Krieg also nicht mit einem Machtwechsel, sondern in einem Abnutzungskonflikt um eine Handelsader, dessen Rechnung an den nationalen Zapfsäulen ankommt.
Die kurdischen Parteien halten an ihrem Ziel fest, meint Winthrop Rodgers, an einem demokratischen Iran, der Minderheitenrechte anerkennt. „Aber diese Ziele scheinen so fern wie eh und je.“ Von außen hilft ihnen niemand mehr, und von innen ebenso wenig, denn ihre Forderungen nach Selbstbestimmung lehnt die Mehrheit der iranischen Opposition ab.
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