Müllkippen kokelten tagelang: Kreis Dieburg plante Verbrennungsanlage

Stand: 31.07.2026, 06:45 Uhr

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Der zunehmende Müll belastete die Städte und Gemeinden des damaligen Landkreises Dieburg vor 60 Jahren so sehr, dass man sogar die Verfüllung der 1000 mal 700 Meter großen Grube Messel anstrebte. Die Pläne wurden glücklicherweise gestoppt. Die Grube ist heute Weltnaturerbe.

Der zunehmende Müll belastete die Städte und Gemeinden des damaligen Landkreises Dieburg vor 60 Jahren so sehr, dass man sogar die Verfüllung der 1000 mal 700 Meter großen Grube Messel anstrebte. Die Pläne wurden glücklicherweise gestoppt. Die Grube ist heute Weltnaturerbe. © Michael Prasch

Vor 60 Jahren lockten wilde Müllkippen Ratten an und standen in Brand. Der Kreis Dieburg lud Bürgermeister nach Paris ein, um eine gigantische Müllverbrennungsanlage zu besichtigen.

Darmstadt-Dieburg – Vor etwa 60 Jahren belastete die Städte und Gemeinden des damaligen Landkreises Dieburg ein besonderes Problem: das steigende Müllaufkommen. Die schlimmen Nachkriegsjahre waren überstanden. Allenthalben entstanden neue Wohn- und Gewerbegebiete. Das Wirtschaftswunder war in vollem Gange. Und damit auch der Konsum. Angebote lockten reichlich. Auch in Katalogen von Versandhaushändlern wie Neckermann und Quelle.

Aber: Der zunehmende Konsum hinterließ immer mehr Abfall und Hausmüll in einer Zeit, in der es kaum eine geregelte Müllabfuhr gab, geschweige denn eine Mülltrennung. Stattdessen waren im heutigen Ostteil des Landkreises fast überall in den kleinen Gemeinden vor der Gebietsreform ziemlich wilde Müllkippen entstanden, auf denen die Einwohner notgedrungen alles entsorgten, was unbrauchbar und lästig geworden war.

Bürgermeister von Harreshausen staunte nicht schlecht

Das Sammelsurium reichte von Bauschutt und Sperrmüll bis zu Essensresten. Die Folgen waren nicht zu übersehen. Denn die Müllplätze lockten Ratten und Krähen an. Und immer häufiger wurden Halden in Brand gesteckt und kokelten tagelang vor sich hin. Brandgeruch waberte besonders an windstillen Tagen weithin über der Landschaft. Der Müll stank zum Himmel. Eine grundlegende Lösung musste her. Die gemeindlichen Deponien als Notlösung konnten nicht länger geduldet werden.

So steuerte der Kreis Dieburg, zu dem auch Urberach, Ober-Roden und Nieder-Roden gehörten, sogar den Bau einer Verbrennungsanlage an. Im Foyer des Landratsamts wurde ein Modell vorgestellt. Und Bürgermeister sowie Kommunalpolitiker zu einer Infofahrt nach Paris eingeladen, wo längst in einer gigantischen Anlage Müll verbrannt wurde. Mit an Bord war auch die Presse. Die Tour in die Weltstadt bot neue Einsichten.

Schon auf der Fahrt staunte der damalige Bürgermeister von Harreshausen, der Landwirt Wilhelm Hartmann, über die riesigen Agrarflächen, die sich beiderseits der Fahrbahn erstreckten, und sprach besorgt von drohender Konkurrenz. Beeindruckend bei der Ankunft war der für die damalige Zeit bereits gigantische Verkehr auf mehreren Fahrbahnen der Metropole, in der man außer der Müllverbrennungsanlage auch die berühmten Sehenswürdigkeiten besichtigte.

Und in Gruppen übrigens auch ein wenig in das berühmt-berüchtigte Nachtleben eintauchte. „Davon dürfen wir daheim nichts erzählen“, meinte ein Dieburger Kommunalpolitiker im Flüsterton, als er und seine Kollegen ein Varieté mit barbusigen jungen Frauen verließen. Im katholischen Dieburg galt damals im Freibad (noch) ein Bikini-Verbot.

Direkte Aus- und Nachwirkungen hatte die Infofahrt ins Nachbarland allerdings nicht. Es entstand keine Verbrennungsanlage im Landkreis Dieburg. Die Müllhalden, die auch bedrohlich für das Grundwasser wurden, riefen schließlich das Regierungspräsidium auf den Plan. Vor rund 50 Jahren wurde die Schließung der Deponien angeordnet.

Da hatte sich der Landkreis bereits darauf eingestellt, die Grube Messel als gigantischen Mülleimer zu nutzen. Ebenso „benachbarte Interessenten“. Und es waren für diesen Zweck bereits etwa 40 Millionen D-Mark investiert, als die Pläne glücklicherweise gestoppt wurden. Inzwischen ist der vor etwa 48 Millionen Jahren bei einer vulkanischen Gasexplosion entstandene ehemalige Maarsee glücklicherweise eine Fossilien-Fundgrube. Und seit mehr als drei Jahrzehnten, seit 1995, ein Weltnaturerbe der Unesco. (Michael Prasch)